Steyler Welt

Im Land des Unerwarteten

Uta Slotosch, 51, aus Berlin arbeitete für sechs Wochen mit den Steyler Schwestern im Hochland von Papua-Neuguinea. Ihr Fazit: wahrnehmen, nicht urteilen! Hier erzählt sie von ihren Erlebnissen

Uta Slotosch mit Sr. Dorota SSpS und zwei einheimischen Steyler Missionsschwestern

Ganz neu ist das alles für mich nicht – vor fünf Jahren war ich schon einmal in Papua-Neuguinea. Schwester Anna Damas (im letzten Jahr Autorin unserer Serie „Schwester Annas Merkzettel“, Anmerk. der Red.) hatte mich damals nach Alexishafen eingeladen – ans andere Ende der Welt, mit fast nichts dabei, dafür unbezahlbare Einsichten und Erlebnisse und eine inniger werdende Beziehung mit Gott.

Dieses Mal lebte ich mit drei Schwestern im Hochland Papua-Neuguineas. Für mich war klar: Ich komme nicht als Touristin, sondern um mich mit den Steyler Missionsschwestern für die Ausgegrenzten und Benachteiligten einzusetzen. Und da bin ich nun: In wunderschöner Natur eingebettet liegt in Yampu im District Enga das „Health Centre“ (Gesundheitscenter), das von Schwester Dorota SSpS so gut geleitet wird, dass Patienten Tagesmärsche auf sich nehmen und an anderen Krankenstationen vorbeigehen, nur um bei ihr und ihren Mitarbeiterinnen menschenwürdig empfangen und medizinisch gut betreut zu werden. Da ist beispielsweise Schwester Florence: Sie ist Krankenschwester und Hebamme und selbst eine „Fremde“ im Enga – sie wurde in einen anderen Clan hineingeboren. Schwester Miliana, liebevoll Schwester Milli genannt, wurde an der Küste Papua-Neuguineas geboren, auch sie ist Krankenschwester.

Ohne Geräte zu den Kranken

In der Krankenstation der Steyler Schwestern gibt es kaum Diagnosegeräte

Es war mein Wunsch, in einer Krankenstation mitzuhelfen. Und um wenigstens ein Minimum an Fachwissen zu haben, machte ich 2017 eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin. Durch meine Einsätze auf Berliner Rettungswagen und in der Notaufnahme eines Krankenhauses war ich gut auf das Leid der Menschen in Krisensituationen vorbereitet. Weniger gut war ich darauf vorbereitet, ohne Geräte zu arbeiten. Die deutsche Standardausstattung, etwa EKG oder Defibrillator, waren nicht vorhanden. Aber die Krankheiten sind auch völlig andere! Tuberkulose und HIV sowie Verletzungen durch Gewalttaten dominierten den Krankenhausalltag zusammen mit Schwangerschaft und Geburten, sexuell übertragbaren Krankheiten, Malaria, Laboruntersuchungen …

In der Krankenstation arbeitet kein Arzt, Schwester Dorota leitet als Krankenschwester und Hebamme die Klinik und arbeitet selber auch mit. 30 Angestellte untersuchen, diagnostizieren und behandeln die Patienten, auch chirurgische Eingriffe sind keine Seltenheit. Wenn der Fall zu schwer ist, wird der Patient mit dem Pritschenwagen über die Holperstrecke in das nächste Krankenhaus mit Arzt gebracht. Überall im Hochland bezahlen die Menschen ihre Behandlung – ein Krankenkassensystem gibt es nicht. Skurril kam mir anfangs vor, dass die Behandlung von Verletzungen durch Gewalttaten das Doppelte kostet! Um das Geld zu sparen, kommen die Menschen auf die verrücktesten Erklärungen, wie sie sich aus Versehen einen Finger abgetrennt haben …

„Ihr armen Europäer“
Meine Arbeit bestand im Wesentlichen im Aufnehmen und Notieren der Vitalzeichen. Wenn ein Patient die Krankenstation besucht – egal ob in der Notaufnahme, im „Green House“ für Schwangerenuntersuchungen, zur Geburt oder für einen HIV-Test – maß ich Blutdruck und Temperatur, wog die Menschen auf einer alten Waage und trug die Daten in ihre Gesundheitsbücher ein. Bei vielen dieser Bücher konnte ich mir Teile des Alltagslebens der Besitzer vorstellen – mal waren Ecken angekokelt (gekocht wird auf Feuer), mal waren die Seiten mit Sirup verklebt, und staubig sahen sie fast immer aus. Ich denke, dass die wenigsten einen Schrank besitzen, in den sie ihre Unterlagen ablegen.

Die Menschen im Hochland sind sehr arm. Schweine sind der einzige Reichtum, entsprechend gut werden die Tiere versorgt

Die Krankenstation der Schwestern hat viele finanzielle Probleme, weil der Staat seinen Pflichten nicht nachkommt. Medikamente und Materialien werden unregelmäßig geliefert. Vor meiner Anreise fragte ich nach, was ich mitbringen könnte: Nabelschnur- und Dammschnitt-Scheren. Mein Mann und ein muslimischer Apotheker kauften hochwertige Einmal-Instrumente, die dort nun für viele Jahre verwendet werden können.

Fast alle Kolleginnen und Kollegen im Health Centre waren junge, dynamische Leute mit teilweise offenem Blick in die Welt, die meistens „Australien“ heißt. Während wir die Mullbinden falteten, fragten sie, und ich musste die richtigen Worte finden, um unser Leben zu beschreiben, weil auf sie manches so seltsam wirken muss. Wir leben so unglaublich technisiert, strukturiert, organisiert … Sie beneiden uns nicht darum. Als ich versuchte, Hochhäuser zu beschreiben, in denen viele fremde Menschen miteinander leben, taten wir ihnen richtig leid.

Natürlich wollen alle Smartphones und Laptops, Geld und Luxus – aber dafür würden sie doch nicht ihr Leben aufgeben! Sie staunten, dass viele keine Gärten haben, sondern alles steril verpackt im Supermarkt kaufen – sogar das, was wir selbst anbauen könnten. Unser Steuerabgabesystem ist für sie merkwürdig, auch die hohen Abgaben für Kranken- und Rentenversicherung.
Auf der anderen Seite scheint in Papua-Neuguinea eine Subventionskultur zu bestehen. Sehr viele konnten ihre Ausbildung nur machen, weil Patenschaften aus dem Ausland für sie übernommen wurden. Ich hörte, wie eine Krankenschwester überlegte, ob sie sich fortbildete: Das sei ja schön, sie müsse sich nur noch um einen Spender kümmern! Zum ganz normalen Lebensplan gehört es, dass fremde Menschen die Verantwortung übernehmen.

Frauen bekommen oft schon sehr früh Kinder. Traditionelle Familienstrukturen wie in Europa sind selten

Viele haben schon Kinder, obwohl sie noch jung sind. Wenige leben in Familien, wie wir sie kennen. Oft sah ich Mütter, die im Familienverbund des Mannes leben, der aber woanders wohnt und dort vielleicht eine andere Frau hat. Es gibt 13-Jährige, die ihr zweites Kind bekommen und mit einem alten Mann verheiratet wurden oder weiter bei ihren Eltern leben. Es gibt Patchworkfamilien auf Zeit – solange es gut geht. Es gibt Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen, und ich hörte von Eltern, die ihre Töchter für ein Schwein weggeben.

Im Hochland sind die Menschen nach unseren Maßstäben wirklich arm. Wer im Busch lebt, bearbeitet sein Feld und lebt in einer Buschhütte. Durch das wundervolle Klima gibt es viele Ernten pro Jahr, niemand muss Hunger leiden. Um Schulgeld bezahlen zu können, werden die Früchte auf dem Markt verkauft, doch das reicht oft nicht. Wenige Menschen aus „meiner“ Gegend haben eine gute Schulbildung.

An einem Tag sind Schwester Milli und ich eingeladen: Freddy und John, zwei SVD-Novizen, wollen uns einige „Sehenswürdigkeiten“ der Gegend zeigen. Weitere Freunde, Brüder, Verwandte kamen mit, die meisten hatten ein großes Buschmesser oder eine Axt dabei – zur Verteidigung, wie sie sagen. Wir fuhren auf Holperstraßen, schuckelten über Bachläufe und Flüsse, wichen Schweinen und Kindern aus und besuchten in Wabag die Kathedrale, eine Ausbildungsstätte für Lehrer und ein leeres Ausbildungs-Krankenhaus. Seit Monaten ist das Krankenhaus geschlossen, weil Stammeskämpfe daneben stattfinden. Die Auszubildenden durften wochenlang ihre Unterkünfte nicht verlassen. Schwester Dorota erzählt mir, dass sie früher nach diesen Kämpfen immer die Speerspitzen entfernen musste. Heute müssen eher tiefe Buschmesser-Verletzungen behandelt werden.

Autofahrten in Neuguinea sind immer ein Abenteuer

Die Fahrt endete mit einer Straßensperre. Anspannung machte sich breit – die Luft war mit Emotionen angefüllt. Als der Fahrer wendete, fragte ich die anderen, was das zu bedeuten habe. „Fights“ – Kämpfe! Zum ersten Mal sah ich einen mit Streifen bemalten Kämpfer: Er trug locker erhoben eine Maschinenpistole. Meine Begleiter beruhigten mich: Er wird nicht auf mich schießen. Wenn er die falsche Person tötet, bekommt er großen Ärger, denn dann müssen er und sein ganzer Clan dem Opfer-Clan Entschädigung bezahlen. Diese Regel war meine ganze Sicherheit in diesem Land – einmal mehr Anlass, Gott für seinen Beistand zu danken!

Ich hatte den Eindruck, dass das Clanwesen das gesamte soziale Leben dominiert. Es ist entscheidend, zu welchem Stamm und Clan man gehört und mit wem dieser Stamm verfeindet ist. Ist einer aus meinem Clan Mitglied des Parlaments oder in einer anderen höheren Position? Dann wird er mich gut versorgen – aber seine Feinde sind auch meine Feinde.  

Wahrnehmen, nicht urteilen
Alles, was ich erzähle, ist richtig – aber auch falsch. Alles ist viel komplizierter. Wahrnehmen, nicht urteilen. Das musste mein Motto werden, weil ich einfach kapitulierte: Ich konnte nicht alles verstehen. Die Schwestern erklärten mir viel, und je mehr ich erfuhr, desto größer wurden die Fragezeichen. Oft endeten die Begründungen und logischen Ketten in: Das ist Tradition. Als ob das eine Erklärung wäre! Auch hier in Deutschland ist „das ist so Tradition“ ein Totschlagargument. Das sehe ich jetzt erheblich klarer als vorher. Traditionen lassen zu, dass Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten bestehen können und Motive nicht hinterfragt werden. Frauen sind oft die Leidtragenden, besonders in Papua-Neuguinea.

Nach dieser Zeit ist mein Glaube tiefer geworden, inniger. Vielleicht hängt das mit Ängsten zusammen, die mir Gott dort nahm, weil er meine einzige Alternative war. Vielleicht war es auch das gemeinsame Gebet mit den Schwestern. Für mich ist ihr Leben aufrichtig und konsequent. Das beeindruckt mich sehr!

Uta Slotosch

Januar 2019

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