Kultur

Neid, Verrat und Tod

Bei den Passionsspielen in Schöneberg/Belgien kommt die Passion in moderner Form auf die Bühne. Wir fragten den Regisseur Alfons Velz, was Menschen an der alten biblischen Geschichte so fasziniert

Mit biblischen Gewändern und moderner Kleidung spielen die Darsteller die Passion nach Regieanleitung von Alfons Velz

Was macht Ihre Passionsspiele so besonders?

Die doppelte Thematik, die Parallelität zwischen – oder besser noch – das ständige Ineinandergreifen der klassischen Passion Christi und der Gegenwarts-Ebene erfordert für jede neue Auflage der Schönberger Passionsspiele ein völlig neues Konzept und einen völlig neuen Text. Das Spiel erhält seine Würze gerade durch das Erleben der Höhen und Tiefen Jesu durch die eigene Brille, durch die Brille von Menschen wie du und ich.

Beim letzten Mal, 2012, ging es um Trauer und Schuld im Zusammenhang mit einem Unfall mit Fahrerflucht. Dabei wurde auf intensive Art deutlich, wie sehr Tragik, Schuld, Feigheit und Verrat, die wir aus dem Umfeld von Jesu letzten Tagen kennen, auch in heutigen Lebenssituationen bedrückend lebendig sind. Dass der Hahn auf der modernen Ebene gekräht hat, nachdem ein junger Mann zu feige war, seinem Fußballkameraden die Wahrheit zu sagen, dürfte jungen Menschen die Befindlichkeit eines Petrus näher gebracht  haben …

Das Konzept des bewussten Ineinandergreifens mehrerer Spiel- und Zeitebenen ist einzigartig unter Europas zahlreichen Passionsspielen, und es ist inzwischen Tradition in Schönberg. Szenen aus dem Leben Jesu in biblischen Kostümen gehen nahtlos in Bilder aus unserem Leben über, die Empfindungen verschmelzen miteinander. Diesmal gehen wir noch einen Schritt weiter: Figuren beider Zeitebenen befinden sich zeitgleich auf der Bühne.

© Lothar KlingesWas wir uns wünschen? Dass Spieler wie Zuschauer Schritt für Schritt spüren, wie nah die Passion Christi ihrem eigenen Leben und Erleben ist: heute, 2019, mit und zwischen Menschen auf dem Jakobsweg, von denen jeder seine Schwierigkeit hat, los zu lassen.

Als Regisseur investieren Sie viel Zeit dafür. Was ist Ihnen daran wichtig?

Die Passion Christi ist eine spannende Geschichte, in der auf engem Raum vielerlei Beziehungen, Gefühle, Beweggründe und Verwerfungen der Menschen zusammentreffen. Da geht es um Freundschaft, Liebe, Angst, Neid, Verrat, Aufopferung, Mut, Vision, Feigheit, Ergriffenheit, Leid, Hoffnung, Schuld, Verzweiflung, Hass und Tod, kurz: um alles, was Menschen zutiefst berühren oder schlimmstenfalls sogar aus der Bahn werfen kann.

Es werden also existenzielle Fragen aufgeworfen, von denen sich viele Brücken zum eigenen Leben und Erleben schlagen lassen. Hinzu kommt natürlich noch die spirituelle, hoffnungsvolle, sinnstiftende Dimension.

Es spielen auch viele Menschen mit, die nicht sehr gläubig sind. Warum machen sie mit?

Das Wort 'gläubig' muss man näher definieren. Wenn man mit „gläubig“ meint, dass nichts hinterfragt werden darf, dass ein Dogma oder eine Lehre einfach blind übernommen werden muss, dann möchten wir uns nicht als „gläubig“ bezeichnen.

Religion – im ursprünglichen Sinn des Wortes 'religio' = 'Verbindung' – bedeutet für uns, dass wir uns einem höheren Wesen verbunden und verpflichtet fühlen möchten, welches uns Sinn und Halt im Leben gibt. Ein solches Wesen – wie immer es auch heißen mag – wird von keinem Menschen blinden Kadavergehorsam verlangen.

Religiös, gläubig zu sein, bedeutet für uns also auch, uns mit einem Wertsystem verbunden zu fühlen. Man kann sich in einem 'religiösen' Spiel wie dem unseren also auch authentisch einbringen, wenn man nicht religiös 'praktizierend' im hergebrachten Sinne ist. Wir hatten schon Spieler, die mit Religion und Kirche überhaupt nichts anzufangen wussten und doch völlig überzeugende Apostel dargestellt haben. 

Aber es geht doch um Themen des Glaubens?

Was diese Menschen zu uns zieht, ist die offene Willkommens-Atmosphäre bei uns. Wenn man Jesu Botschaft auf den wesentlichen Satz “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” reduziert, findet man viele Gemeinsamkeiten mit allen Menschen, gleich ob sie andersgläubig oder selbst Atheisten sind.

In unserem Spieltext wird man daher keine kirchlichen Dogmen frühmittelalterlicher Prägung wiederfinden - ebensowenig wie unterschwellige Schuldzuweisungen an Jesu Kreuzestod, wie sie beispielsweise in dem Satz “Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!” aus dem Matthäusevangelium zutage treten. Wir versuchen uns streng nach den Aussagen Jesu zu richten und sie auf unser heutiges Leben zu beziehen. Mit umstrittenen theologischen Überbauten aus späteren Phasen der Kirchengeschichte befassen wir uns nicht.

Christina Brunner

März 2019

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