Brauchtum

Kleppern, was das Zeug hält

Wenn die Glocken an den Kartagen "nach Rom fliegen", wird es im Thalgau laut: Denn es ertönen statt der Glocken spezielle Lärminstrumente. Georg Wieser stellt sie in aufwändiger Handarbeit her.

Auf der alten Klepper aus den 1920er Jahren haben sich die Kinder verewigt

Krachen müssen sie und das gewaltig: Wenn die Ministrantinnen und Ministranten im Thalgau von der Kirche zum 800 Meter entfernten Pfarrhof und wieder zurück ziehen, kleppern sie, was das Zeug hält. „Hammerl in d’ Höh, oans, zwoa“, ruft der vorausgehende „Oberklepperer“. Dann wird rhythmisch losgeschlagen, mit voller Wucht einmal auf die obere Brettkante, dann auf die untere. Und das mit acht Hämmerchen pro Kind, macht 320 kraftvolle Schläge bei 40 quirligen Mädchen und Buben. Was für ein ohrenbetäubender Auftritt!

Die Thalgauer Kleppern erfüllen den gleichen Zweck wie die an anderen Orten in den Kartagen eingesetzten Ratschen: Sie ersetzen von Gründonnerstag-Abend bis zum Gloria der Osternacht die Kirchenglocken. Diese schweigen zum Zeichen der Trauer über die Auslieferung des Herrn, über sein Leiden und Sterben. „Zu dieser Trauer passen keine jubelnden Glocken und auch kein fröhliches Orgelspiel. Darum übernehmen die Kleppern das Ave- oder Angelusläuten um 6 Uhr in der Früh und um 12 Uhr mittags sowie das ‚Einläuten‘ zu den verschiedenen Gottesdiensten“, sagt der Thalgauer Pfarrer, Dechant Josef Zauner. Warum gerade in Thalgau Kleppern statt der gebräuchlicheren Ratschen verwendet werden, kann Zauner nicht sagen. Er weiß nur, dass die Verwendung dieser hölzernen Lärminstrumente schon seit Generationen in der Pfarre üblich ist.

Aus 40 Teilen gebaut
Gebaut werden die Kleppern von Georg Wieser, einem Hobby-Tischler, der die Herstellung von seinem Vater gelernt hat. Aus vielen Arbeitsschritten und nicht weniger als 40 Holzteilen besteht ein Exemplar. Penibel sucht Wieser das richtige Holz bei den umliegenden Bauern aus. Hart muss es sein, wie etwa das feinporige Holz des Ahorn, das für das Brett verwendet wird, auf das die Hämmer schlagen. Die Hämmer werden aus der zähen Esche gefertigt und für die Handgriffe werden Hölzer von Eiche, Buche, Nuss-, Birn- oder Apfelbaum gewählt.

Eine Klepper müsse „wahnsinnig viel aushalten“, erzählt der pensionierte Gemeindebedienstete in seiner Werkstatt, der ehemaligen Wagnerei seines Vaters. Das gerade gewachsene Holz lässt er an der Luft trocknen, was ein Verziehen und Verspannen verhindert. Dann wird zugeschnitten, gehobelt, gesägt, gedrechselt und gefräst. Auf Skizzen oder Pläne kann Wieser nicht zurückgreifen, nur auf die Überlieferung vom Vater. Millimeterarbeit ist das Einpassen aller Bestandteile – inklusive der winzigen Keile und Rundstäbe, die als Halt und Puffer dienen. Das nur zwei Zentimeter dicke Brett verjüngt der Flachgauer nach vorne. Auch die Hämmer erhalten eine feine Abschrägung, damit sie gleichmäßig aufschlagen.

Das richtige Kleppern will allerdings gelernt sein: „Am Anfang der Karwoche treffen sich die Ministranten, um das Kleppern zu üben“, erklärt Dechant Zauner. Anders als beim Ratschen müssen die Instrumente alle im gleichen Rhythmus geschlagen werden – „sonst klingt das furchtbar!“ Der Oberministrant gibt den Auftakt und das Ende des Lärmens an. Am Gründonnerstag haben die Kinder ihren ersten Einsatz. Nach der Abendmahlfeier marschieren sie kleppernd um die Thalgauer Kirche. „Das gibt einen Höllenlärm, wenn die Hammerln mit voller Wucht auf die Holzbretter treffen!“, weiß der Pfarrer. „Die Ministranten verwenden Ohrstöpsel, damit sie keinen Hörschaden erleiden.“

Runde durchs Dorf
Am Karfreitag heißt es für die neun- bis 16-jährigen Kinder und Jugendlichen zeitig aufstehen. Schon um 6 Uhr früh muss das erste Mal gekleppert werden. „Die Älteren treffen sich traditionell davor zum gemeinsamen Frühstück“, berichtet Zauner. Von der Pfarrkirche marschieren die Ministranten lärmend durch den Ort bis zum Pfarrhof, wo sie von Dechant Zauner bereits erwartet werden. An Schlaf ist in Thalgau nach diesem lauten Spektakel nicht mehr zu denken. Wenn die Ministranten zu Mittag wieder ihre Runde durchs Dorf machen, haben sich meist einige Zuschauer am Marktplatz eingefunden. Ihren letzten Auftritt haben die Kinder mit ihren Kleppern am Karsamstagabend vor der Auferstehungsfeier. Als Belohnung für ihren Einsatz hat der Pfarrer eine süße Überraschung vorbereitet.

Gerade hat Georg Wieser einige Kleppern aus den 1920er Jahren zum Reparieren in seiner Werkstatt. Zwar sieht man deutlich Spuren der Abnützung, aber das Holz, auf das draufgeschlagen wird, hält noch immer. Die alten Kleppern erzählen von fernen Zeiten: Klepperer aus verschiedenen Jahrzehnten haben sich mit Namen und Datum verewigt. Auch heute hat jede Ministrantin und jeder Ministrant in Thalgau ihre bzw. seine „persönliche“ Klepper. „Nach den ersten 50 absolvierten Ministrantendiensten bekommen die Mädchen und Burschen ‚ihre‘ Klepper“, berichtet Pfarrer Zauner. Die dürfen die Jugendlichen behalten, wenn sie aus dem Ministrantendienst ausscheiden. Das ist auch der Grund, warum Georg Wieser die Arbeit nicht ausgeht: Jedes Jahr bestellt die Pfarre zehn neue Instrumente. Wenn er dann die kleinen Akteure vor Ostern kleppern hört, ist das ein bisschen wie Musik in seinen Ohren. „Dann erntet man die Früchte seiner Arbeit“, freut er sich.

Ursula Mauritz und Christine Schweinöster

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"Wir ratschen, wir ratschen!"

 

Am Gründonnerstag „fliegen die Glocken nach Rom“, um zu Ostern gestärkt heimzukehren – so heißt es jedenfalls der Legende nach. Tatsächlich verstummt nach dem Gloria bei der Gründonnerstagsliturgie das Glockengeläut zum Zeichen der Trauer über das Leiden und den Tod Christi. Die Aufgaben der Glocken – die Uhrzeit bzw. die Gebetszeiten anzuzeigen – übernehmen in den Kartagen an vielen Orten hölzerne Lärminstrumente, die Ratschen. Ob das Wort aus dem Mittelhochdeutschen („razzen“ = rasseln) oder vom italienischen „raggiare“ (drehen) kommt, ist nicht klar.

In manchen Pfarren sorgen große Turmratschen vom Kirchturm aus für Lärm, anderswo ist es üblich, dass Kinder, meist Ministranten, mit Flügel-, Fahnen- oder Schubkarrenratschen am Karfreitag und Karsamstag durch den Ort ziehen. Dabei rufen sie den Ratschenspruch: „Wir ratschen, wir ratschen den Englischen Gruß, den jeder katholische Christ beten muss. Fallt’s nieder, fallt’s nieder auf eure Knie, bet’s ein Vaterunser und drei Ave Marie!“