Interview

"Jerusalem ist eine Diva ohne Make-Up"

Pater Nikodemus Schnabel lebt seit zwölf Jahren in Jerusalem. Für ihn ist es ein Geschenk, in dieser Stadt als Benediktinermönch zu leben und zu beten

Pater Nikodemus Schnabel

Sie wurden evangelisch getauft und sind mit 13 Jahren zum Katholizismus konvertiert. Warum?

Ich empfinde mich nicht als Konvertit, da ich nie evangelisch sozialisiert war. Die Entscheidung, katholisch zu werden, kam durch eine Einladung zur Konfirmation. Ich habe mir ein Jahr lang die evangelische Kirche angeschaut und musste feststellen,  dass ich da nicht hingehöre. Bei der katholischen Kirche wird die Inkarnation, dass Gott Mensch wurde, in Jesus Christus sicht- und hörbar war, sehr ernst genommen. Es gibt mehr als nur das Wort, das Luther so betont. Das hat mich viel mehr angesprochen. 

Was ist für Sie das Wesentliche im Glauben?

Dass wir von Gott geliebt sind. Das ist für mich besonders in der katholischen Liturgie spürbar. 

Was bedeutet Ihnen Ihr Glaube?

Lebensabenteuer. Mein Glaube ist das Zentrum meines Lebens. Der Glaube ist für mich die intensivste Form, mein Leben, das mir geschenkt wurde, zu leben. Ringen, Zweifeln, Kämpfen, Gott suchen - das bedeutet Glaube für mich. Die Beziehung zu Gott ist eine dramatische, wie eine Liebesbeziehung mit all ihren Höhen und Tiefen. Das Ziel ist nicht, dass ich Gott finde, sondern dass ich von Gott gefunden werde.

Sie haben sich ganz bewusst für das Benediktinerkloster in Jerusalem entschieden, für Sie eine Lebensberufung. Wann waren Sie sich Ihrer Berufung sicher?

Bis heute nicht. Es ist eine Sehnsucht. Diese Sehnsucht ist durch mein Studienjahr und durch die heilsame Erfahrung meiner schweren rheumatischen Krankheit in Jerusalem entstanden. Da hatte ich die Gelegenheit mein Leben neu zu überdenken.  Ich erlebe es als Geschenk, jeden Tag Gott zu suchen in dieser faszinierenden Stadt.

Was bedeutet Ihnen diese Stadt?

Mit dieser Stadt verbinde ich unglaublich wunderbare und sehr schlimme Erlebnisse. Jerusalem ist einfach unglaublich ehrlich, total unfähig zum Smalltalk; hier geht es gleich um Gott und Politik. Sie ist für mich wie eine gealterte Diva, die kein Makeup trägt und stolz auf ihr Leben und ihre Lebensreife ist. Eine Stadt, die ihre Wunden fast kokettierend offen zeigt. Mit lebendigen Steinen, 50 verschiedenen Konfessionen, einer bewegten, über 4000 Jahre alten Geschichte. Jerusalem ist die Stadt, in der das Christentum entstanden ist. Wir leben zwar mit zwei Prozent Christen in der Minderheit, sind aber tatsächlich die einzige Religion, die wirklich dort entstanden ist. 

In Jerusalem haben Sie das Schlimmste und das Schönste erlebt. Was?

Das Schlimmste, Schönste und Wichtigste gleichzeitig war der Ausbruch meiner Krankheit im Jahr 2000, mit Erblindung, mit Bewegungsunfähigkeit und mehreren Wochen im Krankenhaus. Jerusalem ist für mich die Stadt, wo mein Leben eine Wende bekommen hat, hier ist meine Berufung zum Mönchtum erwachsen.

Schlimm ist zu erleben, dass Menschen mich hassen, weil ich Mönch bin und an Christus glaube. Allein in den letzten fünf Jahren haben wir etwa 50 Brandanschläge auf Kirchenräume in Jerusalem erlebt. Wirklich schön war auch meine Priesterweihe, zu der viele meiner Freunde kamen, Juden, Muslime, Armenier, Kopten, Syrer, Äthiopier, wirklich alle Konfessionen. Meine Primiz fand an der Grabeskirche, am Auferstehungsort Jesu statt, das war schon sehr bewegend.

Ist Jerusalem Ihre Heimat geworden?

Heimat ist für mich mein Kloster, der Ort, wo ich zur Ruhe komme. Mit den Mitbrüdern, die sehr wichtig sind, mit denen ich gemeinsam tagtäglich Gott im Gebet begegne, mit denen ich als Weggemeinschaft durch mein Leben gehe.

Der christliche Ost-West-Dialog ist Ihnen ein Herzensanliegen. Wie wird dieser Dialog in Jerusalem gelebt?

Einerseits wird er hervorragend gelebt, gerade wenn große Feste gefeiert werden, sind alle da. Auf der Ebene von Gerechtigkeit, Frieden, Einheit der Christen läuft es schon sehr gut. Wir haben ein sehr geschwisterliches Miteinander, gerade diese „Mönch zu Mönch-Ökumene“ ist sehr aktiv. Was wirklich schwach ausgeprägt ist, ist der theologische Dialog. Da gibt es immer die Standard-Ausrede: Wir sind zu wenige, der Dialog läuft in Beirut, New York, Wien oder Rom. 

Was ist der wahre Grund hinter dieser Ausrede?

Der Nah-Ost-Konflikt ist so dominant, dass viele sagen: Wie kann man über solche Fragen diskutieren, wenn es doch eigentlich immer um Sein oder Nichtsein geht. 

Sind Sie manchmal mutlos angesichts der Tatsache, dass sich auf dem Weg zum Frieden scheinbar nichts bewegt? 

In diesem Punkt bin ich unheilbar naiv. Ich werde tatsächlich nicht mutlos, da ich immer das Positive sehe. Die größte Herausforderung im Heiligen Land ist es, nicht zynisch oder sarkastisch zu werden. Es gibt diese schönen Zeichen, dafür habe ich mir den Blick geschärft. Wenn ich zum Beispiel jüdische und muslimische Kinder miteinander im Pool planschen sehe, die ganz unverklemmt miteinander umgehen. Nach einem Brandanschlag kamen Juden zu uns und sagten, wir sind bei Euch, ein Jerusalem ohne Mönche wäre nicht mehr unser Jerusalem. Die Stadt hat so viele faszinierende, wunderbare Menschen, viele, die sich im Kleinen bemühen. Für mich ist es eine Gnade, dort Mönch zu sein, sich täglich neu vor Gott zu stellen, Gott zu suchen und den Blick zu wahren für das, was es gibt. 

Melanie Fox

April 2016

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Zur Person

Pater Nikodemus Schnabel wurde 1978 in Stuttgart geboren. Nach seinem Theologiestudium trat er mit 24 Jahren in die Benediktinerabtei Dormitio auf dem Berg Zion in Jerusalem ein. Er ist promovierter Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler, außerdem deutschsprachiger Auslandsseelsorger in Israel. Sein Buch „Zuhause im Niemandsland. Ein Leben im Kloster in Israel zwischen Israel und Palästina“ ist im Herbig Verlag erschienen.