Brauchtum

Mach es wie die Sonnenuhr...

In einer kleinen Schlosserwerkstatt in Weiten im Waldviertel werden die ältesten Zeitmesser der Menschheit hergestellt

©Andrea Sikorski

Über 40 Sonnenuhren in verschiedenen Farben und Formen gibt es bei Familie Jindra

Oft sind es die Ehefrauen, die einen Stein ins Rollen bringen: Marianne Jindra, die Ehefrau von Johann Jindra senior, fand, dass die Mauer ihres gerade fertiggebauten Hauses zu kahl war, und wünschte sich von ihrem Mann als Zierde eine Sonnenuhr. „Kein Problem“, dachte der gelernte Schlosser: „Ein Zeiger, Ziffern von eins bis zwölf, fertig ist die Uhr.“  Schnell wurde ihm klar, dass er keine Ahnung hatte von „Gnomonik“, wie sich die Wissenschaft der Sonnenuhrenkunde nennt. Er wusste nichts vom Polstab, der Berechnung des Breitengrades oder vom Bau rund um das Ziffernblatt.

Also begann Jindra senior alte Bücher und Skizzen zu studieren und Berechnungen anzustellen. Die Beschäftigung mit antiken Sonnenuhren übte eine große Faszination auf ihn aus. Die Theorie, die hinter einer Sonnenuhr steckt, erfordert sehr fundierte astronomische Fachkenntnis, die sich Johann Jindra erst durch Jahre intensiver Beschäftigung erwarb. Acht Jahre musste seine Frau warten, bis Jindra seine erste schmiedeeisene Wanduhr fertiggestellt hatte und sie ihre Sonnenuhr bekam. Mittlerweile ist Johann Jindra in Pension, aber dennoch steht er bis heute in der Werkstatt und hilft seinem Sohn.

Geschichte der Sonnenuhr
Sonnenuhren sind die ältesten Zeitmesser der Menschheit. Die „Erfindung“ der Sonnenuhr passierte in dem Moment, als der Mensch den wandernden Strahl der Sonne auf Felsen oder Bäumen bemerkte und nutzte. Sonnenuhren wurden mit dem Wissen um den Verlauf der Sonne konstruiert. Das macht sie zu Wunderwerken der Natur, zu astronomisch-technischen Kunstwerken, die das große Universum widerspiegeln. Die ägyptische Reisesonnenuhr des Pharao Thutmosis III. oder die Hohlkugelsonnenuhr des Chaldäischen Astronomen Berosos (3. Jh. v. Chr.) beweisen, wie lange sich der Mensch dieser Wissenschaft als Zeitmessgerät schon bedient.

Die vermutlich älteste Sonnenuhr Österreichs aus dem 13. Jahrhundert befindet sich auf der Pfarrkirche Schöngrabern im Weinviertel. Im 17. Jahrhundert erreichte die Kunst des Sonnenuhrenbaues ihre Hochblüte. Mit der Erfindung der Räderuhr ging das Interesse zurück. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war allerdings zur Kontrolle von Kirchenuhren noch eine Sonnenuhr erforderlich. Heute sind Sonnenuhren Zierde oder architektonisches Element am Haus oder im Garten. Doch wie funktionieren sie? Sonnenuhren sind Messgeräte, die die Bewegung der Sonne am Himmel darstellen. Diese Sonnenstandorte werden mit dem Schattenwerfer auf eine Fläche projiziert. Die Sonne beschreibt am Himmel im Jahreslauf verschieden hohe Bahnen. Dabei bilden die Ost-Westabweichung die Stunden und die verschiedenen Höhen das Datum. Eine Sonnenuhr zeigt die wahre Sonnenzeit, basierend auf der tatsächlichen Erdrotation und auf der Bewegung der Erde um die Sonne. Erreicht die Sonne ihren Höchststand, spricht man vom wahren Mittag.

Als Vertikalsonnenuhren bezeichnet man Wandsonnenuhren. Horizontalsonnenuhren sind waagrecht und haben ein ebenes Ziffernblatt. Äquatorialsonnenuhren sind Kugelsonnenuhren mit einem Zifferblatt, das parallel zur Äquatorebene liegt. Der Schattenstab ist zum Himmelspol ausgerichtet. Würden wir uns nach der Sonne richten, hätte jede Stadt ihre eigene Uhrzeit, das war früher tatsächlich so. Mit dem Entstehen der Eisenbahn wurde eine einheitliche Zeit nötig, die entlang der ganzen Eisenbahnstrecke galt. 1884 vereinbarte man international den „Greenwicher Meridian“ als Nullmeridian. Es entstand das weltweite systematische Zeitzonensystem. Jede Zeitzone deckt 15 Längengrade ab und weicht um eine Stunde von der nächsten Zeitzone ab. Die dort gültige Ortszeit sollte die Sonnenzeit am jeweiligen Längengrad widerspiegeln.

60 Stunden pro Sonnenuhr
Die Schlosserei in Weiten ist seit 1858 im Familienbesitz der Jindras, mittlerweile schon in fünfter Generation wird das Handwerk ausgeübt. Vor 40 Jahren hat sich Familie Jindra auf die Herstellung von Sonnenuhren spezialisiert. Jede ist ein Unikat, für die rund 60 Stunden Arbeit notwendig sind. Im Sonnenuhrengarten und im Sonnenuhrenhaus der Schlosserei Jindra sind über 40 Sonnenuhrenmodelle zu besichtigen: vertikale, horizontale, äquatorparallele, geschmiedete, verzinkte, lackierte, sowie solche mit Messingelementen versehene und blattvergoldete. Das „Astronomische Kabinett“, die „Werkstätte des Kompassmachers“ und der Raum „Durch Zeiten und Kontinente“ im Sonnenuhrenmuseum entführen die Besucher in die Welt der Zeitzonen, Sonnenwenden, Sonnen- und Erdbahnen, antiken Modelle und historischen Monumente. Die Weltkarte auf dem Fußboden zeigt bedeutende Sonnenuhrenstädte.  

Das Tal der Sonnenuhren
Im Shop können verschiedene Sonnenuhren in Miniaturform erworben werden. Faszinierende Stücke: Der Bauernring, eine ringförmige Sonnenuhr, wurde von preußischen Mönchen erfunden. Das Ziffernblatt ist auf der Innenseite angebracht. Eine Bohrung im Ring wirft einen Lichtpunkt auf die Zeitskala. Der Bauernring gehört zu den Höhensonnenuhren, auf denen der laufende Monat auf einem Schiebering eingestellt werden muss. Das Nocturnal, die mittelalterliche Nachtuhr, peilte den Polarstern und den großen Wagen an, um zu einer Zeitmessung zu kommen. Nach einem Besuch der Ausstellung „Sonne, Zeit und Ewigkeit“ in der Schlosserei Jindra können sich Besucher auf Entdeckungsreise ins Tal der Sonnenuhren begeben. In der Umgebung der Ortschaft Weiten findet man Sonnenuhren auf den Mauern von Burgen, Schlössern und Kirchen sowie auf den Fassaden von alten Bürgerhäusern. Aber auch zeitgenössische Exemplare aus der Werkstatt Jindras kann man in Parks und auf Plätzen entdecken. Ein Folder hilft bei der Suche!

www.sonnenuhren.com

Andrea Sikorski

Juli 2018

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