Titelthema

Kleiner Missionar auf Zeit

Als klar wird, dass ihr ungeborener Sohn zu krank zum Leben ist, müssen Eva und Jarek Weisser sich entscheiden. Doch sie sind sicher: Gabriel hat einen Auftrag für sie. Und den wollen sie annehmen

Dass Gabriel sterben würde, war immer klar. Doch sein Tod stürzte die Eltern in eine tiefe Krise

Geschichten von Menschen mit Mut klingen meist nach Heldensagen über Lebensretter und Gipfelstürmer, über tollkühne Taten und hartnäckigen Glauben. Eva und Jarek Weisser sind keine Helden. Aber ihr Mut gab einem kleinen Jungen die Chance seines Lebens. Die Geschichte von Eva, 34, und Jarek, 37, beginnt in den USA. Als Missionarin auf Zeit arbeitet die angehende Grundschullehrerin mit den Steyler Schwestern in Chicago. Dort lernt sie Jarek Dabrowski kennen, einen Theologiestudenten aus Polen, der zehn Jahre lang bei den Steyler Missionaren gelebt hat. „Wir haben uns sofort ineinander verliebt.“

Jarek spricht kein Wort Deutsch, aber er stürzt sich in das Abenteuer, mit Eva am Niederrhein zu leben. Der Anfang ist schwer: Sie kämpft sich durch das Referendariat als Grundschullehrerin, er beginnt eine Ausbildung als Pastoralreferent im Bistum Münster. Sie heiraten in Steyl, dem Ort, der für sie beide die Wurzel ihres gemeinsamen Lebens ist. „Und außerdem liegt das in einem neutralen Land, nicht Polen und nicht Deutschland!“, lacht Jarek. Zum Glück fehlen nur noch Kinder.

Doch das erste stirbt schon in der siebten Schwangerschaftswoche, und das zweite lässt auf sich warten. Dabei soll es doch Evas Ticket in ein neues Leben werden, denn mit ihrem Beruf als Lehrerin ist sie nicht glücklich. „Aber erst als ich mich getraut habe, den Beruf aufzugeben und ein neues Studium zu beginnen, wurde ich wieder schwanger. Es war, als wollte Gott mir sagen: Dieses Kind darf auftragsfrei sein. Und es braucht eine mutige Mutter.“ Denn das Baby in Evas Bauch kommt mit einem Auftrag, einer Mission, wie die beiden sagen. Schon bei der ersten großen Untersuchung steht fest: Der kleine Kerl, auf den die beiden sich so freuen, ist schwerkrank. Er wird nicht leben können.

An die endlosen Untersuchungen, den Schock und den Schmerz erinnern sich die beiden, als wäre es gestern gewesen. „Die Ärztin zählte mir alles auf, was er hatte, eine endlose Liste von Defiziten, und wir waren völlig erstarrt: Unser Kind ist nicht lebensfähig.“ Sie lassen eine Fruchtwasserpunktion machen, hoffen verzweifelt auf einen Irrtum – vielleicht ist es ja doch „nur“ ein Herzfehler und eine körperliche Behinderung. Manchmal bekommen sie den Rat, lieber abzutreiben. „Ihr seid doch noch jung“, „ihr ahnt nicht, was das Leben mit einem behinderten Kind bedeuten wird.“

Jarek, der sonst so ruhige Theologe, wird dann laut: „Ich will mich nicht bis ans Ende meiner Tage fragen, ob es richtig war, mein Kind abzutreiben!“ Für ihn ist klar: „Dieses Kind braucht meine Liebe, mehr Liebe vielleicht als ein gesundes. Ich will mein Kind weiter begleiten. Ich bin gerufen zu lieben, auch wenn es schmerzhaft ist.“ Sie wollen Gabriel „ins Leben lieben“, wie sie selbst sagen, und ihn entscheiden lassen, ob er leben oder sterben will.

Dass so viele Eltern sich gegen ein krankes Kind im Leib entscheiden, finden sie traurig. „Man denkt vielleicht: Schnell wegmachen, dann ist es weg. Aber trotzdem ist ein Kind gestorben. Und mit diesem Tod muss man zurechtkommen. Aber zu wissen: Ich habe es beendet ...“ Eva schüttelt den Kopf. „Das Leid wäre uns nicht erspart geblieben, aber dazu käme die Schuld.“ Sie weiß genau: „Am Ende werden wir Frieden finden mit der Tatsache, dass Gabriel gestorben ist. Aber mit der Schuld kann man keinen Frieden finden.“ Mitten in diesen schweren Tagen, als klar wird, wie sehr die Tage des Kleinen gezählt sind, bekommt das Kind seinen Namen: Gabriel, das heißt übersetzt: In Gott ist meine Stärke.

Gabriel heißt auch der Engel, der Maria in Nazaret besuchte. „Maria hat da ja auch nicht Halleluja gesungen: Ich bin nicht verheiratet, ein junges Mädchen und kriege ein Kind. Sie kam dadurch auch in eine schwierige Situation! Aber der Engel, Gabriel, sagte ihr: Ich habe eine gute Botschaft für dich. Du schaffst das.“ Daran haben Eva und Jarek nie gezweifelt: Dass sie es schaffen, mit dem zu leben, was ein schwerkrankes Kind mitbringen wird.

„Gott hat uns diesen kleinen Menschen anvertraut. Weil wir es tragen können und weil Gabriel durch uns die Chance hat zu leben. Und ich habe mich noch nie so beschützt und begleitet gefühlt wie in der Zeit mit Gabriel. Getragen von Gott.“ Jeden Tag kann der kleine Engel in ihrem Leib sterben. Die Eltern wissen das. Sie kaufen keine Strampler und testen nie einen Kinderwagen. Aber sie bestellen ein Weidenkörbchen, in das sie ihren toten Sohn legen wollen, und eine Decke, um ihn zuzudecken. Eine Kerze mit seinem Namen wartet auf ihn und ein winziger weißer Anzug, ein Himmelskleid, genäht aus einem seidenen Brautkleid. Während andere Eltern das Kinderzimmer streichen, suchen sie nach einer letzten Ruhestätte. „Das war so absurd: Er hat in mir gestrampelt, und wir sprechen mit dem Bestatter über seine Beerdigung“, erzählt Eva. Und trotzdem: „Ich habe nie aufgehört, mich zu freuen!“

Zwei Tage vor der Geburt, die Eva unbedingt auf natürlichem Wege erleben will, legt Gabriel sich buchstäblich quer und erzwingt einen Kaiserschnitt. Den langen schweren Weg ins Licht hätte er anders nicht geschafft. Eva sieht ihren Sohn höchstens eine Sekunde lang, dann bringt die Ärztin ihn weg. Jarek tauft ihn mit zitternden Händen, „die Hebamme sagte, es geht um Minuten.“ Aber Gabriel stirbt nicht. Sie legen ihn auf Evas Brust, und von Minute zu Minute wird das kleine dunkle Gesichtchen heller, der Körper entspannter. „Er war so wunderschön“, sagt Eva. Und sie spürt: Alles ist gut. All die Überlegungen, was nach der Geburt passieren soll, ob der Kleine reanimiert werden soll, ob man ihn beatmet, wie lange – all das ist weit weg. Jarek und Eva sind sicher: „Wir machen nichts. Er braucht nichts, nur uns.“ Und Gabriel bleibt.

„Es war unsere größte Hoffnung, dass wir ihn einmal, ganz kurz lebendig sehen dürfen“, sagt Jarek. „Und jetzt das – so ein Wunder!“ Die drei ziehen in ein Krankenhauszimmer um, liebevoll umsorgt von Hebamme und Kinderkrankenschwester, und nach einer Woche geschieht das, wovon sie nie zu träumen gewagt hätten: Sie gehen nach Hause. Als Vater, Mutter, Kind. „Drei Wochen und drei Tage – und diese Zeit war jeden Schmerz wert!“

Nun braucht Gabriel doch, was sie aus Angst nicht kaufen wollten. Ein Wärmebett und winzige Strampler aus dem Krankenhaus, eine selbst gestrickte Mütze von der Freundin, ein Kuscheltier am Kopfende. Einmal leihen sie sich sogar einen Kinderwagen aus, zeigen Gabriel die Felder hinter dem Haus, baden ihn und füttern ihn alle vier Stunden über seine Magensonde. „Wir wollten uns lebenslange Erinnerungen schaffen“, erzählt Eva. „Denn wir würden ja nie erleben, wie er das erste Mal läuft oder auf dem Bobbycar vor Freude quietscht. Alles, was wir haben würden, war diese kurze Zeit!“ Er ist ein friedliches Kind, ganz bei sich, wie ein weiser Mensch. Seine Präsenz überstrahlt die Angst der Eltern. Immer wieder fühlten sie, ob das Herz noch schlägt, sie wissen, dass er jeden Tag sterben kann, und doch ist es unvorstellbar.

Jarek geht zum Standesamt, um seinen Sohn anzumelden, benachrichtigt die Krankenkasse – immer mit der Frage: Für wie lange? Dass die Tage seines Sohnes so gezählt sind, ist sehr schwer für ihn. „Das ist ein Gefühl, das ich keinem Elternpaar wünsche“, sagt er leise. Warum lässt Gott so viel Leid zu? Er lächelt, er kennt die Frage. Schon als Theologiestudent und als Krankenhausseelsorger in Chicago hat er damit gerungen. Seine Antwort: „Ich weiß es nicht! Vielleicht ist Gottes lebendige Schöpfung noch nicht fertig? Vielleicht entwickelt sich noch etwas in dem, was wir nur als Dunkelheit erleben?“ Ihren Glauben an einen Gott, der mitweint und mitgeht und auch in tiefer Trauer die Hand hält, haben sie in all den Monaten nie verloren.

Gabriel geht in der Nacht zum 20. September, ganz leise und ohne seine Eltern aufzuschrecken. Jarek weckt Eva: „Unser kleiner Missionar hat seine Mission erfüllt.“ Der Tod von Gabriel stürzt die beiden in eine tiefe Krise. Eva will reden, ihr Mann ist auch in der Trauer der Stillere von beiden. „Wenn Eva die Bilder anschauen wollte, war meine Seele dazu nicht immer bereit.“ Er muss in all diesem emotionalen Stress auch noch seine Ausbildung beenden und Abschied von der Pfarrgemeinde nehmen, und das macht die Last für beide noch schwerer. „Ich habe nicht gewusst, wie wir das als Paar schaffen, ohne uns zu verlieren“, erinnert sich die 34-Jährige.

Denn mit dem Tod von Gabriel war das Bisherige aus den Fugen: Sie waren Eltern, hatten aber kein Kind. Aber zurück in die Zeiten als unbeschwertes Paar konnten sie auch nicht. Beiden war klar: Sie brauchten Hilfe. Eva begann eine Therapie, Jarek suchte sich eine Trauerbegleitung. Und Gabriel findet seinen Platz bei den Missionaren in Steyl. Unter einem alten Missionskreuz aus den Gründerjahren stehen sein Name und die Daten seines kurzen Lebens. „Wann ist eine Mission erfüllt – nach drei Wochen, nach 20 Jahren oder nach 60, wie bei den Missionaren hier? So jung er auch war, er hat doch viele Herzen bewegt und zum Nachdenken eingeladen. In Europa, bei unseren Freunden in Ecuador und in den USA – weltweit!“, freut sich der Vater.

Das alles ist jetzt drei Jahre her. Gabriel hat seit fast zwei Jahren eine kleine Schwester. Clara wurde in der Osternacht geboren, „ein Auferstehungskind!“ Eva hat sie mit vielen Sorgen durch die neun Monate der Schwangerschaft getragen; immer war da die Angst, dass wieder etwas passiert. Erst als Clara ein Jahr alt war, konnte Eva wieder freier atmen. Jetzt haben sie zwei Kinder, sagen sie, „eine Tochter, die bei uns ist, und einen Sohn, der bei Gott ist.“ Die Fotos von beiden stehen im Wohnzimmer. Clara soll wissen, dass sie einen kleinen großen Bruder hat.

„Ein Stück weit bleibt man immer verwaiste Eltern, und das bis ans Ende seiner Tage“, sagt Jarek, und seine Stimme zittert ein wenig. Der 37-Jährige predigt öfter über seinen Sohn; und dass eine Familie ihn, den Laien, holt, als ihr Kind stirbt, hat sicher mit seinen Leid-Erfahrungen zu tun. Er hat keine frommen Sprüche auf den Lippen, die er in seinem Schmerz auch nicht hören wollte. Dableiben, aushalten, Ratlosigkeit zugeben, statt billige Trostworte zu suchen – das hilft mehr als alles andere, betont Eva, die inzwischen in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung arbeitet.

Auch das ist Teil der Geschichte von Gabriel bei Maria. „Der Engel ist kurz da, hinterlässt seine Botschaft und ist wieder weg“, sagt Eva. „Auch unser Gabriel war kurz da. Aber was er zu sagen hat, ist groß. Und das wird bleiben.“

Christina Brunner

Januar 2019

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