Titelthema

Neue Chance für die Orden

Die Situation der Orden in Europa ist schwierig: überalterte Gemeinschaften, kaum neue Berufungen und Nachwuchs. Klöster und Häuser werden geschlossen, Aufgaben und Dienste abgebaut. Wo gibt es dennoch Hoffnung, und wie gehen Verantwortliche mit der Krise um

©Stift Heiligenkreuz

Gegen den Trend: Über regen Zulauf freut sich das Stift Heiligenkreuz in der Nähe von Wien. Es ist die größte Zisterzienserabtei Europas

21. Januar 2018, 9.30 Uhr: Der heutige Gottesdienst im Kapuzinerkloster Brig-Glis im Wallis ist kein gewöhnlicher. Ortsbischof Jean-Marie Lovey ist da und feiert Messe, obwohl es eigentlich nichts zu feiern gibt: Rund 70 Jahre nach Gründung des Klosters schließt es nun die Pforten. Zehn Mitbrüder sind übrig geblieben und werden nun in anderen Kapuzinergemeinschaften der Schweiz weiterleben und – wenn es ihr Alter und ihre Gesundheit zulassen – weiterwirken. Die Klosterpforte wird vom Guardian – so heißt der Klostervorsteher bei den Kapuzinern – Bruder Beat Pfammatter, 51, endgültig geschlossen.

Er ist der jüngste Deutschschweizer Kapuziner und trat mit 21 in den Orden ein. In der Schweizer Provinz ist zwischen 1960 und heute der Bestand von fast 900 Mitbrüdern auf 115 geschrumpft, rund drei Viertel davon sind Priester. Es gibt im ganzen Land gerade noch 15 Brüder, die jünger als 70 Jahre sind. Das ist typisch für die meisten Orden in Mitteleuropa, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen bzw. einzelnen Klöstern: Kaum Nachwuchs aus Europa, Häuserschließungen und damit verbunden Rückzug aus vielen Aufgaben in Seelsorge und Bildung. Ein 50-jähriger Provinzial wie der Steyler Pater Stephan Dähler (mitteleuropäische Provinz) gilt als „jung“, während man im Arbeitsleben „draußen“ mit 50 schon langsam Schwierigkeiten bekommt, wenn man einen neuen Job sucht.

Zeitgemäße, neue Formen?
Dabei unternehmen die Orden gemeinsam im ganzen deutschsprachigen Raum durchaus vieles, um das Ordens- und Klosterleben als sinnvolle Lebensform zu positionieren: „Kloster auf Zeit“ ist die wohl bekannteste Form, dieses Leben für eine beschränkte Zeit kennenzulernen und auszuprobieren. Einer, der sich tagtäglich mit diesen Fragen befasst, ist Pater Franz Meures, 67, seit 48 Jahren Mitglied des Jesuitenordens. Er war neun Jahre Novizenmeister, dann sechs Jahre Provinzial. Beim Dachverband der Orden, der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK), leitet er das Referat „RUACH Bildung der Ordensleute“, wo er unter anderem Kurse für die Begleitung alternder und sterbender Orden anbietet.

Dass junge Leute nur selten in Orden oder Klöster eintreten, hat aus seiner Sicht verschiedene Gründe: „Insgesamt hat ja die Teilnahme am kirchlichen Leben in der jüngeren Generation nachgelassen. Viele haben keine Beziehung zur Kirche und werden auch nicht in einen Orden eintreten. Und angesichts der schon bestehenden Überalterung ist es auch nicht lohnend.“ Dazu komme das Konzept der lebenslangen Bindung. Dieses „für immer“ sei für junge Leute abschreckend, meint er.

Daher habe man sich für Freiwilligendienste wie etwa „Missionar auf Zeit“ oder „Jesuit Volunteers“ entschieden oder (in Österreich) für das Freiwillige Ordensjahr: „Das finden viele interessant. Das sind Versuche, Einblicke ins Ordensleben zu ermöglichen. Und vielleicht bleibt  jemand“, sagt Pater Meures. Er zeigt sich trotz allem zuversichtlich: „Die  Schrumpfungsprozesse sind ja nicht neu, das geht jetzt schon 50 Jahre so. Aber ich kenne viele von den jungen Ordensleuten: Da sind tolle Menschen dabei! Die haben wirklich eine Berufung, die wollen herausfinden, wie man in der heutigen Zeit als Ordenschrist leben kann.“

Kapuzinerbruder Beat seinerseits hat bei der Schließung „seines“ Klosters Klartext gesprochen, der auch für Schlagzeilen gesorgt hat. Und er macht es auch im Gespräch mit der „stadtgottes“: Mit Blick auf die Entwicklung seit den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts redet er von einem „Zusammenbruch“. Die „Zähmung der Orden durch die offizielle Institution Kirche“ sieht er ebenso als Grund dafür wie die Tatsache, „dass die Orden ihre moralische Kraft verloren haben“. Spirituell sei in den Ordensgemeinschaften kaum mehr etwas von einer inneren Lebendigkeit, Unruhe und Kreativität, von einer kontemplativ geprägten Lebenshaltung zu spüren, aus der heraus sich hoffnungsvolle Visionen für die Zukunft – im Geist des Evangeliums – ablesen ließen. Schließlich sei es angesichts der Säkularisierung in Europa kaum verwunderlich, dass die Orden aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein fast verschwunden sind.

Selfies sind auch bei jungen Ordensleuten in! Sr. Ida (Bild Mitte) erzählt in YouTube-Videos vom Kloster-Alltag

Klartext und Hoffnung
Er selbst hat sich vor 30 Jahren für den Eintritt in den Kapuzinerorden entschieden, weil ihn der einfache Lebensstil, die franziskanische Spiritualität und das brüderliche Leben in Gemeinschaft faszinierten und bis heute ansprechen. Umso überraschender ist seine Antwort auf die Frage, ob die Orden heute einfach nicht mehr gebraucht würden: „Das Ordensleben in der bestehenden Form – glaube ich – braucht es tatsächlich nicht mehr. Denn es ist in seiner bestehenden Form beladen mit Geschichte, Traditionen, längst überholten Bezügen und Vollzügen. All dies erinnert eher an eine vergangene Welt. Es fehlen spirituelle, religiöse Ausdrucks- und Gemeinschaftsformen, die in den heutigen Gesellschaftsfragen auf Resonanz stoßen könnten.“

Dennoch liegen ihm, wie er betont, Pessimismus und Resignation fern: „Diese Situation, so traurig und aussichtslos sie auch scheinen mag, birgt mit christlicher Hoffnung besehen dennoch eine Chance. Wir werden wachgerüttelt und herausgefordert, diese Situation spirituell zu deuten und für unser Jetzt fruchtbar werden zu lassen.“ Skeptisch ist er, die Krise in Europa mit dem „Import“ junger Ordensleute aus anderen Kontinenten lösen zu wollen: Die jungen Ordensleute können dabei helfen, die Ausübung der klassischen Tätigkeiten aufrechtzuerhalten: Eucharistiefeier, Pfarreileben, religiöse Bräuche usw., aus Sicht von Bruder Beat „das Althergebrachte“, mit anderen Worten genau das, was in Trümmern liegt und gerade vergeht.

Das sieht Pater Meures etwas anders: Die Orden, die Leute aus anderen Ländern, etwa Indien und Indonesien, nach Europa holen, lobt er ausdrücklich: „Die Steyler haben dafür aber ein ausgefeiltes Konzept! Da geht es nicht um Lückenfüllen, sondern darum, alle Gemeinschaften international werden zu lassen. Man will auch in Deutschland mis­sionarisch tätig sein. Das ist etwas anderes, als ob man die Reihen auffüllt mit der Idee: Die können für uns sorgen, wenn wir alt sind.“

Achtsamkeit und Wert­schätzung statt jammern
Auch in der österreichischen Ordenslandschaft geht vieles zu Ende, Gemeinschaften werden kleiner, Klöster müssen geschlossen werden, die Überalterung ist offensichtlich. Viele Menschen in der katholischen Kirche jammern über das, was verloren geht. „Mich stört so ein Reden“, kritisiert Pater Franz Helm, Vizeprovinzial der Mitteleuropäischen Provinz der Steyler Missionare und bis März Generalsekretär der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften in Österreich. „Ich bin überzeugt: Wir müssen von der Defizit-Orientierung wegkommen und hinfinden zu einem achtsamen, wertschätzenden Blick und Umgang.“

Diese Ansicht vertritt auch Abt Christian Haidinger, der Vorsitzende der österreichischen Superiorenkonferenz: „Es geht nicht alles den Bach hinunter. Nein, es gibt auch viele Aufbrüche. Ich spreche lieber von einem großen Wandel, in dem sich unsere Kirche und damit auch die Ordensgemeinschaften befinden.“ „Ja, es gibt ein Sterben bei den Orden in Österreich“, bestätigt Ferdinand Kaineder, Leiter des Medienbüros der Österreichischen Ordensgemeinschaften, „aber es gibt  auch Gemeinschaften, die wachsen – nicht nur die Zisterzienser in Heiligenkreuz.“ Als Beispiele nennt er die Benediktiner in Seitenstetten, die Dominikaner in Wien und die Franziskanerinnen in Vöcklabruck.

Die Steyler Missionare in Österreich wollen, dass das Missionshaus St. Gabriel auch in Zukunft ein Ort der Begegnung, des Lernens, der Stille und des Feierns ist und haben es an einen Immobilienfonds übertragen, um das zu gewähren. Es enstand die Idee von den „Lebenswelten“ von St. Gabriel – mit Ordenssitz, Werkstätten, Büros, sozialen Einrichtungen sowie 23 Hotelzimmern und fünf Seminarräumen. Der Hotelbetrieb und die Vermietung für Veranstaltungen sollen den Weiterbestand des Gebäudes finanzieren.

Ein „Exil“ und sein Sinn
„Die großartige Vergangenheit ist vorbei, auch die der Kirche“, sagt Bruder Beat. Die Situation der Orden und der Kirche vergleicht er auch mit dem „Exil“ des Gottesvolkes im Alten Testament. Das Bild der zerstörten Heiligen Stadt Jerusalem und der zerbrochenen Gesetzestafeln hält er für treffend mit Blick auf das Heute: „Kirche und Orden liegen weitgehend in Trümmern, Kirche und Orden sind den Menschen fremd geworden und befinden sich auf dem Weg ins Exil – wenn wir es nicht schon sind!“

Auch Franz Meures geht offen mit dem Thema um und benennt die Tatsachen: „Man kann inzwischen öffentlich über Sterbepro­zesse reden, auch mit den Ordensleuten. Vor 30 Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Dauernd schließt irgendeine kleine Gemeinschaft. In den Diözesen reden sie von Rückbauen. Wir benutzen das Wort Sterbeprozess!“ Die vielen Jahre, in denen der Nachwuchs immer weniger wurde, waren aus seiner Sicht „sehr schmerzhaft und irritierend“. Es gebe die Tendenz zu Selbstbeschuldigung und Selbstzweifel: „Was machen wir falsch?“ Der Schmerz sei noch da, auch Trauer, aber ebenso die Erkenntnis: „Wir haben in der Zeit, in der es uns gab, viel Gutes für die Kirche und die Menschen tun können, dafür wollen wir danken. Wir geben alles, was wir aufgebaut haben, in Gottes Hand zurück und können in Frieden sterben. Das ist ja eine Basis fürs Leben und fürs Sterben: sich in Gottes Hand wissen.“

Beat Pfammatter plädiert ebenfalls dafür, diesen Zusammenbruch als „Stunde des Sterbens“ zu akzeptieren und darin aber auch die „Kunst des Lebens“ zu lernen. Dazu gehört für ihn, Gleichgültigkeit und Resignation zu überwinden, mehr Mut aufzubringen und offene Kritik zu üben an all dem, was aufgegeben werden muss. Aus seiner Sicht geht es nicht um Neugründungen im Sinn der Vergangenheit, sondern eher um Neuformung: „Das, was Christsein letztlich ausmacht, gleichsam umgießen in neue Formen, auf die sich Menschen von heute einlassen können.“

Bruder Beat selbst ist seit der Schließung des Klosters in Brig-Glis im Kapuzinerkloster Luzern zu Hause, das sich ebenfalls neu ausgerichtet hat, ein „klosternahes Wohnen“ anbietet und ein spirituelles Zentrum eingerichtet hat. In diesem Zentrum arbeitet er mit und hat nicht vor, sich damit ins Innere zurückzuziehen, wie er betont: „Die Angebote im Bereich Spiritualität richten sich  an Menschen in der näheren und weiteren Umgebung.“

In St. Gabriel gehen die Steyler neue Wege – ein Hotel und ein Veranstaltungszentrum entstanden

„Mitten im Leben“
Pater Meures begleitet Orden und Klöster in diesen schwierigen Zeiten und hilft ganz konkret: „Unser Netzwerk alternde Orden ist da ziemlich kreativ. Zwei ältere Schwestern nehmen Kontakte auf. Ganz vorsichtig und mit viel Respekt. Wir haben aber gelernt, dass einer allein nicht helfen kann. Der Bischof, die Konferenz der Ordensoberen – alle möglichen Leute müssen wohlwollend schauen, was man tun kann.“

Dabei gebe es, so Meures, verschiedene Modelle dafür, wenn ein Orden völlig überaltert ist: In einem Fall wurde eine Oberin mit Leitungserfahrung aus einem anderen Orden eingesetzt. Häufiger kommt das vor: Eine kleine, überalterte Ordensgemeinschaft verlässt das zu groß gewordene Kloster und zieht in ein Pflegeheim. Dort hat sie eine Etage mit Wohnzimmer und Kapelle, mit eigenem Oberen. Aber allen ist klar: Hier sterben wir, und dann ist die Existenz der Ordensgemeinschaft zu Ende. Und schließlich gibt es die Idee, dass mehrere Ordensgemeinschaften in einem Kloster leben und sich Kosten und Pflege teilen.

Ob die neuen Formen aber schon eine „erste Neuinterpretation des Ordenslebens“ sind, wie eine Forscherin in einem Beitrag geschrieben hat, bleibt fraglich. Immerhin: Im 20. Jahrhundert entstanden in Europa vielfältige Gemeinschaften (Säkular­ins­ti­tu­te) mit Ähnlichkeiten zu Ordens­ge­mein­schaften. Allerdings leben diese Mitglieder mitten in der Welt und gehen häufig auch einem weltlichen Beruf nach. Das sieht auch Pater Meures auf die Frage nach der Zukunft so: „Ich glaube, dass es auch in 30 Jahren bei uns noch Ordensleben geben wird. Vielleicht existiert noch das eine oder andere große Kloster, etwas wie Maria Laach.

Doch die Ordensleute der Zukunft werden mehr unter den Menschen leben, manche, gerade die Schwestern, haben damit schon begonnen. Zwei, drei Schwestern in Zivil in einer Wohnung in der Stadt – das wird alles flexibler. Die Vorstellung, dass Ordensleben heißt, dass alles geregelt ist – diese Idee wird man weitgehend vergessen können. Junge Ordensmänner und -frauen stehen heute im Berufsleben, da kann man sich nicht mehr vier Mal am Tag treffen, um in der Kapelle das Stundengebet zu
beten.“

Christina Brunner, Roger Tinner, Ursula Mauritz

Juni 2018

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Ordensleben in Deutschland

  • 4029 Ordensmänner, davon sind
    45 Prozent jünger als 65 Jahre
    55 Prozent älter als 65 Jahre
  • Gesamtzahl der Ordensmit­glieder mit Profess sank 2016 im Vergleich zum Vorjahr von 4186 auf 4029
  • 2016: 54 Novizen
  • 15 923 Ordensfrauen,
    rund 16 Prozent unter 65
    rund 84 Prozent über 65 Jahre
  • Gesamtzahl der Ordensfrauen im Vergleich:

Ende 1996:    32 265
Ende 2006:    24 685
Ende 2015:    16 688
Ende 2016:    15 923

  • 2016: 58 Novizinnen

 

Steyler Missionsschwestern

In Deutschland

• In der deutschen Provinz leben 277 Schwestern in 10 Kommunitäten in Deutschland und den Niederlanden (Mutterhaus Steyl). Der Altersdurchschnitt beträgt 78,0 Jahre. 40 Schwestern sind 70 oder jünger, die anderen sind älter als 70 Jahre.

• In den letzten zehn Jahren absolvierten neun junge Frauen ihr Noviziat, acht aus Deutschland, eine ist Vietnamesin, sie lebt schon seit ihrer Kindheit in Deutschland. Drei Novizinnen waren zuvor auch MaZ (Missionarinnen auf Zeit). Derzeit gibt es zwei Novizinnen und drei Junioratsschwestern.

In Österreich

• Zur Österreichischen Provinz gehören zurzeit insgesamt 133 Schwestern – in Österreich, Süd­tirol und Rumänien; eine Schwester ist zurzeit in der Steyler Mission in Athen.

• 23 Schwestern sind unter 60, die anderen zwischen 60 und 98 Jahre alt.

• Aus der Österreichischen Provinz gab es in den letzten zehn Jahren vier Novizinnen, zwei aus Österreich und zwei aus Rumänien. Eine war MaZ, jetzt Junioratsschwester.