Titelthema

„Kulturelle Umbrüche sind normal“

Der Wandel in der Bestattungskultur kommt für Pater Dr. Bernd Werle, Moraltheologe und Pfarrvikar im katholischen Seelsorgebereich Sankt Augustin, nicht überraschend

Friedhöfe bilden den Wandel der Gesellschaft ab.

Das klassische Begräbnis gibt es kaum noch. Zwei Drittel der Menschen in Deutschland entscheiden sich zum Beispiel für eine Urnenbestattung. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung, haben Sie da Bedenken?

P. Bernd Werle: Mit Urnenbeisetzungen habe ich überhaupt kein Problem. Es ist eine legitime Variante der Bestattung, die viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen wählen. Für Christen problematisch wäre, wenn jemand explizit mit dieser Form der Bestattung dem Glauben an die leibliche Auferstehung der Toten widersprechen möchte.

Auch der Friedhof selbst hat Konkurrenz bekommen, etwa durch die Friedwälder.

P. Bernd Werle: Der Gedanke hinter einer Baumbestattung ist ja, dass sich die Asche des Verstorbenen mit dem Kreislauf der Natur wiedervereint. Ich sehe darin auch eine christliche Bedeutung: Die Erde, in die die Urne mit der Asche des Verstorbenen gelegt wird, ist ein Symbol für die gute Schöpfung Gottes. Geborgen in der „Mutter Erde“ ist das Geschöpf Mensch verbunden mit Gottes guter Schöpfung und bewahrt in der väterlich-mütterlichen Liebe des Schöpfers. In unserem Seelsorgebereich werden wir bisweilen gebeten, eine Bestattung im Friedwald vorzunehmen. Auch diese lässt sich sehr würdevoll feiern. Ich sehe in ihr keine Bestattung zweiter Klasse.

@Achim HehnKonzerte, Führungen, Theaterstücke – Friedhöfe werden heute auch für Veranstaltungen genutzt. Was halten Sie davon?

P. Bernd Werle: Es kommt darauf an, aus welchen Motiven und mit welchen Absichten man solche kulturellen Veranstaltungen gerade auf Friedhöfen anbietet oder inszeniert. Wenn es zum Beispiel nur darum ginge, den Zuschauern einen ungewöhnlichen Ort zu bieten, oder wenn es nur ein möglichst „geiler“ Event sein soll, scheint mir der Friedhof der falsche Ort zu sein. Will man mit der Veranstaltung hingegen einen seriösen Beitrag dazu leisten, dass wir den Tod nicht verdrängen, sondern uns mit Tod, Sterben und Trauern als wichtige Elemente unseres Menschseins auseinandersetzen und wir den Friedhof als Ort der Ruhe unserer Verstorbenen respektieren, könnte man in solchen Initiativen auch etwas Positives sehen. Auf jeden Fall ist eine Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung der jeweils geltenden Friedhofsordnung nötig.

Nicht nur die Art der Bestattung, auch der Grabstein wird individueller gestaltet – etwa mit QR-Codes, Fotos oder Hinweisen auf Beruf oder Hobby des Verstorbenen. Älteren Gläubigen kann das viel Toleranz abverlangen.

P. Bernd Werle: Ich habe mal einen alten bayerischen Friedhof aus dem 17. oder 18. Jahrhundert besucht. Was ich da auf den Grabinschriften zu den jeweiligen Verstorbenen lesen konnte, war schon sehr persönlich. Manchmal musste ich sogar lauthals lachen, und manches klang für heutige Ohren schon recht derb. Vor diesem Hintergrund halte ich individuelle Gestaltungen für nichts Neues. Ich glaube, dass es gerade in der Bestattungskultur immer wieder kulturelle Umbrüche gab und geben wird. Was ist näher an unserem Menschsein, als geboren werden und sterben? Und weil es so nahe ist, suchen wir dafür ständig nach neuen Ausdrucksformen, die auch unser Lebensgefühl und die gesellschaftlich-kulturellen Kontexte, in denen wir leben und sterben, zum Ausdruck bringen möchten.

Wie wichtig sind Ihnen die Wünsche der Hinterbliebenen bezüglich einer Beerdigung?

P. Bernd Werle: Die sind für mich ganz entscheidend. Nur durch eine einfühlsame und aufmerksame Begleitung der Angehörigen kann ich als Seelsorger die Feier der Beerdigung mit ihnen besprechen und planen. Bevormundung wie auch ritueller Formalismus sind fehl am Platz. In unserer individualisierten Gesellschaft gibt es nicht mehr eine einzige gültige Form der Bestattung, die für sich allein das Prädikat ‚würdevoll‘ beanspruchen könnte.

November 2019

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