Das Gespräch

Mario Adorf: Der Einfluss meiner Mutter war sehr groß

In wenigen Wochen feiert Schauspieler-Legende Mario Adorf seinen 90. Geburtstag. stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner sprach mit ihm über seine Kindheit zur NS-Zeit, seine Mutter und die Politik.

Arzt oder Maler wäre er gern geworden. Doch die Zeiten ließen es nicht zu. Zum Glück: Als begnadeter Schauspieler schenkte uns Mario Adorf unvergessliche Theater-, Kino- und Fernsehstunden.

Sie sind in Mayen in der Eifel aufgewachsen, lebten sechs Jahre in einem Waisenhaus, das von Benediktinerinnen geführt wurde. Ihre Mutter Alice konnte sich nur am Sonntag um sie kümmern, da sie als selbständige Näherin den Lebensunterhalt verdienen musste …

… meine Mutter hatte eine möblierte Mansardenkammer genau gegenüber vom „Spitälchen“ gefunden, um sich wenigstens nachts in meiner Nähe zu wissen. Jeden Sonntag begleitete mich eine Nonne über die Straße und ich flitzte in den dritten Stock. Immer hatte sie ein Geschenk für mich – mal eine Tafel Schokolade, mal ein Malbuch mit Zeichenstiften oder eine Wollmütze – das sie versteckt hatte und ich suchen musste. Und natürlich gab es auch selbstgenähte Kleidung, wie einen schwarzen Samtanzug... 

Damals, in den 1930er Jahren war eine unverheiratete Frau mit einem Kind unmöglich und es wurde getuschelt: „Da geht die Alice mit ihrem Bankert.“ Das hat meine Mutter mit stolzer Verachtung quittiert.

©Maximilian RossnerWar Ihre Mutter politisch und haben Sie mit ihr über Politik gesprochen?

Nein, eigentlich nie. Ich weiß aber noch, Adolf Hitler war für sie ein Schreihals. Meine Mutter liebte die schönen italienischen Stimmen und da war ihr der Führer natürlich ein Dorn im Ohr. Unvergessen bleibt mir auch, dass eines Tages ein „Goldfasan“ bei meiner Mutter in der Tür stand - so nannten wir die Parteibonzen wegen ihrer goldbraunen Uniform - Es war ein Bekannter aus ihrer Jugendzeit. Der Besuch war ihr sichtlich peinlich: „Warum kreuzt du in diesem Ornat hier auf, ich will dich hier nicht sehen“, sagte sie, ohne ihre Näharbeit zu unterbrechen. Als er sich beleidigt trollte, schien die Nähmaschine noch intensiver zu schnurren als sonst. Dass ich mich allerdings hinter ihrem Rücken beim nationalsozialistischen Jungvolk angemeldet hatte, passte ihr anfangs gar nicht…

Erzählen Sie bitte…

Na ja, einige meiner Schulfreunde, die alle etwas älter waren als ich, waren ins Jungvolk eingetreten. Dazu musste man aber an Hitlers Geburtstag (der 20. April, Anm. d. Redaktion) das zehnte Lebensjahr vollendet haben. Das wäre bei mir erst im September gewesen. Also habe ich mich bei der Anmeldung einfach ein Jahr älter gemacht. Nun brauchte ich eine Uniform. Natürlich hatte ich kein Geld für das kurze braune Hemd und die kurze schwarze Hose. Ich bedrängte meine Mutter, mir die Sachen zu nähen. Meine Mutter war ziemlich verärgert über mein eigenmächtiges Eintreten in diesen Verein, der die Vorstufe zur Hitlerjugend war. Aber dann gab sie doch nach und meinte in ihrer praktischen Art: „So bist du wenigstens zwei Tage in der Woche von der Straße weg.“  

©Maximilian RossnerDas Ende des Krieges haben Sie als Melder in Mayen erlebt.

Im Juli 1944 musste ich als sogenannter „Kriegsfreiwilliger“ einen Wehrertüchtigungslehrgang mitmachen. Da habe ich mich wohl nicht ganz so dumm angestellt, so dass mich der Schulleiter am Ende des Lehrgangs fragte, ob ich an den „Westwall zum Schippen oder zu einem Führerlehrgang nach Jena möchte.“ „Führerlehrgang nach Jena“, antwortete ich sofort. Er schickte mich nach Hause, dort sollte ich auf die Abberufung warten. Dazu ist es aber glücklicherweise nicht mehr gekommen...

Beinahe wären Sie auch Kanonenfutter geworden…

Stimmt. Am 9. März 1945 rollten amerikanische Panzer vor die Stadttore. Ich schob an diesem Morgen Wache vor der Ortskommandantur. Plötzlich wurde auf dem Goloturm der Genovevaburg die Reichskriegsflagge eingeholt und eine weiße Fahne aufgezogen. Der Leutnant griff zum Feldtelefon, brüllte was von „Sabotage“ und befahl: „runter mit dem Fetzen und die Fahne hoch!“So ging es dann drei oder viermal: Weiße Fahne und Kriegsflagge abwechselnd gehisst und wieder eingeholt. Dann befahl er: „Volkssturm zusammentrommeln, Waffen fassen!“ Ich schulterte zwei Panzerfäuste und los ging’s in Richtung Panzersperre, wo die amerikanischen Panzer stehen geblieben waren und bedrohlich die Geschütztürme schwenkten. Kurz hinter der Kommandantur befahl der Unteroffizier: „Das Ganze halt! Waffen vorsichtig ablegen. Das war’s. Für uns ist der Krieg ist zu Ende.“ Und dann zu uns Jungen: „Und ihr ab zu Mutti! Und zieht die Uniformen aus.“

Für uns war das Kriegsende keine Befreiung, sondern eine Niederlage. Niemand wusste, was kommen würde. Nur langsam dämmerte uns, dass wir verraten, belogen und getäuscht worden waren. Ich glaubte nicht an den Wiederaufbau Deutschlands, für mich war das Land für immer kaputt! 

Es ging nur ums Überleben. Nun waren es nicht mehr die Bomben, sondern der Hunger. Das Leben fand auf der Straße statt, bestand aus Hamstern, Organisieren und sich Durchmogeln. In der Schule hatten wir bis zum Abitur nichts Aufklärendes über die Nazizeit erfahren. Das bisschen, was wir vom Leben wussten, hatten wir auf der Straße gelernt.  

©Maximilian RossnerHaben Sie sich jemals vorstellen können, dass es nach all diesen schrecklichen Erfahrungen wieder extrem rechte Tendenzen in Deutschland geben würde?  

Nein, das war für mich unvorstellbar. Neonazis, die AfD. Der NSU, der willkürlich Ausländer hinrichtete. Bertolt Brechts letzter Satz eines seiner Stücke lautet: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Ich war fest davon überzeugt, dass dieser Schoß nicht mehr fruchtbar war. Ich habe mich getäuscht. Und ja, ganz ehrlich, das macht mir Angst. Und, es ist ja nicht nur in Deutschland so. Nein, überall in Europa, in Amerika sind die Rechten auf dem Vormarsch. Ich habe immer gedacht: „Es kann und darf nicht noch einmal passieren.“ Jetzt passiert es wieder.

Wehren Sie sich deshalb so energisch gegen das „Vergessen“?

Auf jeden Fall. Eine Erinnerungskultur ist notwendig, um zu verhindern, dass der Nationalismus, Ausländerhass oder Antisemitismus wieder Alltag werden.  Vergessen oder Verdrängen hilft nichts. Schon deshalb nicht, weil es sich wiederholen kann. Ich glaubte nach dem Krieg nicht daran, dass es sich wiederholen kann. Ich habe mich getäuscht. Auch deshalb bleibt das „Nicht vergessen“ wichtig.

An welchen Film erinnern Sie sehr gerne?

Ein von mir geliebter Film war „Bomber und Paganini“ mit Tilo Prückner und Barbara Valentin, ein herrlich, verrücktes Stück Kino.

In Italien „Die Ermordung Matteottis“, in dem ich Mussolini spielen durfte. Und dann natürlich „Die Blechtrommel“ von Schlöndorff, der erfolgreichste und international bekannteste Film. Dann im Fernsehen „Der große Bellheim“, „Via Mala“, „Karl Marx – der deutsche Prophet“ und einige andere. Nicht zu vergessen: „Rossini“ von Helmut Dietl und der Auftaktfilm seiner Serie „Kir Royal“ – „Wer reinkommt ist drin“, in der ich den frustrierten Kleberfabrikanten Heinrich Haffenloher spiele. Der kommt aus der Provinz und möchte es in München so richtig krachen lassen. Darin auch der wahrscheinlich berühmteste Satz überhaupt, den ich sprechen durfte:„Ich scheiß Dich zu mit meinem Jeld.“ 

Sie sind eine lebende Filmlegende, ein großer Schauspieler. Nun werden Sie 90. Denken Sie jetzt öfter über die eigene Endlichkeit nach? 

Natürlich. Das ist doch auch völlig normal. Allerdings weniger über den Tod als über das Sterben an sich. Werde ich krank? Muss ich leiden wie meine Mutter am Ende? Das beschäftigt mich heute mehr als früher. Aber, egal, wie es kommt. Ich werde es annehmen.

©Maximilian RossnerSprechen Sie heute noch mit Ihrer Mutter?

Nein, ich spreche nicht mit ihr – ich träume von ihr. Und wundere mich im Traum, dass sie noch lebt. Und ich frage mich: Warum träumst Du von Deiner lebenden Mutter. Die Antwort ist eigentlich sehr einfach: Ihr Einfluss war ja jahrelang sehr groß. Ich respektierte ihre Ratschläge, ihr Urteil. Ich war aber nie ein Muttersöhnchen, auch kein verhätscheltes Kind. Meine Mutter war immer sehr kritisch und streng mit mir, gerade bei meinem Beruf. Als ich sie nach den ersten Erfolgen fragte, ob sie nicht meine Unterschrift unter Autogrammkarten nachmachen könne, schimpfte sie: „Das kannst Du nicht machen. Es sind Deine Fans, die Dich so erfolgreich machen. Autogrammkarten kannst du drucken lassen, aber unterschreiben musst Du sie schon selbst.“ Sie hatte natürlich recht, wie mit so vielem.

Was ist von ihr geblieben?

Meine Erinnerungen, meine Träume von ihr. Und ihre alte Nähmaschine, die bei mir im Keller steht. Ich wollte sie schon immer wieder mal entsorgen. Aber das schaffe ich nicht!

Was soll von Ihnen bleiben?

Das kann ich nicht bestimmen, das sollen andere tun.

Mehr Fragen und Antworten lesen Sie bei uns im Heft.

Thomas Pfundtner

Juli 2020

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    vor 3 Wochen
    Zusammen mit dem Text in der "stadtgottes" ein interessanter Einblick in das Leben und die Gedankenwelt des Mario Adorf. Eindringlich auch sein Appell für Erinnerungskultur, damit Menschenverachtung endlich ein Ende hat und die Schreckenstaten sich nie wiederholen. Aus der Geschichte lernen!! Vielen Dank dem Autor für dieses Gespräch.

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

Die duftenden Buschen sind am „Hohen Frauentag“, Mariä Himmelfahrt, nicht wegzudenken. Im Salzburger Pinzgau werden die Heilkräuter mit viel Hingabe...

[weiter...]

Touristenseelsorger in Franken feiern Gottesdienste in einer mobilen Kirche. Das Angebot ist attraktiv auch für Menschen, die von der traditionellen...

[weiter...]

Zur Person

Mario Adorf wurde am 8. September 1930 in Zürich geboren, wuchs in Mayen in der Eifel auf. In München absolvierte er eine Schauspielausbildung und spielte erste kleinere Rollen an den Kammerspielen. Im Laufe seines Lebens stand Mario Adorf für mehr als 200 Kino- und Fernsehfilme vor der Kamera und spielte leidenschaftlich gern Theater. 1992 erschien sein erstes Buch: „Der Mausetöter“, 2015 sein letztes: „Schauen Sie mal böse.“

Seit 1985 ist Mario Adorf mit Monique Faye verheiratet. Die beiden leben in Paris, München und Monte Carlo.