Interview

"Meisner habe ich immer respektiert"

Alice Schwarzer ist Journalistin, Autorin und Verlegerin, 75, und setzt sich seit Jahrzehnten für die Gleich­berechtigung von Frauen ein, kämpft gegen Prostitution und religiösen Fanatismus

stadtgottes-Redakteurin Melanie Fox traf Alice Schwarzer

Ihr neues Buch „Meine algerische Familie“ beschreibt Ihre lang­jährige Freundschaft zu der Algerierin Djamila und deren Familie. Was macht für Sie Freundschaft aus?
Es bedeutet, dass man vieles gemeinsam hat und das Trennende akzeptiert. Auch miteinander zu lachen, gemeinsam zu kochen und zu essen.  

Ihre Freundin musste einige freundschaftliche Verluste hin­nehmen. Wie ist das bei Ihnen?
Mit 19 bin ich von Wuppertal weggegangen, seitdem habe ich in Hamburg, Berlin, München und Paris gelebt. Das macht es schwieriger, Freundschaften aufrechtzuerhalten, denn diese müssen ja auch gelebt werden. Ich finde es sehr schade, dass meine Freunde so verstreut sind.

Sie stammen aus einer atheistischen Familie, haben sich jedoch mit zwölf Jahren evangelisch taufen und später konfirmieren lassen. Wie kam es dazu?
Alle meine Freunde gingen zum Konfirmandenunterricht, das wollte ich auch. Ich bin in einer toleranten Familie groß geworden. Während der Evakuierung war ich mit meinen Großeltern in einem kleinen katholischen Dorf untergebracht. An Fronleichnam habe ich wie alle anderen Kinder Blumenköpfe gestreut und auch häufig zu Maria gebetet.

Sie sind bei Ihren Großeltern aufgewachsen. Wie haben diese Sie geprägt?
Ich stamme aus einer „Anti-Nazi-Familie“. Meine Großmutter hat im Krieg für ihre Überzeugungen ihr Leben riskiert. Und auch nach dem Krieg war es in Deutschland nicht schick, „Anti-Nazi“ zu sein. Meine Großmutter war eine mutige, kritisch engagierte Frau. Mein Großvater, der durch den Krieg beruflich entwurzelt war, hat mich großgezogen. Ich habe ihn als sehr fürsorglichen Mann erlebt.  Er hat mich bestärkt, klug und kämpferisch zu sein, immer einen Blick über den Tellerrand zu riskieren, mich über die eigenen Interessen hinaus für die Welt zu interessieren. Das gefällt mir übrigens auch an den Steyler Missionaren.

Welchen Sinn hat das Leben?
Ich setze mich für Gerechtigkeit ein. Es ist nicht immer bequem, macht aber stolz und zufrieden.

Sie haben lange in Paris gelebt, lieben Ihre „alge­rische Familie“. Was be­deutet Ihnen Deutschland?
Deutschland ist mein Heimatland, Paris meine Heimatstadt. Ich kenne keine Stadt, die so ist wie Paris. Aber so sehr ich Frankreich liebe, wenn ich eine gewisse Zeit da bin, fehlen mir die Seele – die tiefe deutsche Seele –, der Nebel und die Melancholie. Wenn ich über den Rhein fahre, gucke ich stolz, so, als ob ich den Rhein erfunden hätte. Ich weiß, wo ich herkomme, das hat mich sehr geprägt.

Seit Anfang der 90er waren Sie mit Kardinal Meisner befreundet.
Meisner habe ich, bei allen Differenzen, respektiert. Wir haben uns auch persönlich ausgetauscht. Er hat mir einen sehr schönen Rosenkranz aus Bernstein geschenkt.

Was bedeutet Ihnen die Bibel?
Die Bibel hat unsere Kultur zutiefst geprägt. Hier finden sich viele Geschichten über Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Wir können daraus eine Menge lernen. 

Melanie Fox

September 2018

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