Interview

„Mein Glaube gibt mir das Gefühl, in einem großen Zusammenhang zu stehen“

Ulrike Kriener ist vielen besser bekannt als TV-Kommissarin Lucas. Die Schauspielerin spricht im stadtgottes- Interview mit Melanie Fox über das Schweigen, Glauben und Verlust

Der Glaube gibt Ulrike Kriener das Gefühl, verbunden zu sein

Sie haben mehrfach an Schweigeseminaren beim Jesuitenpater Niklaus Brantschen in der Schweiz teilgenommen. Was geben Ihnen diese Tage?

Wenn ich drehe, bin ich schon mal mit 30 bis 40 Menschen über mehrere Wochen zusammen. Danach bin ich ausgelaugt von zu viel Kommunikation. Es tut mir gut, dann ins Gegenteil zu gehen, in die Stille. Diese Auszeiten sind ein Geschenk, sie geben mir Kraft für den Alltag. Seitdem meditiere ich regelmäßig.

Bei einem dieser Seminare sind Sie auch auf das Buch Kohelet aufmerksam geworden. Welche Berührungspunkte hatten Sie vor dieser CD-Einspielung mit der Bibel?

Wenige. Lediglich durch Gottesdienste, die Vorbereitung auf unsere Hochzeit und Lektoren-Dienste in unserer Heimatgemeinde habe ich ein bisschen in der Bibel gelesen.

Für Kohelet ist jeder Augenblick von Gott bestimmt; der Mensch kann ihn weder berechnen noch in den Griff bekommen. Stimmen Sie zu?

Ja, klar. Wenn ich die gesamte Schöpfung als von Gott gegeben ansehe, so wie ich das auch tue, dann ist natürlich auch jeder einzelne Moment von Gott bestimmt. Für uns moderne Menschen ist das nicht leicht zu akzeptieren.

Was gibt Ihnen der Glaube?

Das Gefühl, in einem großen Zusammenhang zu stehen, verbunden zu sein.

Kohelet fragt auch nach dem Sinn des Daseins. Was ist der Sinn Ihres Lebens?

Glück zu finden. Für mich. Für andere, in dem, was ich tue, in meiner Arbeit und meinen Beziehungen. Das ist mein Weg zum Glück.

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ Was bedeutet dieser Satz für Ihr Leben?

Alles darf sein. Ich empfinde den Satz als tröstlich. Wenn ich auf die schweren Seiten des Lebens blicke, den Kummer, den Schmerz, dann weiß ich: Es wird vergehen. Genauso ist es auch mit den glücklichen Momenten, auch sie werden vergehen. Diese Erkenntnis erlaubt mir, das Leben mit mehr Abstand zu betrachten. Ich bin nicht so wichtig, das Leben ist größer.

1992 mussten Sie den Tod Ihres neugeborenen Sohnes verkraften. Was hat Ihnen damals Halt gegeben?

Die Liebe zu meinem Mann. Wir hatten das Glück, dass wir uns in der Trauer um unser verlorenes Kind nicht auseinandergelebt haben. Was nicht selbstverständlich ist, weil jeder seinen eigenen Weg durch die Trauer gehen muss. Für meinen Mann und mich ist unser verlorenes Kind unsere Verbindung im Jenseits.

Der Tod Ihres Sohnes hat Sie der Kirche wieder nähergebracht?

Ja, da war die Begegnung mit dem Krankenhaus-Geistlichen. In meinem größten Schmerz hat er mir seine Hilfe angeboten. Es hat gutgetan, dass er da war.

Hatten Sie nach dem Tod Ihres Sohnes mehr Angst davor, einen weiteren geliebten Menschen zu verlieren?

Die Angst vor dem Verlust des geliebten Menschen kennt jeder. Der Tod unseres Sohnes war mein erster Schicksalsschlag im Leben. Mein Mann ist Drachenflieger, wenn er fliegt, bin ich besorgt und habe auch manchmal Angst um ihn. Durch den Tod meines Sohnes ist mir erst richtig bewusst geworden, wie zerbrechlich unser Leben ist.

Melanie Fox

Oktober 2019

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Zur Person

Ulrike Kriener, 64, zählt zu den meistbeschäftigten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum. Für ihre Leistungen wurde sie mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Seit 2003 löst sie im TV als Kommissarin Lucas Kriminalfälle. Ulrike Kriener ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in München.