Reportage

Mein Leben im Koma und der Weg zurück

Koma – diesen Begriff kannte ich bisher nur aus der Zeitung. Und dann traf es mich. Plötzlich, völlig unvorbereitet ...

 

Thomas Pfundtner und das Team der Lungenklinik Lostau. "Ich verdanke ihnen so viel", sagt er bis heute überglücklich

Was machst du denn hier?“ Fragend starre ich auf meine Tochter Christina. Sie sitzt ganz nah an meinem Bett und streichelt meinen Arm. „Er ist wach. Er ist endlich wach“, höre ich sie freudig aufschreien und sehe, wie sie aufspringt, die Tür aufreißt und auf den Flur ruft: „Er ist wach, endlich ist er wach.“ Dann kommt sie wieder an mein Bett: „Weißt du denn nichts mehr? Gar nichts? Du hast im künstlichen Koma gelegen – mehr als fünf Wochen ...“
Bevor ich etwas sagen kann, herrscht plötzlich so etwas wie Chaos rund um mein Bett: Zwei Ärzte und mehrere Schwestern wuseln um mich herum. Der eine misst den Puls. Ein anderer drückt sein Stethoskop auf meine Lunge: „Tief ein- und ausatmen.“ Ich sehe und bemerke alles, doch nehme kaum etwas wahr. Mein Kopf scheint wie in Watte gepackt und vor meinen Augen zucken die Worte: „Fünfeinhalb Wochen Koma.“ Ich habe doch nur geschlafen. Christina streichelt meine Hand: „Kannst du dich nicht erinnern? Du hattest eine schwere Lungenentzündung und du musstest ins Koma gelegt werden, damit du eine Überlebenschance hattest.“ In diesem Moment öffnet sich wie von Geisterhand eine „Schublade in meinem Kopf ...“

Rückblick
Alles hatte damit begonnen, dass ich  mich schlapp fühlte. Anzeichen für eine Grippe, also nicht Schlimmes. Ich fuhr mein Ar­beits­pensum etwas zurück, rieb mich mit einschlägigen Mitteln ein, ging früh schlafen. Vergeblich. Meine Frau rief den Notarzt. Die Ärztin bestätigte meine Vermutung. „Eine schwere Grippe.“ Sie schrieb einige Mittelchen auf: „Das wird schon. Der nächste Einsatz wartet ...“, rief sie noch und war verschwunden.
Nichts wurde! Die Grippe wollte nicht verschwinden. Also ging ich zu meiner Hausärztin. Sie ist eine bedächtige Medizinerin, die erst eine Diagnose stellt, wenn sie sich wirklich sicher glaubt. Diesmal war es anders. Kaum hatte sie meine Lunge abgehört, blickte sie mich ernst an: „Sie müssen sofort in die Klinik. Ich vermute eine Lungenentzündung.“ Schon griff sie zum Telefon: „Notfall. Bereiten Sie ein Bett vor. Der Patient ist unterwegs.“ Irgendwie weigerte sich mein Innerstes immer noch, die Angelegenheit ernst zu nehmen. Heute weiß ich, dass Ärztin Kerstin Bader-Hofmann mir mit ihrer energischen Haltung das Leben gerettet hat. Zu Hause angekommen drängelte meine Frau, dass wir uns beeilen sollten. Also beeilte ich mich, erledigte das Organisatorische, während sie packte. Ich legte noch den Laptop obendrauf – mein kleines Pressebüro konnte ja nicht so einfach schließen. „Auch im Bett oder am Tisch kann ich arbeiten.“

In der Klinik
Als wir in der Lungenklinik Lostau ankamen, hatte sich für mich bereits alles relativiert. „Zwei, drei Tage – dann ist alles wieder in Ordnung.“ Ich sollte mich gründlich irren ... Aufnahme. Erste Untersuchungen. Anamnese. Merkwürdig – aber am nächsten Morgen fühlte ich mich viel besser. Na, also! Auch fühlte ich mich fit genug, den Laptop zu öffnen, Mails zu beantworten. Während ich noch arbeitete, wurde ich abgeholt und ein Untersuchungsmarathon begann. Jeder Facharzt, der an dieser Klinik arbeitet, schien mich abzufragen, machte sich Notizen und verschwand. Dann wieder Röntgen, Blutabnahme, Reflexteste. „Nein, eine genaue Diagnose haben wir noch nicht“, wurde gesagt. „Wir warten noch auf einige Ergebnisse.“ Als alles vorlag, wurde ich mitten in der Nacht aus dem Tiefschlag geweckt. „Bitte rufen Sie Ihre Frau an. Wir möchten, dass sie dabei ist, wenn Sie ins Koma gelegt werden.“
KOMA?
„Ihre Lunge kann sich unter normalen Umständen nicht mehr erholen. Deshalb müssen wir Sie schlafen legen. Sie brauchen komplette Ruhe.“
„Mein Büro. Meine Arbeit. Ich bin selbstständig ...“, rief ich aufgeregt. „Was soll ich im Koma?“ „Das ist jetzt alles zweitrangig“, sagte ein Arzt energisch. „Hier geht es um Ihr Leben.“
„Ist es wirklich so ernst?“, fragte ich.
„Ja“, antwortete Oberarzt Tobias Leis, „aber das kriegen wir hin.“ Dann kamen die Schwestern, legten mich auf die Rollbahre und die Reise begann.

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Thomas Pfundtner

September 2018

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 28.08.2018
    Danke auch hier für die sehr persönliche Reportage. Auch, wenn ich es nicht nachvollziehen kann, weil ich eine solche Situation noch nicht an eigenem Leib erlebt habe, entzieht es mir den Grund, auf dem ich meine so fest zu stehen. Jedwege Kontrolle über mich, mein Leben abgeben zu müssen, das erfordert Mut und bedingungsloses Vertrauen, dass alles wieder gut wird. Ich wüsste momentan nicht, wie das gehen soll. Trotzdem muss jeder wissen, dass auch ihn so eine Situation durch Krankheit oder Unfall ereilen kann. Ich bin sehr dankbar, dass es Heilung und Genesung geben kann, dass man selbst durch sein Nicht-Aufgeben viel erreichen kann. Dass Geduld, aber auch Beharrlichkeit und viel liebevolle Unterstützung und nicht zuletzt der Glaube helfen, wieder selbstbestimmt durch Leben zu gehen. Gut, dass Herr Pfundtner wieder so intensive Reportagen schreiben kann, ich freue mich darüber.

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