Titelthema

Maria 2.0-Gründerin: „Ein Zeichen gegen die Verachtung der Frauen!“

Lisa Kötter, eine der Gründerinnen der Initiative Maria 2.0, spricht im stadtgottes-Internview über ein falsches Marienbild, Streik und die Sehnsucht nach Veränderung.

Lisa Kötter, 59, ist freischaffende Künstlerin und hat vier erwachsene Kinder, drei Enkeltöchter. Sie engagiert sich religiös und politisch in ihrer Gemeinde in Münster.

Frau Kötter, Maria 2.0 hat ja als Lesekreis in der Gemeinde Heilig Kreuz in Münster angefangen. Staunen Sie, was daraus geworden ist?

Ja, sehr! Wir haben höchstens gehofft, dass wir in Münster gehört werden. Aber diesen Erfolg schreiben wir uns nicht selbst zu, es ist wohl die große Sehnsucht der Menschen.

Warum ist das Thema jetzt so unüberhörbar?

Der Boden ist gut beackert von Menschen, die schon seit Jahrzehnten an diesem Monolith der Kirche rütteln. Es gab wichtige intellektuelle Vorarbeiten auch von TheologInnen. Vor allem aber: Weil das Unheil des Missbrauchs so öffentlich geworden ist und der Machtmissbrauch so offensichtlich, haben die Leute ein Ventil gesucht. So konnte sich viel Trauer, Wut und Sehnsucht nach einer anderen Kirche Bahn brechen.

Was gibt Ihnen Mut weiterzumachen?

Das sind die Leute selbst. Wir haben viele ältere Frauen in unseren Reihen, das waren die Ersten, die sofort mitgezogen sind. Mir macht Mut, dass viele Menschen sagen, dass sie keine Angst mehr haben. Angst ist ja ein wichtiges Instrument für die Kirche, um Themen wie Gewalt gegen Frauen in der Kirche und in den Orden nicht hochkommen zu lassen.

Es gibt ja viele Kritiker, die Ihnen vorwerfen, unrealistische Forderungen zu stellen oder mit einem Streik ein falsches Mittel zu wählen.

Das Wort „Streik“ haben die Medien aufgebracht. Wir haben das Ganze „Aktion“ genannt. Es ging nicht darum, etwas nicht zu tun. Wir wollten etwas tun, nämlich sichtbar machen, wie viele ausgegrenzt sind, indem man draußen bleibt.

Klar sind unsere Forderungen unrealistisch. Wenn man gläubig ist, darf man auch unrealistisch sein. Ganz ehrlich: Bei all meinem Beten um den Heiligen Geist glaube ich nicht, dass die Kirche sich so schnell ändert, dass sie hier in Westeuropa wieder Menschen begeistert für die jesuanische Idee. Das ist eigentlich unser Anliegen. Wir sind alle Mütter oder Großmütter, Tanten: Uns laufen unsere Kinder und Enkelkinder nicht nur aus den Kirchen weg, sie interessieren sich für die Botschaft nicht mehr!

Wir haben keine Zeit mehr, und deshalb möchten wir schon heute ein anderes Gesicht von Kirche zeigen. Das ist das, was Maria 2.0 versucht zu tun: anders ins Gespräch zu kommen, andere Aktionen zu machen, zu zeigen, dass Nachfolge etwas anderes ist, als was in diesen erstarrten Strukturen zu sehen ist.

Dass wir diesen Monolith Kirche bewegen – das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Der steht da, und wir fließen drum herum. Ich sage den Bischöfen immer: Ihr könnt nachkommen, aber wir warten nicht auf euch, und wir warten auch nicht auf eure Erlaubnis.

Stichwort Bischöfe: Die haben zunächst sehr ablehnend reagiert.

Der Bischof hier in Münster ja auch. Wir haben ihn dann an unseren Küchentisch gebeten, er ist gekommen und hat sehr gut zugehört. Ich war sehr beeindruckt von ihm und er sehr von uns. Wir treffen ihn bald wieder. Viele Frauen von Maria 2.0 machen die Erfahrung: Wenn man auf Augenhöhe mit den Bischöfen redet und auch ein offenes Wort sagt, gibt es oft Zustimmung. Manche bitten uns auch: Macht weiter! Auch bei den Bischöfen gibt es eine Sehnsucht nach Erneuerung.

Die Bischöfe möchten mehr Frauen in Leitungsämtern. Reicht das?

Die Frage ist doch: Wo steuert die Kirche hin? Und das zu bestimmen, ist allein in geweihter Hand. Was bevollmächtigt eigentlich die Kirche, Männer zu Priestern zu weihen? Jesus hat niemanden geweiht, und erst recht nicht zu Priestern. Im Gegenteil: Er hat sie zu seiner Zeit scharf kritisiert. Aber diese Frage hat mir noch niemand beantworten können.

Also geht es nicht um mehr Macht für Frauen?

Wir wünschen uns, dass die Kirche ein Zeichen setzt gegen die Verachtung der Frauen weltweit. Sie hat eine große politische Macht, das haben wir beim Fall des Eisernen Vorhangs gesehen. Wenn die Kirche ein Zeichen setzt, wäre das unglaublich wirksam für alle Frauen und damit für die Kinder. Wer die Frauen stärkt, stärkt die Gesellschaften.

Sie sind Künstlerin und haben 95 Frauenporträts für Maria 2.0 gemalt. Viele haben ein Pflaster über dem Mund ...

In der Nacht, in der wir beschlossen haben, nicht mehr zu schweigen und einen Brief an den Papst zu schreiben, war ich so aufgeregt, dass ich nicht schlafen konnte. In solchen Fällen male ich halt. Und so habe ich auf Pappe ein Frauengesicht gemalt und das Pflaster aufgeklebt und gesagt: Jetzt bist du das katholische Frauenbild!

Diese Erfahrung des Schweigen-Müssens zieht sich für uns Frauen ja durch die Jahrhunderte. Deshalb heißen wir auch Maria 2.0: Nicht weil Maria ein Update braucht, sondern weil das Bild, das von ihr gezeichnet wird, falsch ist. Die devote, immer dienende, schweigende Maria – mit dem Bild sind wir erzogen worden. Wenn es eine Verzweckung der Maria gibt, dann diese!

Mir haben viele Frauen ihre Fotos zugeschickt, und ich habe sie gemalt, dazu kamen Freundinnen und Frauen aus der Familie. Die letzten 20 Bilder habe ich dann auch ohne Pflaster gemalt, ich konnte das einfach nicht mehr tun. Es war jedes Mal ein Gewaltakt.

Christina Brunner

Februar 2020

Kommentare (1)

  • Gaby Bessen
    Gaby Bessen
    am 13.02.2020
    Und wenn du das Gefühl hast,
    dass gerade alles
    auseinander zu fallen scheint,
    bleib ganz ruhig …
    es sortiert sich nur neu!

    Autor unbekannt

    Dieses Zitat fiel mir gestern in die Hände und es charakterisiert genau das, was viele momentan in Kirche und Staat empfinden und fühlen.
    ‚Bleib ganz ruhig …’ . Können wir das, angesichts der vielen Erwartungen zu Reformen, die wir zur Amazonas –Synode hatten und haben und die den Synodalen Weg betreffen?

    Ja, wir können und wir müssen, was aber nicht heißt, dass wir den eingeschlagenen Weg verlassen. Ganz im Gegenteil! Aktionen wie Maria 2.0. müssen weitergehen und die Stimmen der Frauen weltweit dürfen nicht verstummen.
    Der Weg zu Reformen, besonders in der Kirche, ist ein steiniger und wird es auch bleiben, das zeigt uns die Kirchengeschichte überaus deutlich.

    Ich persönlich bin sehr froh, dass es Aktionen wie Maria 2.0. gibt und hoffe, dass wir Frauen genug Durchhaltevermögen beweisen, auf solchen Wegen zu bleiben und nicht müde werden, Veränderungen immer wieder anzustoßen.

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