"Im Schlafbus sind wir für Obdachlose unterwegs!“

„Arm ist, wer nur Geld hat“ steht auf der Rücklehne der Holzbank vor dem „Pfuusbus“, schweizerdeutsch für Schlafbus. Der Truck wird zusammen mit einem großen Vorzelt als Notschlafstelle in einem Außenquartier von Zürich geführt.

Irène und Jessica kümmern sich um Obdachlose.

„Arm ist, wer nur Geld hat“ ist auf der Rücklehne der Holzbank vor dem „Pfuusbus“, schweizerdeutsch für „Schlafbus“, zu lesen. Drei Männer stehen rauchend vor dem Truck, der zusammen mit einem großen Vorzelt vom Hilfswerk „Sozialwerke Pfarrer Sieber“ als Notschlafstelle geführt wird. Der Bus befindet sich in einem Außenquartier von Zürich, an der Endhaltestelle zweier Tramlinien.

Es ist 19 Uhr, im Vorzelt sitzen links auf Holzbänken ein paar Leute vor Suppentellern, dahinter liegen etwa 20 Matratzen am Boden, darauf einzelne Menschen in Schlafsäcken. Rechts, gleich am Eingang, gibt es eine Empfangstheke mit Computer. Dahinter steht Irène, eine der Freiwilligen, die die Notschlafstelle seit diesem Winter abwechselnd mit anderen betreut. Sie registriert die Ankommenden mit Namen und Geburtsdatum. Im Schnitt sind zwischen Mitte November und Mitte April, wenn die Schlafstelle geöffnet ist, um die 30 Leute pro Nacht hier, davon einige nur zum Essen. Pro Jahr sind es so rund 5.000 Übernachtungen.

Eine gute Sache

Irène kümmert sich auch privat um Alkohol- und Drogenabhängige und deren Kinder. Sie will Liebe schenken und vergleicht ihre Stellung mit der einer Mutter mit Kindern: „Das Herz sprechen lassen, aber auch mal streng sein, wenn es um die Ordnung geht“.

Ihr Kollege Valentin sagt: „Ich habe die Leute gern. Das hier ist einfach eine gute Sache. Nichtstun tut mir nicht gut“. Für ihn ist mehr dahinter als einfach eine Schicht als Hüttenwart: „Liebe geben hilft leben“, erzählt er, und man meint, Pfarrer Sieber zu hören. Der Gründer dieser und weiterer Institutionen für Obdachlose war evangelischer Pfarrer, Prediger in Kirche und Fernsehen und eine Institution in der Schweiz. Er starb 2018 im Alter von 91 Jahren.

Auf Kältepatrouille

Die meisten Gäste sind – im Gegensatz zu den Helfenden – männlich und über 50 Jahre alt. Da ist zum Beispiel Carlos mit dem Habitus eines Rockers, der aber doch ganz friedlich seine Rösti, Schinken und Rüebli isst. Oder Alex, 60, der seit fünf Jahren auf der Straße und im Sommer im nahegelegenen Wald in einem Zelt lebt. Im Winter ist er Stammgast im Pfuusbus und eine Plaudertasche, die zu jedem Gast und Helfer etwas weiß und jede Frage blitzschnell beantwortet. Er war ausgebildeter Autoelektriker und arbeitete nach der Lehre im Betrieb des Vaters mit, der mit Autozubehör handelte und es in Wagen einbaute. In der Schweizer Armee hat er es bis zum Oberleutnant gebracht und jetzt kennt ihn hier jeder wegen seiner auffälligen „Pirelli“-Jacke.

Inzwischen ist es 21 Uhr geworden, Belinda und Ika sind eingetroffen. Sie sind ehrenamtlich für die Kältepatrouille engagiert: Ika ist pensioniert, kann nicht schlafen und will die Nachtzeit daher sinnvoll nutzen, Belinda arbeitet als Pflegefachfrau in der Psychiatrie. Für beide ist es die erste Saison als freiwillige Helferinnen. Dennoch wirken sie eingespielt, als sie im Pfuusbus die Berichte der vergangenen Nacht lesen, um sich auf die Tour vorzubereiten. Aus dem Vorrats-Container holen sie Nahrungsmittel und Mineralwasser und packen sie zusammen mit ein paar Decken und Jacken ins Auto. Und dann geht es los. Sie fahren zu jenen Orten im Stadtgebiet von Zürich, wo sie aufgrund eigener Erfahrung und wegen der Protokolle der vergangenen Nächte Obdachlose vermuten: Bahnhöfe, WC-Anlagen am See, Friedhöfe, Endhaltestellen von Trams und auch eine Hütte im Wald auf dem Zürichberg, dem bevorzugten Wohnquartier der ganz Reichen.

Alltägliche Not

Diese Nacht ist ziemlich ruhig, ungefähr ein halbes Dutzend Menschen treffen sie an, versorgen sie mit Verpflegung, Decken und ein paar Zigaretten. Mit den meisten ergibt sich ein Gespräch: Man kennt sich, duzt sich und tauscht sich aus. Es wirkt wie im falschen Film: Wie kann man mit Leid und Not so normal umgehen, als ob das Alltag wäre? Aber es ist Alltag.

Die Tour dauert bis in den frühen Morgen. Zurück beim Pfuusbus schreiben die beiden Frauen noch den Bericht und räumen alles wieder ein. Sie und die anderen freiwilligen Helfer sind gemäß dem Motto „Arm ist, wer nur Geld hat“ unheimlich reich, denn sie haben eine sinnvolle Aufgabe.

Roger Tinner

Januar 2020

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Alle Ehrenamtlichen

Auch diese Menschen engagieren sich ehrenamtlich:

Inez Naumann, Demenzbegleiterin

Jessica Dorndorf, Gründerin einer gemeinnützigen Organisation

Norbert Niederegger, freiwilliger Wetter- und Klimabeobachter

Maryam Hosseini, Übersetzerin