Interview

"Jesus brachte uns ein neues Gottesbild"

„Jesus Christus ist mein ständiger Begleiter und mein Vorbild“, sagt Bastian Sick. Vielen ist der Autor, Journalist und Entertainer bekannt durch sein Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Dass der „Sprachpapst“ auch ein gläubiger Christ ist, wissen die wenigsten

Autor Bastian Sick©Till Gläser

Autor und Entertainer Bastian Sick

Haben Sie den Eindruck, dass wir auf den Niedergang der deutschen Sprachkultur zusteuern?
Nein, überhaupt nicht. Die Sprache ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, und da wir in einer demokratischen Gesellschaft leben, hat jeder die Möglichkeit, auf unsere Sprache Einfluss zu nehmen, sie zu gestalten. Jeder darf sie so verwenden, wie er es möchte und für richtig hält. Dass es diese Möglichkeit, dieses Recht gibt, ist etwas ganz Wunderbares. Jedoch bin ich skeptisch, wenn Politiker in die Sprache eingreifen und uns vorschreiben wollen, wie wir bestimmte Dinge zu benennen haben.

Haben Sie da ein Beispiel?
Nehmen wir nur die sogenannte Genderisierung der Sprache. An vielen Hochschulen wurde das Wort „Studenten“ geächtet, weil darin die Frauen angeblich nicht vorkommen. Stattdessen heißt es nun „Studierende“. Für mich grober Unfug! In Österreich gibt es tatsächlich schon ein Gesetz, das besagt, dass Schulbücher in jeder Formulierung zweigeschlechtlich sein müssen. Es muss also immer mit einem Schrägstrich heißen: „Jede/r gibt seinen/ihren Text an seinen/ihre Nachbar/in weiter“. Dadurch werden die Texte unnötig lang und schwerer zu lesen. Wann immer Sprache zum Politikum wird und jemand meint, vorschreiben zu müssen, welche Wörter wir verwenden dürfen, schrillen bei mir die Alarmglocken. Denn das sind Wesensmerkmale einer Diktatur.

Viele Dialekte gehen heutzutage verloren. Wie wichtig sind die unterschiedlichen Mundarten?
Auch das ist ein Zeichen unserer Zeit. Ob man das aufhalten kann, weiß ich nicht. Bedauerlich ist es schon, denn es ist immer schade, wenn etwas verschwindet, was vielen Menschen geläufig ist oder war. Ein Verdrängen oder Verlagern der Sprache hat es jedoch schon immer gegeben. Sprache muss sich stets an die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen anpassen.

Inwiefern?
Eine Folge der Anpassung an die veränderte Wirtschaftsordnung der Welt, an die Globalisierung, sind die viele Anglizismen in unserer Sprache. Über viele Jahrhunderte war das Französische die vorherrschende Sprache und hat auch ganz stark die deutsche Sprache geprägt. Das war schick, es gehörte dazu, französisch zu sprechen oder jedenfalls viele französische Wörter in sein Deutsch einfließen zu lassen. Ganz viele Dinge hatten ganz selbstverständlich französische Bezeichnungen. Seit dem 2. Weltkrieg gewinnt die englische Sprache immer mehr an Einfluss, tatsächlich auch als Spiegelbild der Politik: Amerika hat Frankreich den Rang als Weltmacht abgelaufen. Als Romanist pflege ich natürlich meine Romanismen und sage „pardon“ statt „sorry“, „Souterrain“ statt „Basement“, „Mannequin“ statt „Model“.

Viele Kinder tun sich heute schwer mit Zeichensetzung und Zeitformen der deutschen Sprache. Schwerer als vor zwei Jahrzehnten – auf jeden Fall gefühlt. Ist das so?
Ganz bestimmt. Vermutlich, weil die Grundlagen der deutschen Sprache nicht mehr in dem Maße wie früher unterrichtet werden. Zudem wird heute vielen Kindern schnell ein ADS-Syndrom attestiert, aber ob das tatsächlich ein solches ist oder „nur“ eine Nervosität, wie man sie immer gehabt hat? An vielen Grundschulen wird heute auch nicht mehr die Verbundschrift gelehrt, sondern nur noch die Blockschrift. Das sehe ich als großen Fehler an. 

Warum?
Mit dem Erlernen einer gebundenen Schreibschrift trainiert das Gehirn, Zusammenhänge zu erfassen. Schüler, die Schreibschrift gelernt haben, können sich Dinge besser merken und besser darstellen. Fällt dieses Hirntraining weg, darf man sich nicht wundern, wenn sich die Schüler mit dem Erlernen von komplexen Regeln – und dazu gehört auch die Zeichensetzung – schwerer tun.

Welchen Ratschlag würden Sie einer Mutter oder Oma geben, damit das Kind Spaß beim Erlernen der deutschen Sprache hat?
Der Oma würde ich auf jeden Fall den Rat geben, ihren Enkelkindern noch selbst etwas vorzulesen. Durch das Vorlesen werden kleinen Kindern schon gewisse sprachliche Muster eröffnet. In der Märchenliteratur, in den Kinderbuchklassikern von Astrid Lindgren, Erich Kästner, Ottfried Preußler u.a. steckt eine sehr schöne, nicht zu komplizierte, aber ausgereifte Sprache, die die Kinder in dem Alter schon faszinieren und prägen kann. Der Wortschatz wird erweitert, aber auch das Gefühl für Zeiten, weil in der Literatur viel in der Vergangenheit erzählt wird und auch mal im Konjunktiv. Das Vorlesen schafft außerdem eine Bindung zwischen dem Vorleser und dem Zuhörer, die sehr intensiv ist und ein ganzes Leben lang anhält. Ich kann mich an die Menschen, die mir vorgelesen haben, noch sehr gut erinnern und es ist immer eine warme Erinnerung. 

Und den Eltern?
Den Eltern würde ich empfehlen, bei der Auswahl der Grundschule darauf zu achten, dass es eine ist, an der noch eine Verbundschrift gelehrt wird. Außerdem ist es wichtig, die Hausaufgaben regelmäßig zu beaufsichtigen und möglichst viel mit den Kindern zu sprechen, z. B. bei den gemeinsamen Mahlzeiten. 

Sie sind in Ratekau aufgewachsen, einer Gemeinde mit einer Feldsteinkirche aus dem 12. Jahrhundert. Welche Bedeutung hat diese Kirche für Sie?
Sie war sehr früh schon mein zweites Zuhause. Ich ging regelmäßig in den Kindergottesdienst. Kirche fand bei uns aber auch immer zu Hause statt: in Gesprächen, in der Wertevermittlung. Mein Großvater war Pastor, ich habe ihn zwar nicht mehr kennengelernt, weil er im Krieg gefallen ist, meine Großmutter war jedoch ebenfalls eine sehr christliche und kirchlich engagierte Frau und außerdem Organistin. Auch zu Hause spielte sie häufig Kirchenmusik. Mit fünf Jahren durfte ich in den Kirchenchor und bin diesem bis zu meinem Wegzug nach dem Abitur treu geblieben. Unserer Chorleiterin verdanke ich vieles, sie war eine wunderbare Lehrerin.

Wie hat Sie diese Zeit im Chor geprägt?
Das Singen im Chor ist auch eine Form von Unterricht – Kulturunterricht. Ich habe viel über die Bibel erfahren, mein soziales Gewissen wurde gestärkt. Der Chor ist eine Gemeinschaft, man muss Rücksicht nehmen, sich anpassen, darf die anderen nicht im Stich lassen, muss seinen Part können. Wir haben vieles gemeinsam erlebt:  Ausflüge, Gottesdienste und Feiern gestaltet. Das war etwas sehr Schönes. All das war ein wichtiger Teil meiner Kindheit und begleitet mich mein Leben lang.

Wie leben Sie heute Ihren Glauben?
Ich versuche meinen Glauben durch mein Handeln zu leben:Jesus Christus ist mein ständiger Begleiter und mein Vorbild. Nachdem, was er uns gelehrt hat, versuche ich zu handeln. Das gelingt mir natürlich nicht immer, aber ich bemühe mich.  

Inwiefern ist Jesus für Sie ein Vorbild?
Inwiefern könnte er es nicht sein, bei allem, was er getan hat? Er hat uns, das ist das Wichtigste überhaupt, ein neues Gottesbild gebracht. Im Alten Testament wird Gott meistens als strafender Richter dargestellt, der Menschen leiden lässt und tötet, wenn sie nicht gehorsam sind. Jesus hat uns gelehrt, dass das nur die eine Seite Gottes ist, die andere ist viel wichtiger – nämlich die des vergebenden, verzeihenden, beschützenden und des liebenden Gottes. Der uns auch dann wieder zurücknimmt, wenn wir auf Abwege geraten sind. Wir alle haben einen schwierigen, komplizierten Weg, jeder einzelne von uns. Es gibt nicht diesen ganz geraden Weg, ohne Enttäuschungen, Fehlschläge, Verluste. Ohne dass man an sich selbst verzweifelt, ohne dass man alles als eine riesige Ungerechtigkeit oder Tragödie empfindet. Und trotzdem zu wissen, dieser Gott liebt dich dennoch und steht zu dir, das ist etwas Wunderbares. 

Kennen Sie auch Momente des Zweifels?
Die hat es durchaus gegeben und gibt es auch immer mal wieder. Mein Glaube hat sich mit den Jahren verändert. Ich glaube, das tut er bei jedem Menschen. Denn je älter wir werden, desto mehr Erkenntnisse haben wir gesammelt. Man sieht immer weiter in die Tiefe der Schöpfung hinein. Ich interessiere mich sehr für Naturdokumentationen, für die komplexen Zusammenhänge des Lebens, das natürlich über viele Jahrmillionen gewachsen ist, so unglaublich vielseitig, anpassungsfähig und überraschend ist. Das lässt mich im Glauben eher stärker werden als davon abzukommen. 

Wie stehen Sie zur Kirche als Institution?
Mit der Kirche hatte ich zeitweilig meine Probleme. Irgendwann bin ich für ein paar Jahre ausgetreten. Diese typische Sturm- und Drangzeit, ich wollte die Welt verändern und verbessern.

Was war der Auslöser, wieder in die Kirche einzutreten?
Mir wurde eine Patenschaft angetragen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich aber schon längst wieder mit der Kirche ausgesöhnt, so war das nur der äußere Anlass, um wieder einzutreten.

Besuchen Sie auch heute regelmäßig Gotteshäuser?
Ich gehe sehr gerne in Kirchen. Vor Kurzem war ich in Lauterbach in Hessen, dort bin ich in die Stadtkirche gegangen und habe bei der Abschrift der Lutherbibel mitgemacht: Ich habe mehrere Verse aus „Lots Flucht“ abgeschrieben.

Wann nehmen Sie die Bibel zur Hand?
Immer mal wieder, um etwas nachzulesen. Ich kenne zwar die meisten Geschichten, aber ich erinnere mich nicht immer an alle Einzelheiten.

Haben Sie eine Lieblingsgeschichte in der Bibel?
Ich mag die Moses-Geschichte sehr. Es ist eine Mut-Geschichte. Als Kind habe ich sehr damit gehadert, dass es Moses selbst nicht vergönnt war, das Gelobte Land zu erreichen. Damals empfand ich das als sehr ungerecht. Heute weiß ich, dass das Leben an sich eine Reise ist. Moses ist ein wunderbares Beispiel dafür. Die Flucht aus Ägypten und die 40 Jahre in der Wüste, in denen er immer ein klares Ziel vor Augen hatte. Das genügt für ein erfülltes Leben. Man muss die Erfüllung nicht unbedingt erlangen, das Streben danach ist das Entscheidende. Nicht umsonst heißt es: Der Weg ist das Ziel. Die Bibel hat viele bildhafte Geschichten. Besonders mag ich die zwiespältigen Charaktere in der Bibel, die Momente der Versuchung, denn so ist das Leben. Kein Weg ist wirklich gerade, man muss ihn selbst finden.

Was bedeutet Ihnen der Glaube?
Glaube ist ein Gefühl, und Gefühle sind oft irrational. Das trifft auch auf den Glauben zu. Oft muss man ihn verteidigen. Es ist nicht immer leicht, ihn zu begründen. Aber Glaube gibt uns Kraft. Selbst, wenn es nicht der Glaube an Gott im religiösen Sinne ist, sondern an etwas anderes. Glaube kann vielgestaltig sein. Der Glaube an das Überleben, an sich selbst, an das Gute im Menschen, der Glaube an den neuen Morgen. Glaube hat sehr viel mit Hoffnung und mit Liebe zu tun. Glaube ist immer auch mit dem Wunsch verbunden, anderen Menschen nahe zu sein, Gutes zu tun. Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei gehören zusammen, das steht schon in der Bibel. Der Glaube besteht aus den anderen beiden und aus Erkenntnis. Aus dem, was man im Laufe eines Lebens gelernt hat. Die Erfahrungen, die man gemacht hat, was man bei anderen beobachten konnte, was man selbst durchgemacht hat, als dies festigt einen im Glauben. Und je älter man wird, desto mehr wächst der Glaube von einer Ahnung zur Gewissheit. 

Melanie Fox

Juli 2018

Kommentare (1)

  • Anja Heuschen
    Anja Heuschen
    vor 1 Woche
    Ich finde das Interview SUPER... habe es in der Zeitschrift und auch die verlängerte Version gelesen. Jetzt interessieren mich seine Bücher... bin gespannt, was mich erwartet.

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Zur Person

Bastian Sick, 53, hat Geschichtswissenschaft und Romanistik studiert. War Korrekturleser und Übersetzer, Online- und Schlussredakteur beim Spiegel. Bekannt wurde er durch seine „Zwiebelfisch“-Kolumnen. Seine Sachbücher zur deutschen Sprache erreichten bisher über vier Millionen Leser und stehen regelmäßig auf den Bestseller-Listen. Aktuell ist er mit seinem neuen Buch „Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen“ auf Tour.

Mehr unter: www.bastiansick.de