Reportage

Mein neues Leben in Marokko

Rotraud betreibt ein kleines Hotel und hat damit ihren großen Traum wahr gemacht

©Andrea Micus

In Marokko genießt Rotraud ihr Leben. "Es ist herrlich hier", schwärmt sie

"Mit 66 Jahren ist mein Leben spannend wie nie. Statt auf dem Altenteil lebe ich auf der Überholspur“, lacht Rotraud, 67. Die gebürtige Tirolerin führt im marokkanischen Atlantik-Dorf Sidi Kaouki, 20 Kilometer südlich von Essaouira, ein kleines Hotel. Zehn Gästezimmer, ein idyllischer Innenhof mit Meerblick, herrliche Dachterrasse. Dazu ruhig gelegen und umgeben von kostbaren Arganbaum-Wäldern. Das Meer ist vor der Tür. Es gibt Sonne satt, aber keinen Strom, dafür Romantik pur. Rotraud liebt das einfache Leben hier. Wenn sie aus der Tür kommt, rattern Eselskarren vorbei, und Ziegen- und Schafherden ziehen Richtung Strand. Es gibt fliegende Berber-Händler, die Tee, Gebäck und Obst anbieten, einen Souk für traditionelle Kleidung. Flair, das viele suchen. In ihr „Le Kaouki“ kommen Urlauber aus der ganzen Welt. Für sie alle will Rotraud eine „Oase“ sein. „Überall in die Welt ist Unruhe, bei mir können sich die Menschen wohlfühlen, fernab von Hektik, Konsum und dem Handy. Bei mir finden sie das typische Leben Marokkos ohne Schnickschnack. Sie kommen an und sind glücklich.“

Rotraud erzählt gern und viel, auch mit den Händen. Dabei lacht sie, und ihre Augen funkeln lebendig. „Ich liebe einfach mein Leben gerade“, versichert sie. „Gott hat es gut mit mir gemeint, als er meinen Weg hierher unterstützt hat. So, wie es jetzt ist, könnte es nicht schöner sein. Jeder Tag ist ein Abenteuer. Das mag ich.“ Das war schon immer so. Rotraud ist mit ihren Eltern in Westfalen aufgewachsen. Während ihre Freundinnen eine Ausbildung beginnen, geht sie mit 18 Jahren als Au-pair-Mädchen nach Nizza. Dort verliebt sie sich in einen französischen Lehrer, wird mit 20 Jahren Mutter. Die kleine Familie lebt anfangs in Marrakesch, später im Breisgau. Als die Ehe 1988 zerbricht, baut sich Rotraud ein neues Leben auf. „Ich hatte nie Angst vor der Veränderung. Im Gegenteil, ich sehe sie als Chance, mich neu auszuprobieren“, versichert sie und erzählt so begeistert von ihrem Neustart in Freiburg, dass man ihr das auch sofort glaubt. Sie spricht perfekt Französisch, arbeitet die kommenden Jahre erfolgreich im Tourismus.

Die Liebe zu Marokko bleibt. Damals verbringt sie regelmäßig ihre Ferien dort. Besonders im Winter, wenn die Strände leer sind, aber die Sonne mittags noch Temperaturen von 20 Grad möglich macht. Zwei französische Freunde führen das Hotel „Le Kaouki“. 1999 steckt sie ihre Ersparnisse in das Haus, bekommt Anteile und kann es nach ihrem Geschmack umgestalten. Alles wird weiß und blau, mit vielen liebevollen Details. Es wird ihr Refugium. Der Ort zum Abschalten, Durchatmen, zum Gedanken-wieder-neu-Sortieren. „Marokko ist einzigartig. Die Menschen sind offen, freundlich, richtig liebenswert. Sie leben einfach. Man kann viel von ihnen lernen: Hier zählt Miteinander statt Kommerz, Herz statt Leistung. Man wird ein ganz anderer Mensch, wenn man hier wohnt.“

Ein eigenes Hotel
Rotraud kann es nur wochenweise. Dann muss sie wieder zurück in die Heimat, arbeiten, ihre Existenz sichern. Das Leben in Deutschland ist teuer. Sie muss funktionieren. Und Rotraud wirbelt mit Volldampf durchs Leben, führt eine Galerie, später eine Partnervermittlungsagentur. Dass es da einen charmanten Nachbarn gibt, fällt ihr bei all dem Trubel kaum auf. Er lächelt sie immer an. Sie nickt ihm immer zu. Das war’s. Irgendwann spricht er sie an, lädt sie zum Essen ein. Das Rendezvous verändert sie. „Ich saß ihm gegenüber, sah in seine leuchtend-blauen Augen und dachte: Huch, ist das ein toller Mann“, so Rotraud.

Herbert ist acht Jahre älter, Witwer, Buchautor, begeisterter Privatpilot und führt mit seinen Söhnen zwei kleine Betriebe in Freiburg. Rotraud ist fasziniert von seiner humorvollen Art und seinem Temperament. Doch das Wichtigste: Er engt sie nicht ein. Als sie 2009 das Hotel „Le Kaonki“ übernehmen kann, weil die Eigentümer zurück nach Frankreich gehen, redet er es ihr nicht aus, sondern unterstützt sie. „Ich war Ende 50 und hatte plötzlich die Chance, mir noch etwas richtig Tolles aufzubauen: ein eigenes Hotel, in dem ich Menschen aus der ganzen Welt zeigen kann, wie gut man in diesem Land lebt, mit herrlichem Essen und dem wirklichen Zauber des Orients.“ Aber Rotraud muss für ihren Traum den festen Job kündigen. Schiefgehen darf jetzt nichts. „Aber ich hatte auch dieses Mal keine Angst. Das Hotel ist klasse, die Atmosphäre unverwechselbar. Es gibt nur für die Küche und das Wasser Strom, die Gäste essen und schlafen im Kerzenschein. Wo auf der Welt gibt es das noch?“

Seitdem pendelt sie zwischen Essaouira, wo ihr Traumhaus steht, und Freiburg, wo ihr Traummann lebt. Ein Alltag zwischen den Eckpfeilern ihres Lebens, zwischen Kontinenten, den Rotraud fantastisch findet. Obwohl sie sich auch jedes Mal mächtig umstellen muss. Denn in Marokko ist nichts perfekt. „Wir sind Weltmeister im Improvisieren“, erzählt sie und hat jede Menge Anekdoten parat. So gibt es Stromausfälle, ausgerechnet wenn das Restaurant bis auf den letzten Platz besetzt ist. „Dann singt meine Mitarbeiterin und ich serviere Drinks, damit die Gäste nicht ungeduldig werden.“ Handwerker versetzen sie regelmäßig. Sie hat gelernt, sich immer irgendwie selbst zu helfen. Regelmäßig kontrollieren sie die Behörden. Aber Rotraud hat sich mit Hartnäckigkeit immer durchgesetzt oder besser „durchgeschlängelt“, wie sie lachend erzählt. „Rausreden“ ist ihr Rezept. Aber betrogen hat man sie nie. „Ich kenne das Land, spreche die Sprache. Man hat Respekt vor mir“, versichert sie. „Und ich lasse mich nie aus der Ruhe bringen. Da hat man bei den Marokkanern verloren. Ich löse meine Probleme mit Humor.“

Sie ist gerne für Gäste da
Die meiste Zeit des Jahres lebt sie in einem kleinen Zimmer im Hotel. Herbert, mit dem sie seit 2007 verheiratet ist, kommt oft zu Besuch und hilft. Denn es gibt reichlich Arbeit. Sie hat fünf Angestellte, kümmert sich um die Buchungen und kocht gern. Das Restaurant hat sie zu einem Schlemmertreffpunkt ausgebaut. Sie liebt die leichte orientalische Küche. Ihre Spezialität sind fangfrische Fische aus der traditionellen Tajine. Bis zu 40 Gäste bewirtet sie Abend für Abend. Meistens pustet sie erst in der Nacht das Licht aus. Hat sie Sorge, dem Stress nicht dauerhaft gewachsen zu sein? Rotraud schüttelt den Kopf. „Was Spaß macht, strengt nicht an. Ich bin einfach gern für meine Gäste da. Viele sind zu Freunden geworden.“ Und dann erzählt sie, dass es Stress wie in Deutschland hier sowieso nicht gibt. Man hat immer Zeit für einen Pfefferminz-Tee mit dem Nachbarn oder ein Buch auf der Dachterrasse. Dazu wirkt der Mix aus frischem Atlantikwind und Sonne wie eine Vitaminspritze. Trotzdem ist Rotraud immer ein bisschen atemlos. Das liegt an der vielen Arbeit, die sie ständig auf Trab hält. Über ihr Alter kann sie sich dabei keine Gedanken machen.

Andrea Micus

Juli 2018

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