Das Gespräch

Jede Seele braucht eine emotionale Insel

Die Geschichte von Adam und Eva fasziniert uns bis heute. Der Bestsellerautor und Pulitzer-Preisträger Stephen Greenblatt erzählt sie und zeigt uns auch, was es heißt, ein Mensch zu sein. stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner hat den gebürtigen Amerikaner befragt

Warum war es Ihnen wichtig, die Geschichte von Adam und Eva zu erzählen?
Ich war schon immer fasziniert von der Kraft von Geschichten. Insbesondere von Geschichten, die über weite Strecken von Zeit und Raum reisen können. Mit ihrem Platz in der jüdischen, christlichen und muslimischen Kultur ist die Geschichte von Adam und Eva eine der erfolgreichsten und einflussreichsten Kurzgeschichten der Welt. Es ist das beste Beispiel der Erzählkraft.

Warum ist diese biblische Erzählung in der abendländischen Kultur bis heute so mächtig geblieben.?
Sie nimmt für sich in Anspruch, mit wenigen Worten einen Großteil des menschlichen Daseins zu erklären: die Vorherrschaft unter den Spezies. Liebe. Sexuelles Verlangen. Die Sünde in Form der Überschreitung eines Verbots. Die Unterdrückung der Frauen. Der Schmerz des Gebärens. Die Sterblichkeit. Sogar die Angst vor Schlangen. Das bedeutet einen unerhörten Triumph der Fantasie, der Vorstellungskraft, und er wurde von den drei großen monotheistischen Religionen des Westens als Grundpfeiler übernommen. Vergessen wir nicht: Jeder, der einen bedeutsamen Beitrag zur Weitergabe der Erzählung geleistet hat – ob Intellektueller oder Künstler, Priester oder Philosoph – hat sich selbst vollständig in diese Geschichte hineinprojiziert und weitergetragen. Insofern machen nicht wir uns die Geschichte von Adam und Eva zu eigen, sondern sie ergreift von uns Besitz. Wir begegnen ihr wie Kinder und wir vergessen sie nie mehr.

Erschüttert Ihre Analyse nicht den menschlichen Glauben in seinen Grundfesten?
Ich wüsste nicht, warum. Ich habe kein Interesse daran, einen Tempel des Atheismus an der Stelle des alten Glaubens zu errichten. Aber wenn sich angesichts so vieler gegenteiliger wissenschaftlicher Beweise Millionen Menschen in der modernen Welt immer noch dazu bekennen, an die Wahrheit der Schöpfungsgeschichte zu glauben, finde ich persönlich diesen Beweis nicht in Gott, sondern in der Kraft der menschlichen Vorstellungskraft und der magischen Kraft des Geschichtenerzählens.

Wir alle wissen, dass sowohl das Alte als auch das Neue Testament nur Geschichten oder zeitgenössische Berichte sind, aus denen sich später mächtige Religionen entwickelt haben. Was bleibt den Religionen, wenn ein Mythos nach dem anderen wissenschaftlich erklärt wird?
Große Literatur und Kunst. Ich würde niemals das Wort "nur" benutzen, um die Mythen zu beschreiben, nach denen die Menschen leben.

Wissenschaftler studieren derzeit das Gebet. Ergibt es Sinn, alles in Frage zu stellen, oder braucht die Seele doch emotionale Inseln, aus denen sie Kraft schöpfen kann?
Natürlich braucht unsere Seele diese Inseln. Ich meditiere, höre Bach und Schubert. Damit nicht genug: Ich rezitiere täglich auf Hebräisch – sozusagen als Mantra –  die 13 Attribute Gottes.

Bitte erklären Sie unseren Lesern die Rolle von Dürer bei der Mystifizierung von Adam und Eva.
Ich bin mir nicht sicher, ob Mystifizierung der richtige Begriff ist, obwohl er die Körper der ersten Menschen sicherlich als vollkommen schön dargestellt hat. Was er brillant in einem Bild festzuhalten vermochte, war der Gedanke des "kurz davor" - also des Augenblicks, kurz bevor sich die Welt für immer veränderte.

Welche Rolle spielt die Geschichte von Adam und Eva in der heutigen Gesellschaft?
Viele! Am meisten fasziniert mich dabei der Fokus auf die menschliche Verantwortung für zumindest einige der Leiden der Welt. Dabei geht es mir aber – wie es häufig gemacht wird – nicht um die Notwendigkeit der Arbeit oder den Schmerz der Geburt oder die Angst vor Schlangen. Unsere Verantwortungen sind andere. Es gibt unzählige Mythen vom Ursprung des Menschen – unsere Spezies, so scheint es, ist in dieser Hinsicht besonders erfinderisch. Ich behaupte nicht, alle oder auch nur die meisten davon zu kennen. Doch die hebräische Ursprungsgeschichte beharrt in meinen Augen ungewöhnlich intensiv auf der moralischen Verantwortung der Menschen für unser Schicksal und das der Welt. Auffallend ist, dass wir heute einer Erkenntnis wieder näher sind, als das viele Jahrhunderte der Fall war: Zwischen den moralischen Entscheidungen, die wir treffen, und dem Schicksal der Welt, in der wir leben, besteht ein Zusammenhang. Wie sonst können wir begreifen, welche Auswirkungen der Mensch auf die Umwelt und auf die Spezies hat, die wir unmittelbar in ihrer Existenz bedrohen?

Muss die biblische Geschichte neu geschrieben werden?
Nein. Aber natürlich muss sie ihren bestimmten Platz – neben den vielen anderen Berichten über unsere Herkunft – einnehmen.

Sie sind als kleiner Junge Atheist geworden, weil Sie Ihren Kopf in der Synagoge trotz des Verbots Ihrer Eltern erhoben und keinen Gott gesehen haben. Haben Sie seit diesem Tag an nichts mehr geglaubt?
Nein. Ich glaube an unzählige Dinge. Ich sehe mich auch nicht als Atheist, obwohl ich glaube, dass die Götter, die wir anbeten, Produkte der menschlichen Fantasie und unseres bescheidenen Bewusstseins sind. Für mich ist klar, dass wir nicht alles verstehen und begreifen.

Der verstorbene Journalist und Autor Ralf Bauerdick verlangt in seinem Buch "Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch" mehr Demut und Pragmatismus im Glaubensalltag von uns. Was verlangen Sie?
Mir geht es um eine liebevolle Fürsorge für die Welt. Es ist einzige Welt, die wir je bewohnen werden – mit all ihren Facetten, Tieren, der Natur. Das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.

Sind Hoffnung und Glaube nicht wichtige Eckpfeiler, um Menschen in der heutigen Zeit, die von Krisen und Veränderungen geprägt ist, Halt zu geben?
Selbstverständlich. Aber es darf dabei sich nicht auf nicht ein dogmatisches Beharren auf der wörtlichen Wahrheit von Geschichten beschränken, von denen wir wissen, dass sie Fiktionen sind.

Papst Franziskus ist ein Pragmatiker. Was soll er denn machen? Die Kirche auflösen?
Ich glaube, dass Papst Franziskus eine großartige Arbeit leistet. Er ist dabei, seine Kirche in neue Richtungen zu führen. Und er spricht als anständiger, fürsorglicher Mensch. Ich war im vergangenen Jahr an Heiligabend im Petersdom und habe die Predigt von Papst Franziskus gehört. Seine Worte haben mich tief bewegt.

In Ihrem Buch "Die Wende: Wie die Renaissance begann", für das Sie den Pulitzer-Preis erhielten, beschreiben Sie die Ansichten des antiken römischen Dichters Lucretius. Im ersten Jahrhundert vor Christus hatte er viele moderne Gedanken. Unter anderem sagte er, dass die Welt aus Atomen bestehe, dass es kein Leben nach dem Tod gebe. Er argumentierte, auch wenn es Götter gäbe, würden diese sich nicht um die Menschheit kümmern. In Ihrem neuen Buch erscheint Lucretius wieder. Als ein Denker, der einige Dinge in der Tierwelt beobachtet hat, die Darwin als Beweis für die natürliche Auslese sieht. Zufall? Oder gibt es ein Prinzip, dass in der rationalen und emotionalen Welt alles aufeinander aufbaut?
Mich interessierte die Geschichte von Adam und Eva als das genaue Gegenteil von Lucretius' Darstellung der Ordnung der Dinge: Ich wollte die Natur der Dinge nicht als ständige Folge zufälliger Kollisionen über eine unendliche Zeitspanne hinweg betrachten. Mir ging es um die Natur der Dinge als Folge einer einzigen, bewussten Handlung des ursprünglichen Mannes und der ursprünglichen Frau.

Was darf Religion?
Alle Religionen sollten versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Aber nicht, indem ihnen ein Sammelsurium von Überzeugungen aufgezwungen wird. Oder dass Terroristen unschuldige Menschen in die Luft jagen, die nicht den Glauben der Attentäter teilen.

Woran glauben Sie?
Ich glaube an das fünfte Buch Moses aus dem jüdischen Tanach und dem Alten Testament – das Deuteronomiun: Vor dem Einzug in das gelobte Land ruft Mose den Israeliten als letzte Mahnung beschwörend zu: ,,Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben.“ Ich wähle das Leben.

Was könnte Sie wieder glauben lassen? Ohne wirkliche Beweise?
Wenn Sie den dogmatischen Glauben an diese oder jene Gottheit meinen, dann bezweifle ich, dass es wahrscheinlich ist, dass irgendetwas das schafft. Aber ich glaube nicht, dass religiöser Glaube von Beweisen abhängt.

Der Mythos von Adam und Eva bleibt auch für Sie bestehen. Welche Teile davon werden Ihrer Meinung nach nie entschlüsselt? Glauben Sie, dass der Mythos in der modernen Gesellschaft immer mehr verschwinden wird?
Die frühesten Spuren des Menschen sind Werkzeuge oder Kunst. Ich denke, die Geschichte von Adam und Eva ist beides. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass gerade diese Geschichte sie noch sehr lange überleben wird. Im Gegensatz zu anderen.

Zurück in die Gegenwart: Es scheint, als ob bekannte Strukturen brechen, Allianzen halten, Egoismus (wie bei Eva) immer mehr gewinnt. Überall drohen Kriege, die Angst vor dem großen Knall wächst. Was können wir tun?
Jeder von uns hat einen eigenen Weg, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Was sagen Sie zu Ordensschwestern, Missionaren, Priestern oder Rabbinern, die an der Basis Glauben und Hilfe vermitteln wollen.
Ich bewundere alle, die von ihrem Glauben inspiriert werden, gute Taten zu vollbringen. Aber seien wir auch ehrlich: Nicht jede menschliche Großzügigkeit ist durch religiöse Überzeugungen motiviert, zum Beispiel Ärzte ohne Grenzen. Jede Motivation zur Hilfe ist wichtig und verdient Unterstützung.

Wie sind Sie mit Religion und Glauben in Bezug auf Ihre Kinder umgegangen?
Wir haben unsere Kinder in der religiösen Tradition erzogen, in die ich hineingeboren wurde. Wir erleben und genießen zum Beispiel die Feiertage. Sie sind eine der Freuden unseres Lebens. Mein jüngstes Kind, 17 Jahre alt, lebt noch bei uns zu Hause.  Jeden Freitagabend segnen wir den Wein und das Brot, und wir sprechen den hebräischen Segen über den Laib. Um eine spirituelle Dimension zu erleben oder zu leben, ist es nach meiner Meinung nach unnötig, sich dem wörtlichen Glauben anzuschließen.

Was passiert nach dem Tod?
Wir kehren in die Erde zurück, aus der wir kommen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Natürlich. Ich liebe das Leben und ich werde mich nicht freiwillig davon trennen.

Thomas Pfundtner

Oktober 2018

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 25.09.2018
    Jeder Mensch hat natürlicherweise seinen eigenen Zugang zum Glauben, seine individuelle Sicht auf die Dinge zwischen Himmel und Erde. Die Sicht von Stephen Greenblatt ist anschaulich dargestellt und es ist interessant, dass er, obwohl nicht am ursprünglichen Glauben festhaltend, doch die Traditionen, die dem jüdischen Glauben entstammen, in seiner Familie lebt. Sabbatbeginn, einer der schönsten Momente der Woche, etwas, das jeder einmal erlebt haben sollte. Vielleicht sind es diese Dinge, die uns Menschen Sicherheit geben, Kraft am Leben festzuhalten, Energie um Gutes zu tun und anderen beizustehen. Auch Geschichten der Bibel geben uns Einsicht ins Leben, sind sogar auf unser heutiges Leben übertragbar.
    Man sollte einmal darüber nachdenken, Anstöße gibt es in diesem Gespräch. Danke, dafür!

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Zur Person

Stephen Greenblatt (74), ist ein amerikanischer Literaturwissenschaftler, der für sein Buch „Die Wende: Wie die Renaissance begann“ im Jahr 2012 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Geboren in Boston (Massachusetts) studierte er erst am Pembroke College der Universität Cambridge und wurde dann in Harvard 1969 promoviert. Seinen Themenschwerpunkt hat der Wissenschaftler auf das Werk  William Shakespeares und das Elisabethanische Zeitalter gelegt. Die von ihm mitbegründete Theorie des New Historicism versucht literarische Werke im Spiegel ihrer Zeit zu sehen. In seinen Veröffentlichungen setzt Greenblatt häufig zeitgenössische Quellen ein. Er liest sie parallel zum literarischen Text und versucht so ein Stück der Geschichte zu rekonstruieren.

Greenblatt ist Gründer und Mitherausgeber der literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift Representations, dem Zentralorgan des New Historicism. 1987 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.