Titelthema

Kein Tag ohne die Bibel

Korona Hupfeld lebt, betet und arbeitet in einem Kloster in der Schweiz – dabei ist sie Jüdin. Doch hinter den Klostermauern findet sie genau das, was sie sucht: Stille und Inspiration.

Idyllisch im Norden Solothurns gelegen bietet das Namen-Jesu-Kloster viel Ruhe.

Morgens um sieben Uhr im Namen- Jesu-Kloster im schweizerischen Solothurn: Die sechs Kapuzinerinnen tragen einen braunen Habit mit Schleier. Bis auf eine: Korona Hupfeld steht gleich neben der Oberin der Ordensgemeinschaft, das brünette Haar offen und den jüdischen blau-weißen Gebetsmantel Tallit um die Schultern geschlungen. Korona Hupfeld ist Jüdin – und lebt seit über vier Jahren mit den Kapuzinerinnen im katholischen Kloster am Rande des Städtchens Solothurn.

©Roland JukerDer Tag der 53-Jährigen beginnt jedoch nicht erst mit den Laudes, sondern bereits um 4.30 Uhr. Bei Tee und Haferflocken befasst sie sich mit der Bibel und dem Gebet. Sie liest die Heilige Schrift in vielen Sprachen, darunter Deutsch, Hebräisch, Aramäisch oder Griechisch. Diese studiert sie dann unter verschiedenen Fragestellungen. Auch eine Übersetzung der Bibel ins Jiddische zählt zu ihren Projekten.

Bis vor Kurzem hat sie auch Armbänder und Schriftrollen gehäkelt, auf die sie etwa Bibelverse in hebräischer Sprache oder den Namen des Empfängers — ebenfalls auf Hebräisch — gestickt hat. Diese verschickte sie dann mit einem erklärenden Brief. „Das ist für mich die schönste Arbeit, weil ich mich dabei mit dem Wort Gottes beschäftige“, erklärt sie. Etwa 2.700 gehäkelte Schriftrollen und Armbänder sind so entstanden.

Nun, so hat Korona Hupfeld beschlossen, ist es Zeit für etwas Neues: Sie singt jetzt aus der hebräischen Bibel nach der Benediktregel. Diese besagt, dass die Gläubigen wöchentlich alle 150 Psalmen singen. Addiert sich dazu immer noch ein Kapitel aus der Bibel, kommt sie auf drei bis vier Stunden Gesang pro Tag.

Über die Bäckerei ins Kloster

Wie ist die 53-Jährige überhaupt ins stille Kloster nach Solothurn gekommen? Die älter werdenden Schwestern suchten vor acht Jahren jemanden, der sie in der Hostienbäckerei unterstützte – und Hupfeld meldete sich. Einige Jahre später fragte Hupfeld, ob sie nicht ganz ins Kloster ziehen könne und die Schwestern willigten ein.

©Roland JukerUnd so lebt die ehemalige Buchhalterin und Sicherheitsbeamtin heute Tür an Tür mit den Kapuzinerinnen in dem weitläufigen Kloster mit großem Garten und langer Tradition. Katholikin wird sie deswegen aber nicht. So betet sie dann auch mit den Schwestern in der Kirche und setzt nur dann aus, wenn es um Maria und die Heiligen geht.

Erst mit 28 Jahren ist sie zum Judentum konvertiert, nachdem sie mit 24 begann, sich für Gott und Religion zu interessieren. In diesem Zusammenhang erfuhr sie auch, dass sie selbst jüdische Wurzeln hat. Was also schätzt sie am Leben im Namen-Jesu-Kloster? „Schön finde ich, dass ich mich immer, wenn ich mag, gut zurückziehen kann, dass ich geschützt bin“, erklärt sie. Sie spricht leise, aber keineswegs undeutlich, und wählt ihre Worte mit Bedacht. Das klösterliche Leben in Ruhe und Gebet ist genau das, was sie möchte.

Die Mahlzeiten nimmt sie nicht gemeinsam mit den Schwestern ein, sondern für sich – in Ruhe. „Stille ist mir sehr wichtig“, erklärt sie zum wiederholten Mal. An manchen Tagen spricht sie gar nicht, etwa am Schabbat. „Wenn man schweigt, wird man viel aufmerksamer“, findet die ehemalige Buchhalterin. Und so richtet sich ihr gesamter Tagesablauf an der benediktinischen Regel des „ora et labora“ (bete und arbeite) aus. Ein Kloster mit strengeren Regeln und mehr Gebetszeiten passe eigentlich besser zu ihr, meint Hupfeld, doch sie fühle sich den Schwestern in Solothurn verbunden.

Die ganze Geschichte lesen Sie bei uns im Heft.

Nadine Vogelsberg

Mai 2020

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