Brauchtum

Im Tod sind alle gleich

Auf dem Friedhof des Lungauer Bergdorfs sind alle Gräber einheitlich gestaltet. Egal ob Bürgermeister, Bauer oder Knecht – seit dem 17. Jahrhundert bekommt hier jeder das gleiche Grab

Die Truhengräber bestehen aus schwarz und silber bemalten Lärchenbrettern.

Lessach im Bezirk Tamsweg ist eines der kleinsten und dabei höchstgelegenen Bergbauerndörfer Salzburgs. Auf 1200 Meter leben hier gerade einmal 300 Menschen. Klar, dass der Friedhof rund um die Pfarrkirche St. Paul auch nicht sehr groß ist. Und doch ist er eine kulturgeschichtliche und volkskundliche Besonderheit. Ein Ort, dessen Besuch sich nicht nur zu Allerheiligen lohnt.

Aus der Überzeugung heraus, dass im Tod die Unterschiede an gesellschaftlichem Rang oder Geld unwichtig sind, werden hier seit dem 17. Jahrhundert alle Verstorbenen in gleich gestalteten „Truhengräbern“ bestattet. Die 130 Gräber sind einheitlich mit schwarz und silber bemalten rechteckigen Holzrahmen aus Lärchenbrettern, den „Sarchen“ (von Sarg), eingefasst. Die Ränder und das „IHS“-Symbol an der Stirnseite sind silberfarben aufgemalt, früher wurden die Sarchen auch mit Sprüchen geschmückt. Jedes Grab ist mit einem kunstvoll verzierten guß- oder schmiedeeisernen Kreuz versehen, das den Namen des Toten und seine Lebensdaten trägt.

Grabsteine sind nicht erlaubt
Die Sarchen sind einzigartig in Österreich, vermutlich sogar weltweit. Um den außergewöhnlichen Friedhof auch in Zukunft zu erhalten, hat sich die Pfarrgemeinde vor einiger Zeit entschlossen, diesen alten Brauch durch die Friedhofsordnung festzuschreiben. Das Traditionsbewusstsein in dem kleinen Dorf ist noch groß. In der Friedhofsordnung ist verbindlich geregelt, dass die Familien-, Kinder- und Einzelgräber mit einer Holzeinrahmung zu versehen sind und nur eiserne Kreuze aufgestellt werden dürfen. Steinsockel und Grabsteine sind nicht erlaubt.

Manchmal gibt es Anfragen von „Auswärtigen“ oder Menschen, die aus dem Ort weggezogen sind, nach einem Grab in Lessach, weil ihnen der Friedhof so gut gefällt. Doch einen „Begräbnistourismus“ wollen die Lessacher nicht. Die Friedhofsordnung ist streng, es dürfen nur Personen mit Wohnsitz oder Lebensmittelpunkt in Lessach mittels Erdbestattung begraben werden. „Der Friedhof hat nur beschränkten Platz, deshalb bleiben die Gräber den Einheimischen vorbehalten“, sagt Dechant Markus Danner, Pfarrer im Pfarrverband Tamsweg-Lessach-Seetal.

Begräbnis ohne Priester
Erste Aufzeichnungen über eine Begräbniserlaubnis in Lessach gehen auf das Ende des 16. Jahrhunderts zurück. Davor fanden die Bestattungen auf dem Friedhof des rund zehn Kilometer entfernten Mariapfarr statt. Da im Winter der Transport der Toten wegen der Wetter- und Wegverhältnisse nicht immer möglich war, griff die Lessacher Bevölkerung zur Selbsthilfe. Die Begräbnisse mussten manchmal auch ohne Priester abgehalten werden, wenn dieser das Dorf nicht erreichen konnte. Sie wurden aber durch Bezahlung einer Begräbnistaxe von der Kirche toleriert. Ab 1617 wurden diese Bestattungen jedoch untersagt.

Nach einem Rundgang über den Friedhof mit seinen von den Angehörigen liebevoll mit Blumen geschmückten Grabstätten lohnt sich auch ein Abstecher zum Beinhaus an der Nordseite der Kirche. Früher war es üblich gewesen, die Toten nicht in Familiengräbern beizusetzen, sondern in der Reihe des Todes in Einzelgräbern. Wenn der Friedhof voll belegt war, wurden die ältesten Gräber wieder geöffnet, die Gebeine ausgegraben und im Beinhaus aufbewahrt, um Platz für die nächsten Beerdigungen zu schaffen.

Walter Schweinöster

November 2018

Kommentare (1)

  • Frau Hermine Bauer
    Frau Hermine Bauer
    vor 3 Wochen
    Das ist gut!!!
    Kein Grab seht protzig aus,
    oder vernachlässig/vergessen.
    Alle sind gleich,ob reicht oder arm.
    Wir sind beim Gott alle gleich,
    ob arm oder reicht.
    Gott macht keine Unterschiede,auch nicht im Tod.

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