Gesellschaft

Kirche trifft Kino

In der dunklen Jahreszeit wird die Kirche von Geldern zum Kino. Das Team um Pfarrer Christian Olding kombiniert Film und Musik mit einer traditionellen Liturgie. Die Gottesdienstbesucher sind begeistert.

Neue Wege geht Pfarrer Christian Olding

Ein trüber Sonntagabend. Es ist finster, kalt, und es regnet. Bei so einem Wetter geht kaum einer freiwillig vor die Tür. Doch die Kirche in Geldern-Veert ist voll. Eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst gibt es nur noch hier und da einen freien Stuhl. Wer jetzt noch kommt, muss stehen. Und es kommen noch viele. Gut 400 Besucher passen in die Kirche.

Moderne Bildgeschichten

Ein Szenario, das viele Pfarrer nur vom Heiligen Abend und der Erstkommunion-Feier kennen. In Geldern ist das in der dunklen Jahreshälfte alle sechs bis acht Wochen so. Nur in dieser Zeit ist es draußen dunkel genug, damit diese etwas spezielle Form eines Gottesdienstes stattfinden kann: „GodAtMovie“. Ein bisschen schlicht könnte man vielleicht übersetzen: Film-Gottesdienst. Aber das trifft es nicht so ganz.

„An sich feiern wir hier einen sehr konservativen Gottesdienst, mit drei Lesungen und Eucharistiefeier“, erklärt Simon Schütte, mit 28 Jahren einer der ältesten Mitarbeiter im Projektteam „V – the Experience“. „V“ steht für „veni – komm“. Und es geht darum, Erfahrungen zu machen. Mit Gott, dem Glauben, sich selber, den anderen, der Kirche. Um Menschen diese Erlebnisse zu ermöglichen, nutzt Pfarrer Christian Olding sein Faible für Filme und Technik. „Jesus hat mit seinen Gleichnissen Bildergeschichten erzählt. Ich bediene mich moderner Bildergeschichten, die ich im Kino, im Fernsehen oder auf Internetplattformen finde.“

@zVgIn der gemütlichen achteckigen Martins-Kirche flackern ausschließlich Kerzen und Feuerschalen. Im Altarraum erhebt sich eine große Leinwand. Davor steht ein Beamer. Rechts und links sind riesige Lautsprecher platziert, Mikrofone, Mischpult, Laptops, Kabel. Ziemlich viel Technik für einen Gottesdienst. Auf dem Altar in der Mitte: Teller mit Hostien und zwei Kelche.

Ein intensives Gemeinschaftserlebnis

Der Gottesdienst beginnt mit Film und Musik wie im „echten“ Kino. Er ist ausgefüllt mit einem Wechsel aus Filmsequenzen, Gebeten, Musik, Bibeltexten, Predigten, einer Mitmach-Aktion und nicht zuletzt der Eucharistiefeier. Ganz nah an katholischer Liturgie. Und doch ganz neu und doch ganz anders.

Die Atmosphäre zieht junge wie alte Besucher in ihren Bann. Dafür sorgen nicht zuletzt die gewaltigen Filmausschnitte und die Lichteffekte. Aber Simon ist sich sicher, dass dafür keiner in die Kirche kommt: „Wenn ich das haben will, kann ich auch in ein Konzert gehen. Die Leute hören gerne zu, weil wir mit den Themen, die wir ansprechen, mitten im Leben stehen. Da geht es um Fragen wie: Wo bin ich? Wo stehe ich? Wo stehe ich in der Gesellschaft? Und wie kann mir der Glaube helfen, mich darin zurechtzufinden?“

„Für mich ist das ein ganz intensives Gemeinschaftserlebnis“, erklärt Pfarrer Olding. Gemeinschaft in einer rappelvollen Kirche und durch Show von vorne? Der Seelsorger ist überzeugt, dass es eine besondere innere Haltung ist, die die Menschen verbindet: „Lasse ich mich auf die Fragestellung des Gottesdienstes ein? Bin ich bereit, auch meine emotionale Seite zu öffnen? Die Leute merken, dass das in diesem Raum geht. Sie erleben: Ich bin nicht der Einzige, der das an sich heranlässt, sondern da sind andere Menschen, die das auch tun. Das erzeugt Gemeinschaft“, überlegt der Pfarrer. Er ist überzeugt, dass das nur mit einer begrenzten Anzahl von Besuchern möglich ist. „Sonst artet der Gottesdienst in ein mystisches, großes Feiern aus“, weiß er aus Erfahrung.

Emotioanle Mitmach-Aktion

Sehr emotional wird es, als die jungen Mitarbeiter zur Mitmach-Aktion einladen. Der Adventskranz im Altarraum hat eine Tannengrün-Seite und eine Stacheldraht-Seite. In Schalen davor liegen kleine Papierrollen. Auf der grünen Seite mit Texten für die, die frohen Herzens auf Weihnachten zugehen. Und auf der stacheligen Seite liegen Texte für die, die es gerade schwer haben im Leben, deren Weg eher dornig ist. Jeder Gottesdienst-Teilnehmer darf sich eine solche Spruch-Rolle holen. Fast alle nehmen diese Einladung an. Und viele greifen in die Schale der Stacheldraht-Seite. Niemand muss sich erklären. Niemand wird schief angeschaut. Hier darf jeder so sein, wie er oder sie sich fühlt.

Wichtig ist es Pfarrer Olding und seinem Team, den Menschen über den Gottesdienst hinaus Glaubensvertiefung im Alltag anzubieten. Dafür gibt es Glaubensabende oder die Möglichkeit, ihn zu einem Abendessen in größerer Runde mit einem selbst gewählten Glaubens-Thema einzuladen. Acht bis zwölf Menschen nehmen an solchen Essen teil. 63 hat er in den vergangenen anderthalb Jahren besucht. Und er ist über Monate hinaus ausgebucht.

Lebensverhältnisse berücksichtigen

Natürlich gibt es viele kritische Stimmen zu seiner Arbeit. Und oft hört er die Frage: „Muss das denn sein?“ Er nimmt das humorvoll: „Natürlich muss das nicht sein. Aber da sind wir gut katholisch: Von tridentinisch bis Taizé geht katholisch gesehen alles.“

Seinen Auftrag findet er im Liturgie-Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils. „Da heißt es, dass die Liturgie Rücksicht nehmen muss auf die Lebensverhältnisse, die Altersspektren und die sozialen Verhältnisse, um die Menschen zu erreichen“, erklärt er. „Ich glaube, dass angesichts dieses Ansatzes und dieser Verpflichtung so eine Form ihre Berechtigung hat. Neben allem anderen, was wir definitiv nicht ersetzen oder beseitigen wollen.“

Monika Schell

Dezember 2019

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