Steyler Welt

Moseam, die Hexe

Im Norden von Ghana engagieren sich die Steyler Missionare für Frauen, die als Hexen aus ihren Heimatdörfern vertrieben werden. stadtgottes-Autorin Melanie Pies-Kalkum war vor Ort

70 Frauen leben zur Zeit im Gushiegu-Hexencamp. So wie Moseam, 35, und ihr Sohn Biligmag, 3

In diese Gegend kommt kein Tourist. Es gibt keine Straßen, keinen Strom, kaum Trinkwasser. Nur Staub, Lehmhütten und die sengende Hitze der afrikanischen Sonne. Mitten in diesem Buschland im Norden Ghanas liegt das Gushiegu-Hexencamp. Hier leben Frauen, die der Hexerei beschuldigt und aus ihren Dorfgemeinschaften ausgeschlossen wurden. Eine davon ist Moseam. Für sie und rund 70 andere ist das Camp ein Zufluchtsort, der ihnen das Weiterleben ermöglicht.

Sechs solcher „Hexencamps“ gibt es im Norden Ghanas.  Vor vier Monaten musste Moseam, 35, ihr Heimatdorf verlassen. Ihr Schwager hat sie für seine schlaflosen Nächte verantwortlich gemacht und gesagt, sie sei eine Hexe. Die Anklage griff im Dorf um sich. „Nach kurzer Zeit sagten die Dorfbewohner, dass sie nicht mehr mit mir zusammenleben könnten, weil ich mit meiner Hexenkraft nur Unheil über das Dorf bringen würde“, erzählt sie mit ruhiger Stimme. Moseam ist auf dem rechten Auge blind. Sie spricht nicht viel. Und doch spricht Stolz aus ihr, wenn sie ihr Schicksal erzählt.

© Melanie Pies-Kalkum/SVDDer Glaube an Hexen und ihre Hexenkraft ist in Ghana weit verbreitet. Nichts passiert zufällig, alles hat eine Ursache. Wenn jemand von einer Schlange gebissen wird, eine Krankheit bekommt oder plötzlich stirbt, muss es einen Verantwortlichen geben. Meist sind es Frauen, die angeklagt und vertrieben werden. „Es trifft Frauen, die mutig und progressiv sind, sich also auf die Höhe des Mannes begeben. Oft aber auch ältere Frauen, die man loswerden möchte, weil sie keinen Nutzen mehr haben für die Gesellschaft“, erklärt Pater Phanuel Myers Agudu SVD. Der 39-Jährige hat seine Masterarbeit in Anthropologie über die Hexenbeschuldigungen in seinem Land geschrieben und dafür einige Zeit im Camp gelebt. „Wenn eine Frau öffentlich beschuldigt wird, hat sie eigentlich keine Chance mehr. Einmal beschuldigt, ist sie stigmatisiert. Man meidet sie, will nichts mehr mit ihr zu tun haben“, weiß der Missionar. „In ihren Heimatdörfern werden sie dann so lange geschlagen und gefoltert, bis sie zugeben, eine Hexe zu sein. Dann müssen sie das Dorf verlassen. Sonst bringt man sie um.“

Auch Männer werden angeklagt, allerdings kommt das nur selten vor. Dann zieht der Mann mit seiner ganzen Familie in ein Familien-Hexencamp.

Moseam musste allein fliehen. Doch sie hatte Glück: Zwei ihrer fünf Söhne haben ihr geholfen und sie in das Gushiegu-Camp gebracht. „Wenn ich dageblieben wäre, hätten sie mich getötet!“ Seitdem hat sie ihre Kinder nicht mehr gesehen. Nur Biligmag durfte sie mitnehmen, weil sich sonst niemand um den Dreijährigen gekümmert hätte. „Wenn sie krank sind, erlaubt ihnen ihre Gemeinschaft zurückzukehren, um zu Hause zu sterben. Denn dann können sie nichts mehr anrichten“, weiß Pater Phanuel Agudu. „Außerdem dürfen sie zu einer Beerdigung ins Dorf kommen, aber als Fremde. Für immer zurückzukehren, wäre nur möglich, wenn der Ankläger die Anklage zurücknimmt. Und das passiert so gut wie nie.“

Moseam hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden: „Es ist hart. Ich weiß nicht, ob ich meine anderen Kinder jemals wiedersehen werde. Aber das ist in unserer Kultur nun einmal so. Dagegen kann ich nichts tun, das muss ich akzeptieren.“ Im Gushiegu-Camp ist die 35-Jährige in Sicherheit. Hier hat sie ihre eigene Lehmhütte zusammen mit ihrem Sohn. Als Kind einer „Hexe“ wird auch er es später in seinem Leben nicht leicht haben.

Doch mit Unterstützung der Steyler Missionare kann er in ein paar Jahren zur Schule gehen und sich ein eigenständiges Leben aufbauen. Moseam lächelt: „Wir sind eine tolle Gemeinschaft. Wir stehen morgens auf und grüßen uns erst einmal. Oft tanzen wir zusammen. Das gibt mir Kraft!“

© Melanie Pies-Kalkum/SVDDie Solidarität der Frauen ist beeindruckend. Die jungen gehen früh morgens zwei Kilometer bis zum Markt in die Stadt und suchen dort heruntergefallene Körner, Mais und Hirse. Die älteren kochen daraus Brei. „Wir Steyler sammeln Nahrungs- und Kleidungsspenden in unseren Gemeinden und versorgen die Frauen mit Medizin und Hygieneartikeln. Und wir wollen sie stärken, damit sie wieder Fuß fassen in der Gesellschaft.“

Dabei hilft auch der Brunnen im Hexencamp, den die Steyler gebaut haben: „Wenn die umliegenden Dörfer in der Trockenzeit kein Wasser haben, kommen die Menschen von dort, um hier bei den Frauen Wasser zu holen. So werden die beschuldigten Frauen wieder Teil einer Gemeinschaft und sind nicht mehr länger Ausgestoßene.“ Durch ihr Stigma ist es sehr schwer für die Frauen, einen Job zu finden.

Auch Moseam ist arbeitslos. Um ihren Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten, geht sie tagsüber auf Farmen und sucht Erntereste zusammen. „Das ist alles, was ich heute finden konnte.“ Sie zeigt auf den Boden und fängt langsam an, einen kleinen Haufen Getreide zu sortieren. Sand und Steine müssen raus. Morgen wird daraus Frühstück gemacht.

Noch ist sie „die Neue“ im Camp. Andere sind schon über 20 Jahre dort. Ihre Gesichter sind dementsprechend gezeichnet von ihrem Schicksal. Die Camps einfach zu schließen, so wie die Regierung es plante, ist Unsinn, meint Pater Phanuel: „Die Camps sind keine Ghettos, sondern sie sind Flüchtlingszentren. Wenn man sie schließt, sind die Frauen wieder auf sich alleine gestellt und wissen nicht, wohin sie gehen sollen.“

Die Steyler setzen stattdessen auf bessere Bildung, die schon bei den Kindern beginnt: „Wir müssen sie dafür sensibilisieren, dass es falsch ist, eine Frau der Hexerei zu beschuldigen. So wie Bildung der Schlüssel war, die Genitalverstümmelungen der Frauen zu reduzieren, so wird Bildung auch Hexenbeschuldigungen entgegenwirken. Davon bin ich überzeugt.“

Hier können Sie die Frauen im Hexendorf mit einer Spende unterstützen.

Melanie Pies-Kalkum

Mai 2019

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