Das Gespräch

"Jesus Christus hätte uns aus dem Tempel gejagt"

Rita Süssmuth war Familienministerin und Bundestagspräsidentin. Im Interview mit stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner spricht sie über Politik, Frauen und Weihnachten.

Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D. spricht mit stadtgottes über Glaube, Frauen und Weihnachten.

Frau Süssmuth, bringt es heute noch Spaß in der Politik zu sein?

Sicherlich. Nur sage ich auch, ein politischer Mensch zu sein, bedeutet nicht nur Spaß, sondern auch Verpflichtung. Für mich ist es eine Selbstverpflichtung.  Ich denke, so sollte es auch für alle Bürgerinnen und Bürger sein, die in einer Demokratie leben. Politik kritisch, aber auch respektvoll zu begleiten. 

In einingen Ländern ist die Abschaffung der EU ist kein Tabu mehr. Wie konnte es, gerade nach dem Fall der Mauer und der Hoffnung auf ein europäisches Zusammenwachsen, dazu kommen?  

Da fällt mir eine zufriedenstellende Antwort schwer, weil ich selber auf der Suche danach bin. 

@Markus NowakEin Grund könnte sein: Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbrechen sozialistischer und kommunistischer Diktaturen haben wir so getan, als wären wir die Glücksbringer. Das mag in Teilen auch gestimmt haben. Aber, und das ist für mich etwas ganz Entscheidendes: Ohne den Widerstand in Mittel- und Osteuropa wäre nichts passiert. Polen war Vorreiter. Die Öffnung der Grenze nach Österreich durch die ungarische Regierung. Nicht zu vergessen Gorbatschow und die Montagsdemonstrationen in der ehemaligen DDR. Das und noch viele gesellschaftliche, politische und menschliche Strömungen haben wir unterschätzt. 

Wir haben die Menschen nur als die Gefangenen und Unterdrückten eines Systems gesehen. Aber während der kommunistischen Herrschaft ist etwas anderes entstanden: Die Menschen haben sich Nischen gesucht, in denen sie sozial und emotional ein Leben des Zusammenhalts geführt haben. 

Das wollten wir wohl nicht sehen. Wir haben gedacht: „Wir geben und sie nehmen.“ Mit dramatischen Folgen: Rechtspopulistisches Gedankengut und ein neuer Nationalismus in Europa konnten sich ausbreiten und an Einfluss gewinnen. 

Ein anderer Grund ist sicherlich die Globalisierung. Sie hat zu einem ungezähmten Kapitalismus geführt, der die meisten Menschen auf der Strecke lässt. Jetzt geht es darum, schnellstmöglich zu einer fairen, sozialen Marktwirtschaft zu finden.   

Das sind für mich wichtige Faktoren. Der Allerwichtigste aber ist: Wir müssen die Menschen aus dem Osten und ihre Lebensleistung anerkennen und respektieren. Noch heute höre ich von vielen Frauen den Vorwurf: „Ihr kennt unsere Biografien ja gar nicht.“ Sie haben Recht. 

Inwiefern?

Nun, heute dürfen wir erkennen, dass insbesondere die Frauen im Osten ein völlig anderes Selbstwertgefühl entwickelt hatten. Arbeit und Bestätigung – beides war selbstverständlich. Das alles war plötzlich weg. Viele Frauen haben mir später gesagt, was nutzen uns die Stadterneuerung, die Verbesserung der Infrastruktur, die schönen Straßen und renovierten Häuser. Was nützt uns das, wenn wir keine Arbeit und Anerkennung haben.

Ich habe ein kleines Bändchen mit Biografien von Ost-Frauen durchgeblättert.  Älterer, mittleren Alters und junger Frauen. Beim Lesen und Betrachten der Fotos stellte ich fest, oh, die haben ja alle ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Von wegen, wir wurden nur unterdrückt, wir können nichts. Ganz ehrlich, diese Frauen waren eigentlich selbständiger und weiter als wir in der westlichen Gesellschaft.  Und ich fragte mich, wann werden sie rebellisch und sagen zu uns: „Jetzt hört mal auf mit eurer Emanzipation, wir waren schon immer emanzipiert.“ Und so ist es ja auch gekommen. 

Was ja auch ganz wichtig war.

Lothar de Maizière sagte am Vorabend der Wiedervereinigung, am 2. Oktober 1990: „Wir sehen es als eine wichtige Aufgabe an, das Zusammenwachsen des ganzen Europas zu fördern. Wir wollen für die Menschen im Osten und im Westen unseres Kontinents mit ihren unterschiedlichen Lebensumständen, Bedürfnissen und Erwartungen ein Bindeglied sein“.  Das haben wir zwar gehört, aber es ist alles an der Oberfläche geblieben. Wir alle haben uns viel zu wenig darauf eingelassen. 

@Markus NowakAber glauben Sie nicht auch, dass diese politischen Verschiebungen, in Deutschland und Europa, nicht auch sehr viel damit zu tun haben, dass die christlich demokratischen Parteien ihr C immer mehr in den Hintergrund gedrückt haben? 

Sie stellen mir jetzt eine absolute Kernfrage.  Es ärgert mich, dass das Christliche nicht nur in den Hintergrund gerückt ist. Nein, es wird damit ja gehandelt wie auf einem Basar. Dazu fällt mir sofort ein: Jesus Christus hätte uns aus dem Tempel gejagt, wenn er gesehen hätte, wie wir mit dem C umgehen. Das zeigt sich bei der Flüchtlingspolitik. Es zeigt sich beim Umgang mit den ärmeren Menschen. Um genauer zu sein: Mit den bettelarmen Menschen. 

Darüber bin ich tief beunruhigt.

Nehmen wir die Flüchtlinge. Wir fragen doch nicht mehr, wie schaffen wir es, dass alle, die hier angekommen sind, ein produktives und ein Hoffnung machendes Leben führen können. Nein, wir scheinen nur noch zu fragen, wie wir sie wieder loswerden oder wie wir verhindern, dass sie zu uns kommen.  Zum Glück gibt es auch in diesem Land noch Menschen, die für diese Werthaltung kämpfen und sich dafür einsetzen.

Haben wir das Denken verlernt? 

Nein. Wir haben es nicht verlernt. Aber wir tun so, als sei das Denken derjenigen, die nicht genauso denken wie ich, gefährlich. Anstatt zu fragen, das finden wir auch bei Sokrates, kann der Andere nicht auch Recht haben? Da  sind wir mitten im demokratischen Prozess. Dieses „kann der Andere nicht auch Recht haben“, passt uns schon gar nicht, wenn wir möchten, dass wir der Erfinder der Lösung sind. 

Aber setzt dieses andere Denken nicht auch eine vernünftige Sprachkultur voraus, die wir im Parlament derzeit verlieren?

Ich stottere einen Moment, denn das ist wieder so eine zentrale Frage. Wir haben eben darüber gesprochen, können wir uns entwickeln ohne ein Fundament zu haben. Woraus handeln wir denn? Woraus glauben wir denn, was ist für uns wichtig. Als Mensch?  Unsere Sprache ist zum Teil verstümmelt und verroht. Wir antworten oftmals nur noch mit Worten, wie „Ok“ oder „Ja, ja“.

Wir haben tatsächlich Schwierigkeiten mit Menschen zu sprechen. Dem Anderen zuzuhören. Was hat er denn nun gesagt, gemeint? Damit beginnt ja das Nachdenken. Was antworte ich? Da sind wir fast beim Dialog. Deswegen bedeutet Sprachbildung nicht, akademische Ausdrucksweise. Gemeint ist, welche Sprachkultur, und die Betonung liegt auf Kultur, entwickeln wir, damit das, was als wichtig erkannt und gesagt werden muss, auch mitgeteilt wird. Ich bin vorsichtig, aber ich wage es trotzdem: Wir brauchen auch wieder Botschaften, die den Menschen Orientierung geben. 

Ohne Orientierung kann weder ein Kind noch ein Erwachsener sein. Ich behaupte nicht, dass wir heute den Anspruch auf Wahrheit und Endgültigkeit erheben können, das kann vielleicht ein tiefgläubiger Mensch. Uns, und das sage ich in aller Demut, sind Grenzen gesetzt. Trotzdem muss ich im Rahmen der Grenzen zum Thema die zentrale Frage stellen: Was können wir verändern?

Ich bin in die Politik gegangen, weil ich mich eigentlich an der Uni sehr eingeschränkt fühlte. Ich dachte: „Mensch, jetzt haben wir so viele Studien gemacht und es verändert sich nichts.“ Auch das kann niemand allein. 

Mir wurde gesagt, ja, sie mögen ja tolle Studien gemacht haben, aber sie haben keine Mehrheit. Schaffen Sie sich erst mal eine Mehrheit. Dann geht es vielleicht leichter. 

An diesen Mehrheiten arbeitet man lange, auch mit Rückfällen. Aber mich hat das Scheitern gelehrt – so schnell bekommt ihr mich nicht klein. Jetzt wollen wir doch mal sehen. Das setzt wieder neue Energien frei. Ich habe damals beim Thema AIDS ein Buch geschrieben, das hieß: Der Resignation keine Chance. Ich habe das Glück gehabt, in meinem Denken und Handeln, immer das Licht am Ende des Tunnels zu sehen…

Hätte es unter Ihrer Leitung im Bundestag dazu kommen können, dass ein AfD-Kandidat für den Vizepräsidenten drei- oder viermal durchfliegt und so konsequent abgelehnt wird, egal, wer es ist?

Ich persönlich wäre einen anderen Weg gegangen. Es ist natürlich möglich, dass ich dabei Boykott erfahren hätte. Oder die Forderung, dass wir diese Bundestagspräsidentin nicht mehr wollen. Aber es geht darum, bestimmte Dinge nicht ad absurdum zu führen. Und diese Methode, den x-ten Vorschlag zu machen für ein Mitglied im Präsidium, macht doch keinen Sinn, wenn er doch nicht gewählt wird. 

Für mich standen immer die Kommunikation und der Ausgleich im Vordergrund. Über alle Parteigrenzen hinweg.

@Markus Nowak

Dazu gehört – neben einer sinnmachenden Auslegung der Geschäftsordnung –auch eine gehörige Portion Humor. Und – last but not least – die Bereitschaft auf die Menschlichkeit eines jeden Abgeordneten, selbst wenn es der politische Gegner ist, zu setzen. Das hat eigentlich immer funktioniert. 

Einmal musste ich PDS-Abgeordnete dazu drängen, ihre Kleidung der Würde des Parlaments anzupassen. Ich habe Gregor Gysi gebeten seine Abgeordneten zu bitten, statt T-Shirts ein Hemd anzuziehen, ohne großes Theater oder öffentliches Lamentieren. Hat geklappt und Gregor Gysi hatte was bei mir gut. 

Ich kann vieles nicht, aber der Umgang mit Menschen, daran habe ich Spaß.

Das ist doch das Entscheidende. Übergreifend denken. Gemeinsam argumentieren. Mit dem Ziel, eine Lösung zu finden. 

Trotzdem müssen Sie den anderen Partner auch erst mal dahinbringen, dass er das auch will. Das fällt nicht vom Himmel. Mitunter klappt es nicht. Aber, ich muss sagen, ich habe oftmals Glück gehabt, mehr über das Menschliche zu gehen, als über das rein  Rationale. 

Als ich jung war, hat mein Vater, er hatte ein unglaubliches Interesse an meinem Kopf, mich immer gedrängt: sei diszipliniert, sei vernünftig, lerne zu argumentieren.  Alles wichtig. Aber alles rational. Erst durch die Hirnforschung habe ich gelernt, die emotionale und soziale Seite sind genauso wichtig, wie die kognitive. Deswegen lasse ich die nicht aus. 

Nur aus der Hirnforschung oder auch aus Ihrem Glauben?

Für mich spielt der Glaube schon eine zentrale Rolle. Wir sind doch heute sehr gedrillt worden, oder trainiert worden, für unseren Kopf. Auch bei allen Bildungstests wird nur auf das Wissen, das Rationale geachtet. 

Da waren unsere alten Pädagogen, zum Beispiel Pestalozzi, sehr viel weiter. Sie dachten ganzheitlich, sahen den gesamten Menschen mit allen seinen Kräften. Heute ist es doch so: Wenn ich bei diesem Thema das Wort „Glauben“ nehmen würde, wäre das ja gestrig und veraltet. Aber, ich lass mir das nicht nehmen. Und ich lege Wert darauf, dass selbst die Hirnforschung, das zum Tragen bringt, was wir in der menschlichen Zivilisation vernachlässigt haben. 

Aber ist es nicht genau auch wieder das? Dieses ewige Sagen: Was soll denn der Glaube? Das ist doch von gestern. Der Glaube ist doch ein Wert, der für uns fundamental ist. Wenn es keinen Glauben gibt, gibt es doch auch keine Hoffnung.

Ja, genau. Es ist eben nicht gestrig.  Tatsache ist doch: Wir alle machen unsere Erfahrungen – egal, ob Jung oder Alt. Wichtig ist dabei doch nur: Auch bei Misserfolgen den Glauben nicht zu verlieren. „Vertrau auf Dich. Glaube an Dich.“ Heute gescheitert, morgen weitermachen – das sollte die Prämisse sein. 

Letzte Frage, in wenigen Wochen feiern wir Weihnachten und Silvester. Was wünschen Sie unseren Leserinnen und Lesern?

Ich wünsche uns allen, dass wir nicht erdrückt werden von vermeintlich moralischen Grundsätzen. Wir sollten uns gerade in dieser Zeit befreit darauf einlassen, Dinge auch mal anders zu betrachten. Und zwar so, dass wir persönlich Freude daran haben. 

Den Gedanken an Frieden, das ist ja eigentlich das Weihnachtsfest, diese Botschaft, neu entdecken. Sei es in der eigenen Familie, mit sich selbst, mit den Menschen.  Unter der Überschrift Freude. Das wollte auch unsere christliche Botschaft. 

Mein zweiter Wunsch an alle ist, dass wir Menschen wieder die Erfahrung machen, dass wir nicht ohnmächtig sind. Dass wir verändern und gestalten können.

Wäre ich Theologe, würde ich sagen: „Lasst uns einander zum Heil werden und wünscht dem Anderen so viel Glück und Positives, dass er den Weg zurück ins wahre Leben findet.“ 

Thomas Pfundtner

Dezember 2019

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    vor 2 Wochen
    Zum Jahresende wieder ein interessantes, vielschichtiges und auch persönliches Gespräch mit einer bewundernswerten, sehr engagierten Frau. Viele Gedanken, die überdenkenswert sind und anderen Politikerinnen und Politikern auch gut zu Gesicht ständen. Frau Prof. Dr. Süssmuth vertritt nicht nur ein ganzheitliches Denken, sondern auch ein Denken und Handeln, das über Partei- und Ländergrenzen hinausgeht. Dem Wohle der Menschen dienend. Nicht als kurzfristige Maßnahme, um eine Wahl zu gewinnen, als langfristiges Engagement, das Menschen vorwärtsbringt, ihnen hilft, ihnen guttut. Ein echtes Vorbild für uns. Herzlichen Dank für das Gespräch, die herausfordernden Fragen und die besten Wünsche für das wahre Leben!

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