Das Gespräch

Künstler Yadegar Asisi: Bei mir überwiegt die Hoffnung

Der Künstler Yadegar Asisi (64) schafft überdimensionale Panoramabilder. Thomas Pfundtner hat mit ihm in seinem Atelier in Berlin über seine Arbeit und die DDR gesprochen. 

Künstler Yadegar Asisi in seinem Atelier.

Herr Asisi Sie haben den Begriff „Panometer“ geschaffen. Was ist das?

Ja, das ist eine Wortschöpfung von mir. Panometer sind zwei ehemalige Gasometer in Leipzig und Dresden, in denen überdimensionale, zylindrische 360-Grad-Panoramabilder zu einem bestimmten Thema gezeigt werden, die anfangs ausschließlich dort in den Gasometern gezeigt wurden. Aus PANOrama und GasoMETER entstand der Begriff. Die Bilder haben eine Gesamtfläche von 3.500 Quadratmetern und mehr. Zur Recherche entstehen unter anderem zehntausende Einzelfotos, letztlich ist ein Panorama aber Malerei mit digitalen Mitteln. Der Betrachter betritt das Bild, wird von ihm eingeschlossen und er versinkt förmlich in der Betrachtung. Innerhalb der dargestellten Szenen steht ein bis zu 15 Meter hoher Aussichtsturm, der auf drei Ebenen wiederum eine völlig andere Betrachtung des Bildes ermöglicht. Mittlerweile werden aber auch spezielle Rotunden gebaut.

Was bedeutet Ihnen ein sinnvolles Leben?

Ehrfurcht und Demut. Für meine Projekte war ich auf der ganzen Welt unterwegs. Ich habe unendliches Leid und Zerstörung gesehen. „Warum ist das so“, frage ich mich immer wieder. Woher kommt unser Hang zur Zerstörung und Nichtachtung der Schöpfung? Obwohl es so viele Dinge gibt, über die man traurig sein kann in der Welt, überwiegt bei mir dennoch die Hoffnung, dass wir in der Lage sind, die Dinge zum Besseren zu wenden.

Sind Sie gern unterwegs?

Sperren Sie mich in ein Atelier und geben mir etwas zu essen. Dann bin ich zufrieden. Die Reisen sind für meine Projekte unerlässlich und ich lerne viel – über die historischen Zusammenhänge, die Länder, die Menschen. Doch das nützt mir alles nichts, wenn ich nicht mit mir selbst im Reinen bin. Wenn das nicht der Fall ist, kann ich andere nicht glücklich machen.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Anlässe. Eindrücke. Eigene Erlebnisse. Neugier. Manchmal werde ich auch zu einem Panorama getragen…

©Markus Nowak…wie bitte…?

… ja. Nehmen Sie zum Beispiel „Leipzig 1813 – in den Wirren der Völkerschlacht“. Das wollte ich nicht machen. Obwohl alle mir dazu rieten. Immer wieder habe ich abgelehnt. Ich wollte keine Schlacht darstellen. Langsam aber wuchs die Idee, nicht die Völkerschlacht zum Hauptthema zu machen, sondern alles aus der Sicht der Stadt Leipzig zeigen, aus der Sicht der Menschen. Sie war von den Franzosen besetzt, die aber kurz vor dem Rückzug standen. Dieser Gedanke hat mir gefallen. Daraus entstanden die Idee und die ersten Skizzen. Am Horizont tobt die Völkerschlacht, während sich in der Stadt die Dinge verändern. Der Betrachter steht auf dem Dach der Thomaskirche und beobachtet das ganze Geschehen. Es ist viel ergreifender über die Grausamkeit des Krieges zu reden, wenn man nach dem Ende auf das Geschehen schaut.

Bereits 1986 haben Sie die Berliner Mauer bemalt.

Stimmt, das war an der Waldemarstraße. Hinter der Mauer stand die Michaelkirche, die teilweise von der Mauer verdeckt war. Das habe ich vervollständigt. Ein Stück davon steht heute in den Gärten des Vatikans in Rom. Das Mauerstück wurde versteigert und von einem Italiener erworben, der es Papst Johannes Paul II. schenkte.

Sie leben seit vielen Jahren in Berlin mit und ohne Mauer. Musste es da auch noch ein Mauer-Panorama sein?

Unbedingt! Ich glaube, es reicht nicht aus, nur ein paar Mauerstücke zu zeigen. Das Leben an und mit der Mauer ist ein wichtiges Thema. Es war doch erschreckend, wie wir uns alle mit der Mauer eingerichtet hatten. Sie war normal, ja, völlig selbstverständlich. Allen Rufen nach einer Wiedervereinigung zum Trotz. Niemand hat doch wirklich daran geglaubt, dass die DDR eines Tages Geschichte sein würde.

Das Leben mit und an der Mauer war selbstverständlich und normal geworden. Die Menschen, die in Berlin direkt an der Mauer lebten, konnten die Grenzsoldaten auf ihren Wachtürmen beobachten, während sie selber Kaffee tranken oder bügelten.

Seit den 1980er Jahren ist Berlin-Kreuzberg mein Kiez. Damals hatten wir eine Stammkneipe direkt an der Mauer. Sie heißt „Zur Henne“. Wir haben gesoffen, während Grenzer den Auftrag hatten, auf Flüchtlinge zu schießen. Eine grausame Normalität, die im Nachhinein so nicht mehr zu verstehen ist.

Sind Ihre Bilder historisch korrekt?

Meine Bilder sind keine historischen Dokumente, sondern erzählen eine Geschichte. Wie beim Film. Auch dort wird eine Geschichte rund um ein Thema entwickelt, die in die entsprechende Zeit passt. Wichtig ist, dass die entsprechende Epoche, das Jahr oder das historische Ereignis rund um die Geschichte übereinstimmend dargestellt wird. Heutzutage können Sie alles überprüfen. Da müssen im Film und auf einem Panoramabild natürlich die Fakten stimmen. Aber, ob ein Auto gerade in dem Moment an meinem Mauerausschnitt die Straße passiert oder die Häuser tatsächlich genau an dem von mir gewählten Ort stehen, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist die historische Dichte, die ich in meinen Panoramabildern aufleben lasse. Oder die Momentaufnahme in einem Garten, auf dem Mount Everest oder im Great Barrier Reef.

Sie haben sicherlich mein Pergamonbild gesehen…?

©Markus Nowak…ja…

Sehen Sie, wir können heute viel anhand der historischen Funde und überlieferten Texte rekonstruieren und darstellen. Aber deshalb wissen wir nicht, ob alles wirklich genauso war.

Ich war immer verwundert, dass der Pergamonaltar überall so sauber und steril dargestellt wurde. Tatsache aber ist: Wenn Opfertiere geschlachtet und verbrannt werden, dann fließt Blut und es stinkt. Besonders während der mehrere Tage dauernden Dionysien, den Festspielen zu Ehren des Gottes Dionysos, die auch in Pergamon stattfinden und ein zentraler Bestandteil des Panoramabildes sind. Also habe ich darauf bestanden, dass dies auch gezeigt wird und nicht der saubere Altar im Mittelpunkt steht. Da gab es natürlich jede Menge Diskussionen.

Aber heute nicht mehr.

Nein, warum auch. Die Besucher sind begeistert von der Dichte der Bilder und dem realistischen Blick auf die Geschichte. Da ist zum Beispiel der Fries des Pergamonaltars. Im Museum fehlen den Figuren Arme, Beine oder Köpfe. Aber wie sähe das denn aus? Also habe ich alles vervollständigt. Gezeichnet, ganz klassisch. Es ist eine legitime Annäherung an die Realität. So wird Geschichte lebendig und verständlich. Das ist es, was ich erreichen will, denn nur so erreiche ich auch die Menschen.

Worauf dürfen wir uns als Nächstes freuen?

Zunächst einmal freue ich mich, dass ich gerade dabei bin, mir einen Traum zu erfüllen – ich arbeite an einem Buch, mit dem jeder, wirklich jeder, Zeichnen lernen kann.

Außerdem stecke ich mitten in einem neuen Panoramabild: Das Leben zur Zeit des Konstanzer Konzils zwischen 1414 und 1418. Es wird zeigen, wie es in der Stadt zuging, die für vier Jahre zum christlichen Mittelpunkt der Welt zählte, als drei Päpste das geistliche Leben beherrschten. Und zu einer wissenschaftlichen und kulturellen Drehscheibe Europas machte. Ich hoffe, wir können in 2021 Eröffnung feiern.

Mehr Fragen und Antworten finden Sie bei uns im Heft.

Thomas Pfundtner

April 2020

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 24.03.2020
    Ein sehr animierendes Gespräch mit einem bildenden Künstler, wortwörtlich gemeint. Von Herrn Asisi kann man nicht nur Geschichts-, sondern auch Herzensbildung lernen. Auch wenn wir jetzt nicht in die Ausstellungen gehen können, dürfen wir uns doch darauf freuen. Immerhin gibt es ja Bücher, die uns auf den Ausstellungsbesuch einstimmen können. Überdies sollten wir die Einstellung Asisis übernehmen: "Obwohl es so viele Dinge gibt, über die man traurig sein kann in der Welt, überwiegt bei mir dennoch die Hoffnung, dass wir in der Lage sind, die Dinge zum Besseren zu wenden." Also wenden wir uns zum Besseren.

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Das ist ein Panoramabild

Vereinfacht gesagt ist ein Panoramabild die künstlerische Darstellung von Raum, Zeit und Ereignissen in einem riesigen Rundgemälde. Erfunden wurde das Panoramabild von dem Iren Robert Baker und 1787 patentiert. Sie waren meist 15 Meter hoch und hatten ein Umfang von über 100 Metern. Noch heute gibt es derartige Panoramen zum Beispiel in Altötting (Jerusalem-Panorama, Kreuzigung Christi) oder das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen. 

Heute spielen bei den Panoramen komplexe Bildbearbeitungsprogramme und Hightech-Fotografie eine große Rolle. Bei Yadegar Asisi aber ist entscheidend: Er entwirft von jeder Szene, die in einem Panoramabild zu sehen ist, genaue Skizzen, die dann fotografisch umgesetzt werden. Außerdem definiert er die gesamte Komposition des Bildes, muss also die riesige Darstellung perspektivisch beherrschen. Dazu kommt eine auf die Bildinhalte abgestimmte Geräuschkulisse und eine Lichtinszenierung, die fast immer Tag und Nacht simuliert.

Das Panoramabild „Pergamon“ ist gut 30 Meter hoch und hat einen Umfang von etwa 104 Metern auf denen gut 100 verschiedene Szenen aus dem Leben in Pergamon 129 Jahre nach Christus zu sehen sind. Dafür wurden die Szenen oder Einzelaspekte daraus auf mehreren 10.000 Fotos gebannt und in einem aufwendigen Verfahren am Computer zusammengesetzt. 

Wenn alles fertig ist, wird das Panoramabild im Sublimationsdruck auf die Leinwand (ein spezielles Mischgewebe) eingedampft. Danach wird das gesamte Panoramabild mit Hilfe von Elektromotoren in die Höhe gezogen und installiert.

Buchtipp

Zu allen Panoramabildern gibt es Begleitbücher die entweder direkt vor Ort oder im Buchhandel gekauft werden können. Weitere Informationen finden Sie hier.

Aktuelles

Seit Februar 2020: Ausstellungserweiterung von „Carolas Garten – Eine Rückkehr ins Paradies“ im Panometer Leipzig. Zusätzlich sind dreidimensionale Objekte von Yadegar Asisi sowie großvolumige Insektenmodelle von Julia Stoess in der Ausstellung, die bis mindestens Ende 2020 läuft, zu sehen. 

Seit Februar 2020: Ausstellungserweiterung von „Dresden 1945 – Tragik und Hoffnung einer europäischen Stadt“ im Panometer Dresden. Zusätzliche Ausstellungstafeln zeigen im Panorama-Innenraum Architektur und Straßenzüge in Dresden vor und nach der Zerstörung sowie nach dem Wiederaufbau in der DDR und heute

Samstag, 16. Mai 2020 (geplant): Eröffnung der Panorama-Ausstellung „Die Kathedrale von Monet – die Hoffnung der Moderne“ im Panorama in Rouen (Frankreich) im Rahmen des diesjährigen Impressionismus-Festivals in der Normandie.

Voraussichtlich 2021: Eröffnung des Panoramas zum Konstanzer Konzil 1414-1418 im eigens errichteten Ausstellungsbau in Konstanz