Steyler Welt

Meine Zwillinge sollen leben!

Zwillinge bringen Unglück – man muss sie töten. Davon ist die Mächtigen im Volk der Antambahoaka überzeugt. Die Mütter wagen es nicht, sich zu wehren. Die Steyler Missionare stärken ihnen den Rücken

Elisabetta mit ihren Zwillingen Daniel und Daniele

In einem Pappkarton liegt ein Baby. Höchstens einen Tag alt. Tot. Die Mutter hält der Krankenschwester Estella die Schachtel entgegen: „Das Baby war zu schwach. Es hat nicht überlebt.“ Estella weiß, was wirklich passiert ist. Denn immer wieder kommen Mütter in die kleine Dorfklinik, die Zwillinge geboren haben. „Aber sie lassen nur eines am Leben.“

Fady. Dieses Wort verwendet man auf Madagaskar für ein strenges Tabu. Jedes der vielen verschiedenen Völker hat eigene Fadys. Beim Volk der Antambahoaka ist es die Geburt von Zwillingen, die mit einem solchen Tabu belegt ist.

Wir wollen wissen, warum. Und was man dagegen machen kann. Der Steyler Missionar Gabriel Kokon hilft uns bei der Spurensuche.

Sie beginnt in der kleinen Küstenstadt Mananjary. Hier gibt es inzwischen mehrere Zentren, in denen Mütter ihre Zwillingskinder abgeben können. „Wir kümmern uns um die Kinder, die sonst nicht leben dürften“, sagt Mike Angelico, der das Zentrum Fanatenana leitet. Für ihn ist das eine Lebensaufgabe, denn:  „Ich bin selbst ein Zwilling“. Sein Bruder und er durften leben – und das will er nun auch den anderen Kindern ermöglichen. Fast jeden Tag kommen Mütter und bringen ihre Kinder. Oder es meldet sich jemand und sagt: „Ich kenne da eine Familie aus einem bestimmten Dorf. Könnt ihr vielleicht helfen?“

Auch die Steyler Missionare auf Madagaskar arbeiten mit solchen Häusern zusammen. „Wenn wir in unseren Gemeinden hören, dass Kinder in Gefahr sind, dann bringen wir sie hierher“, sagt Pater Gabriel Kokon. Damit hat er schon einen wichtigen Punkt angesprochen: „Wenn“ sie davon erfahren. 

Denn noch immer ist es oft sehr gefährlich, offen über das Zwillings-Tabu zu reden. Das bestätigt die Krankenschwester Estella, deren Klinik von der katholischen Kirche betrieben wird:  „Ich denke, dass viele Mütter gar nicht erst zu uns kommen dürfen, auch wenn sie es wollten.“ Kaum eine Mutter würde freiwillig ihr eigenes Baby weggeben, oder es gar sterben lassen. „Oft entscheiden darüber schon die Dorfhebammen, oder ein männlicher Teil der Familie.“ 

Wer sich dem Tabu widersetzt, kann aus der Dorfgemeinschaft verstoßen werden, bekommt kein Feld mehr, um dort Reis anzubauen, und muss daher um den Lebensunterhalt fürchten.

Gabriel Kokon will diejenigen fragen, die verantwortlich für diese Tradition sind. In der Pfarrei Ambohitsara soll das Zwillings-Tabu noch weit verbreitet sein. Zwei bis drei Stunden dauert die Fahrt mit einem kleinen Motorboot von der Küste ins Dorf, es geht durch eine verzweigte Lagunenlandschaft. An den Ufern wird Reis gepflanzt. Die meisten Männer bewegen sich mit hölzernen Kanus fort. Eine völlig andere Welt.

Der Steyler Missionar aus Indonesien hat einige Jahre die Pfarrei  betreut, er kennt auch die Chefs der örtlichen Clans. Sie werden Könige genannt. Es sind mächtige Männer, auch wenn sie nicht unbedingt danach aussehen. Können sie uns eine Antwort geben?

Sechs der acht Clanchefs haben sich im „Haus der Könige“ versammelt, und empfangen den Besuch. Es ist ein einfaches Haus auf dem Dorfplatz, gebaut aus Holz und Schilf und Palmenblättern – aber es ist ein heiliger Ort. Manche der Könige sind sehr gebrechlich und tragen zerschlissene Kleidung. Aber sie entscheiden über die Geschicke des Dorfes – wann gepflanzt wird, und wann geerntet wird zum Beispiel. Wer mit wem verheiratet wird. „Und wir halten den Kontakt zu unseren Ahnen“, erklärt der Wortführer der alten Herren. „Sie sind es, die uns die Fadys vorgeben.“

Das gelte eben auch für Zwillinge, und den Fluch, der auf ihnen liegt. „Die Ahnen wollen es so.“ Punkt. 

Um das angebliche Unglück der Zwillinge ranken sich viele Legenden – Zwillinge hätten bewirkt, dass in alter Zeit eine wichtige Schlacht verloren ging, heißt es. Ein anderes Mal soll ein Zwillingspaar für die Unterwerfung durch die französischen Kolonialisten verantwortlich gewesen sein. „Ich versuche seit Jahren, die wahre Geschichte herauszubekommen“, hatte auch Mike Angelico im Zentrum „Fanantenana“ gesagt. „Aber jeder, den ich frage, erzählt etwas anderes.“

Vielleicht liegt es auch gar nicht so sehr am Ahnenkult oder am Aberglauben. Sondern schlicht und einfach an der Armut. Mütter, die nicht ein, sondern zwei Babys auf einmal bekommen, müssen oft mit ganz praktischen Problemen kämpfen. Wo sich Familien nur eine einzige Mahlzeit am Tag leisten können, leiden junge Mütter ganz besonders. 

Pater Gabriel Kokon bringt uns zu Elisabetta. Wir versprechen ihr, dass wir ihren Namen und die ihrer Kinder ändern. Die Angst ist mächtig. „Es war sehr schwer für mich, beide Kinder gleichzeitig zu stillen“, sagt Elisabetta. Auf ihrem linken Arm hält sie den kleinen Sohn Daniel, auf dem rechten Arm schaut sein Bruder Daniele staunend die Besucher an. Weil ihre Kinder Zwillinge sind, hat Elisabetta ihnen auch ganz ähnliche Namen gegeben. Und sie hat entschieden, beide Kinder zu behalten. Aber dafür musste sie aus ihrem Heimatdorf fliehen. 

Jetzt lebt sie in der Stadt. Ihr Mann fährt „Pousse-Pousse“, so heißen hier die Rikscha-Taxis. Irgendwie kommen sie gerade so über die Runden. „Aber wir sind mit der Miete im Rückstand, schon seit sechs Monaten“. Sie fürchtet, dass sie bald aus der kleinen Holzhütte ausziehen muss. 

Ohne die Hilfe der Schwester käme die kleine Familie nicht zurecht. Die hat einen kleinen Markstand, verkauft Gemüse und Fleisch. Möglich wurde das durch ein MikroKreditprogramm, das von den Steyler Missionaren organisiert wurde. Es trägt dazu bei, dass die Kinder der Schwester überleben können.  

„Im Zentrum CATJA habe ich einige Woche lang Milch bekommen, als die Kinder noch ganz klein waren.“, erinnert sich Elisabetta. CATJA war eine der ersten Einrichtungen zum Schutz von Zwillingskindern. Auch andere Waisen und Straßenkinder bekommen dort Hilfe. Gegründet wurde es von einem evangelischen Pfarrer, seine Witwe JulieRasoarimananaleitet es heute. 

Sie vermittelt auch Adoptionen – mehr als hundert Zwillingskinder aus Madagaskar leben jetzt bei Adoptiveltern in Ländern wie Frankreich, den USA und Kanada. „Zu vielen habe ich immer noch Kontakt“, sagt JulieRasoarimanana. Sie hat die Kinder vor Ausgrenzung, ja vielleicht sogar vor dem Tod bewahrt. Aber die leiblichen Eltern mussten dafür von ihren Kindern für immer Abschied nehmen. „Das ist natürlich sehr schwer“, sagt die Leiterin von CATJA. Eine staatliche Behörde kümmere sich darum, dass die Kinder so gut wie möglich vermittelt werden. Vor ein paar Jahren sei das noch ganz anders gewesen: „Es gab schon fast eine Art Menschenhandel.“ Manche Clans witterten ein lukratives Geschäft und boten – angebliche – Zwillingskinder zur Adoption an, gegen Vermittlungsgebühr. „Das ist jetzt vorbei“, sagt JulieRasoarimanana. 

Elisabetta, die junge Mutter, hält nichts von einer Adoption. „Ich will meine Kinder behalten. Beide.“ Ändern sich Dinge? „Ich glaube schon“, sagt Julie Rasoarimanana. Der Einfluss der Clanchefs schwindet, die Moderne hält Einzug. Mehr und mehr Angehörige der Antambahoaka heiraten jemanden aus einer anderen Volksgruppe. 

Und es gibt mutige Menschen, die sich für die benachteiligten Eltern und Kinder einsetzen. Mike Angelico bestätigt: „Ich lebe ein glückliches Leben, obwohl ich ein Zwilling bin. Und damit zeige ich allen, dass ich niemandem Unglück bringe.“ 

Im Sommer 2014 feierten  die Antambahoaka eines ihrer höchsten Feste: Sambatra. Es ist das Beschneidungsfest und findet nur alle sieben Jahre statt. In einer feierlichen Zeremonie werden aus Jugendlichen junge Männer. Ein Teil des Festes spielt sich im „Haus der Könige“ ab. Mike Angelico und sein Bruder waren dabei. Es war das erste Mal, dass ein Zwillingspaar diesen heiligen Ort betreten durfte. Vielleicht werden auch Daniel und Daniele eines Tages mitfeiern dürfen.

Christian Selbherr

Juli 2016

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