Steyler Welt

Mit beiden Beinen zurück ins Leben

Bei einem Motorradunfall verliert Djato M’Pemon sein rechtes Bein. Mithilfe von Steyler Missionsschwestern im Norden Togos findet er zurück ins Leben

Djato M'Pemon mit seinem Vater

Gut ein Jahr ist er her: der Tag, der Djato komplett aus der Bahn geworfen hat. „Ich weiß nur noch, dass ich mit dem Motorrad die Straße entlanggefahren bin“, erzählt der heute 16-Jährige. „Der Boden war nass und rutschig. Im nächsten Moment bin ich durch die Luft geflogen.“ Dann erinnert sich Djato an die Schmerzen. An das Krankenhaus. An aufgeregte Männer und Frauen in Weiß, die mit seinem Krankenbett über die Flure jagen. „Als ich nach der Operation wieder aufwachte und an mir heruntersah, war von meinem Bein nur noch ein Stumpf übrig“, erzählt er. „Ich bin sofort in Tränen ausgebrochen.“

Djato bekommt zwei Krücken. Mühsam klemmt er sie sich unter die Arme. Dann schickt man ihn nach Hause, nach Bitchabé, einen kleinen Ort, 26 Kilometer entfernt von der Kleinstadt Bassar im Norden Togos, dem Siedlungszentrum der Ntcham. Die meiste Zeit verbringt er von nun an zu Hause. Jeder seiner humpelnden Schritte kostet ihn Kraft. Deshalb sitzt er meistens vor der Hütte seiner Eltern. Und starrt ins Leere.

Monate später hört seine Familie von den Steyler Ordensschwestern in Boukpassiba. Von der kleinen Krankenstation, die sie dort, in einem kleinen Vorort von Bassar, führen. Und von den vielen Menschen, die das örtliche Krankenhaus täglich an sie weiterverweist. „Die Einrichtung der Schwestern ist klein, aber ihre Hilfe kommt von Herzen“, sagen die Leute, die auf dem Markt von Bassar unter dem großen Baobab, dem Affenbrotbaum, ihre Waren anbieten.

Noch genau erinnert sich Djato an seinen ersten Besuch bei den Schwestern. In der schattigen Laube auf dem großen Gelände lernt er viele andere Kinder und Jugendliche kennen: Olfram mit dem künstlichen Darmausgang. Ali, den Knochenkrebs-Patienten. Und Nasifout, die an Epilepsie leidet. Djato fühlt sich gleich gut aufgehoben. Schwester Maria Martha, eine Steyler Missionsschwester, heißt alle herzlich willkommen, dann wird geredet, gegessen, sogar gelacht. „Viele Menschen mit Behinderung werden in Togo ausgegrenzt“, erklärt die 51-jährige Ordensschwester, die von der indonesischen Insel Timor stammt. „Kinder, die mit einer Behinderung auf die Welt kommen, werden versteckt, manche sogar getötet, als ob ihr Leben keinen Wert hätte. Viele Familien sehen Kinder mit einer schweren Krankheit oder Behinderung als Schande und schwere Last an. Wir dagegen möchten ihnen helfen. Nicht nur mit Medikamenten, sondern auch mit unserer Liebe und Fürsorge.“

Tatsächlich werde eine Behinderung in manchen Teilen Afrikas als Makel angesehen, der zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führe. „In vielen Familien hält sich hartnäckig der Glaube, dass Menschen mit Behinderung verflucht sind“, sagt Schwester Marie du Lae Agbodjalou, die mit 32 Jahren jüngste der vier Missionarinnen in Boukpassiba. „Ihre Einschränkungen werden als Strafe Gottes angesehen. Da ist viel Aufklärungsarbeit nötig. Manchen unserer Patienten müssen wir dabei helfen, sich überhaupt selbst als Menschen zu fühlen – so gering ist ihr Selbstwertgefühl.“

Erstuntersuchung in der Klinik: Assistent Stéphane kümmert sich um die Patienten

Djato kommt bald regelmäßig nach Boukpassiba. Er lernt Stéphane kennen, den jungen medizinischen Assistenten in der Krankenstation der Schwestern; Schwester Kristin aus Indonesien, die ihn in der kleinen Apotheke mit Arzneimitteln versorgt; und aus dem Kindergarten der Schwestern die Mädchen und Jungen, die täglich auf dem kleinen Spielplatz vor dem Hauptgebäude toben. Manchmal besucht er den Kräutergarten der Schwestern, in dem Heilpflanzen wachsen. „Viele Menschen aus Togo meinen, ihre Probleme könnten nur mit Hilfe von außerhalb gelöst werden“, sagt Schwester Maria Martha. „Unser Kräutergarten, den wir mit finanzieller Hilfe der christlichen Organisation „anamed international“ und des Hilfswerks „missio“ angelegt haben, ist der beste Beweis, dass die Lösung manchmal vor der eigenen Haustür liegt.“

Geschickt machen sich die Schwestern zunutze, dass der Boden in Bassar und Umgebung relativ fruchtbar ist: Yams, Erdnüsse und Hirse gedeihen prächtig. Wegen ihrer Eisenvorkommen war die Region schon für die einstige deutsche Kolonialverwaltung in Togo von wirtschaftlichem Interesse. Nach einigen Monaten haben die Schwestern für Djato eine Nachricht, die ihn für einen Moment sprachlos macht: Er soll ein künstliches Bein bekommen, mit dem er wieder laufen lernen kann. Djato kann es kaum glauben. Dann geht alles ganz schnell.

Ein Orthopädietechnik-Mechaniker aus Dapaong, einer Stadt im hohen Norden Togos, entwirft für Djato eine Prothese, die sich perfekt an seinen Beinstumpf anpasst. „Ich bin immer noch sehr langsam unterwegs“, sagt Djato. „Aber ich werde immer besser und beweglicher – und es fühlt sich richtig gut an.“ Djato steht wieder mitten im Leben. Er geht wieder regelmäßig zur Schule, gibt sogar Nachhilfe in Mathematik und Physik. Auch einen Berufswunsch hat er: „Ich möchte gerne Arzt werden“, sagt er. „Und anderen Menschen helfen, so wie mir geholfen worden ist.“

Markus Frädrich

Dezember 2018

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Die Krankenstation der Schwestern

Täglich um 7 Uhr öffnet die Krankenstation der Steyler Schwestern in Boukpassiba, einem Ortsteil von Bassar. Im Wartezimmer sitzen häufig Menschen, die an Hepatitis, an der Infektionskrankheit Malaria oder an einer Wurmkrankheit leiden. Zur regelmäßigen Untersuchung kommen aber auch Schwangere. Die Krankenstation der Schwestern steht allen offen, egal welcher Religion und Volksgruppe sie angehören.

Bassar

Bassar ist eine Kleinstadt im nördlichen Togo. Sie liegt am Rand der Atakora-Berge und hat etwa 25 000 Einwohner. Die Menschen in der Stadt und im Umland sind arm und leben von der Landwirtschaft. Auf ihren Feldern bauen sie zum Beispiel braune Bohnen, Erdnüsse und Hirse an.