Reportage

Keine Grenze für die Liebe

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, die Deutschland teilte. Endlich konnten sich die Menschen in Ost und West ohne Einschränkungen besuchen. Manche lernten sich lieben, heirateten, gründeten eine Familie. Wir haben mit einem Paar darüber gesprochen, ob es einen Unterschied macht, aus welchem Teil Deutschlands der Partner stammt.

Der Mauerfall brachte viele Menschen (wieder) zusammen.

Ehe ist zusammen wachsen – Ehe ist zusammenwachsen.“ So lautete das Motto der Hochzeit von Marion und Kurt Herzberg. Es ist ganz bewusst an den Satz von Willy Brandt angelehnt: „Es soll zusammenwachsen, was zusammengehört.“ Ohne den Mauerfall wären die beiden nie zusammengekommen. „Die Grenze ist auch für uns aufgegangen“, sagt Marion Herzberg.

Mehr verbunden als getrennt

Die 54-Jährige spricht mit thüringischem Akzent, obwohl sie aus Unterfranken stammt. „Für mich ist es ein Kompliment, wenn man mich für eine Einheimische hält“, sagt sie. „Ich will kein ‚Wessi‘ sein, ich gehöre längst hierhin.“

@Roger Hagmann

Hier – das ist ein Vorort von Erfurt, umgeben von Wiesen und Feldern. 1994 zog sie mit ihrem Ehemann, der im Eichsfeld aufwuchs, in den Osten Deutschlands. Jetzt sitzen sich die Eheleute im Wintergarten ihres Hauses gegenüber und sprechen über ihre ganz persönliche deutsch-deutsche Geschichte und darüber, dass sie von Anfang an viel mehr verbunden als getrennt hat. „Wir sind beide katholisch aufgewachsen und sozialisiert, teilen den Glauben, dieselben Werte“, betont der Theologe und Bürgerbeauftragte des Staates Thüringen, und seine Frau stimmt ihm zu.

Andere Startbedingungen

Unterschiedlich waren hingegen ihre Startbedingungen ins Leben. Bei Marion lief alles problemlos: Gymnasium, Abitur, Studium des Bibliothekswesens in Stuttgart, danach Anglistik in Bamberg.

Ganz anders der Werdegang von Kurt Herzberg. An ein Abitur war nicht zu denken, denn er weigerte sich, in die FDJ einzutreten, die Jugendweihe mitzumachen, zum Militär zu gehen. „Ich war körperlich im Osten, meine Gedanken und Einstellungen waren vom Westen geprägt“, sagt er. „Die BRD war mein Vorbild für Freiheit und Demokratie.“ Statt nach seiner Malerlehre, die das Regime ihm zugedacht hatte, weiter in diesem Beruf zu arbeiten, machte er auf einer kirchlichen Schule Abitur, das damals in der DDR nicht anerkannt wurde, studierte Theologie mit dem Ziel, Priester zu werden.

Eine Wallfahrt zum Kennenlernen

Auf einer Wallfahrt in Polen lernte sich das Ehepaar 1987 kennen. Sie redeten über Gott und die Welt, tauschten Adressen aus, schrieben sich viele Briefe. Persönliches, nichts Politisches. Man wusste ja auch nicht, wer da alles noch mitlas.

Dann kam die Wende – und das Berufsziel von Kurt Herzberg änderte sich. Sein Engagement in der Bürgerrechtsbewegung und die politischen Veränderungen machten ihm deutlich, dass er nicht mehr Priester werden wollte. Er ging nach Bamberg, studierte Theologie und Psychologie. Auf einer Englandreise traf er Marion wieder, die dort gerade ein Auslandssemester machte. Sie verliebten sich.

Eine politische Hochzeit

„Die unterschiedliche Herkunft spielte in unserer Beziehung nie eine große Rolle“, sagt Marion Herzberg. Es war eher die Umwelt, die diese deutsch-deutsche Liebe bemerkenswert fand. „Mein Mann wurde damals von meinen Freunden und meiner Familie bestaunt wie ein Exot. “

@privatGeheiratet haben sie in seiner Heimatgemeinde im Eichsfeld. „Es war eine politische Hochzeit damals“, betonen beide. Selbst der Priester ging im Hochgebet auf die Wiedervereinigung ein: „Gott, Du bist dort, wo Mauern fallen und Stacheldraht nicht mehr trennt. Du bist dort, wo Menschen aufeinander zugehen und einander annehmen“, betete er.

Eine geschichtliche Sternstunde

In Erfurt fühlten sich beide schnell heimisch. Mit ihren drei Kindern sprachen sie viel über die Vergangenheit. Was das Ehepaar ihnen aus ihrer eigenen Geschichte mit auf den Weg gab: dass Freiheit nicht selbstverständlich ist und dass man sich gesellschaftlich engagieren sollte. Alle drei arbeiten beziehungsweise studieren in Nordrhein-Westfalen. „Wenn man sie fragt, als was sie sich fühlen, antworten sie ‚Europäer‘,“ sagt Marion Herzberg. Und sie selbst? „Wir sind einfach Deutsche, die das Glück hatten, eine geschichtliche Sternstunde dieser Nation mitzuerleben.“

Ulla Arens

November 2019

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