Titelthema

Notruf: Auf dem Land verschwinden die Praxen

Besonders hart trifft es den Eifelkreis Bitburg – bundesweit gibt es hier die wenigsten niedergelassenen Ärzte. Auch in anderen Eifel-Regionen könnten dramatische Versorgungsengpässe entstehen, wenn die Generation der aktiven Hausärzte in Rente geht

Richtig muss es sogar heißen: Landarzt dringend gesucht. In vielen Orten herrscht Ärztemangel. Und es wird noch schlimmer© Fotolia

Mayen ist eine lebendige Kleinstadt in der Osteifel mit fast 20  000 Einwohnern. Das Touristenziel Laacher See mit der weltberühmten Benediktinerabtei liegt ganz in der Nähe, die nächstgrößere Stadt ist Koblenz am Zusammenfluss von Rhein, Mosel und Lahn. Eine Umgebung, in der es sich gut leben lässt. Aber gerade hat die einzige Kinderarztpraxis der Stadt geschlossen, die beiden Kinderärzte sind in den verdienten Ruhestand gegangen. Erst im Laufe des Jahres soll ein Nachfolger die ärztliche Versorgung der kleinen Patienten übernehmen. Seit dem Jahresende haben Mayener Eltern also ein Problem. So wie Tina Schumacher. Ihr erster Gedanke, als sie von der Schließung durch einen Aushang erfuhr, war: „Was mache ich denn jetzt?“ 

Tina Schumacher hat zwei Kinder, aber keinen Kinderarzt mehrSchumachers Kinder sind elf und vier Jahre alt. Die Kleine ist zum Glück sehr robust und bringt nicht ständig einen Infekt aus der Kita mit. Aber es stehen Impfungen an, die aufgefrischt werden müssen. Einen neuen Kinderarzt suchen? Bis Koblenz sind es etwa 20 Kilometer, auch in Andernach, Neuwied und im 45 Kilometer entfernten Höhr-Grenzhausen soll es gute Kinderärzte geben. Aber sind so weite Entfernungen zumutbar? Was, wenn Eltern berufstätig sind und ihr Kind erkrankt? Oder einer von vielen Impfterminen ansteht? Und was nutzt der beste Kinderarzt, der fast 50 Kilometer entfernt arbeitet, wenn das Kind plötzlich heftig erkrankt? Zur Fahrzeit kommen noch die Wartezeiten, die man beim Kinderarzt einplanen muss? Oft haben Eltern aber auch gar keine Wahlmöglichkeit. 

Viele Kinderärzte müssen so viele Patienten betreuen, dass sie keine neuen mehr aufnehmen. Kinderärzte sind rar, gute erst recht. Mancherorts müssen Eltern sogar einen Bewerbungsbogen ausfüllen, um überhaupt auf die Warteliste zu kommen. Tina Schumacher will sich und ihren Kindern diesen Stress nicht antun. Sie hat sich für eine Übergangslösung entschieden. Solange der neue Kinderarzt die frei gewordene Praxis nicht übernommen hat, vertraut sie die Gesundheit ihrer Kinder dem eigenen Hausarzt an, den es zum Glück noch gibt.

Ortswechsel. Kyllburg, mit knapp unter 1 000 Einwohnern die kleinste Stadt in Rheinland-Pfalz. Idyllische Lage am Flüsschen Kyll, das auf gewundenen Wegen durch die Eifel in Richtung Mosel fließt. Kyllburg ist ein Städtchen mit uralter Geschichte und beeindruckenden Sakralbauten. Ein großes Kollegiatsstift, von dem die gotische Stiftskirche mit Kreuzgang und eine Reihe von barocken Kanonikerhäusern geblieben sind, zwei katholische und eine evangelische Kirche. Noch gibt es eine gute Infrastruktur, der Einzelhandel ist intakt, die Kyllburger sind aktiv und engagieren sich für ihr Städtchen. Nicht selbstverständlich für den Eifelkreis Bitburg-Prüm: Kyllburg hat einen Bahnhof und ist an die Bahnlinie Köln–Trier angeschlossen. Die Bahn bringt Kyllburger in 15 Minuten zur Arbeit nach Wittlich, in 50 nach Trier, Köln ist zwei Stunden entfernt. 

Wenn der Allgemeinmediziner seine Patienten in den umliegenden Dörfern versorgen muss, ist er manchmal genauso lange unterwegs wie Berufspendler, die nach Wittlich fahren. Die Straßen um das Städtchen steigen in Serpentinen auf, die Fahrzeit summiert sich. Neben den aktuell 947 Einwohnern muss der Hausarzt rund 7 500 Patienten in den umliegenden Gemeinden versorgen. Zu viel für einen Arzt, der sich Zeit für Kranke nehmen will. So gilt derzeit ein Aufnahmestopp für neue Patienten.
Höchste Zeit also für Bürgermeister Wolfgang Krämer, sich nach Verstärkung umzusehen. Dafür nutzt er eine von der KV (Kassenärztliche Vereinigung) Rheinland-Pfalz eingerichtete Plattform im Internet: Ort sucht Arzt. Kommunen können sich hier vorstellen, Mediziner, die eine Praxis übernehmen möchten, sich bundesweit über Übernahmemöglichkeiten informieren. 

Gemeinsam mit ihrem Vater führt Tessa Tjiong eine Hausaerztpraxis

Aber welche Chancen hat eine ländliche Kommune wie Kyllburg gegen Städte, die mit einem attraktiven Kulturangebot und städtischem Lifestyle klar die Nase vorn haben? „Es ist eine Illusion, dass wir junge Mediziner aus Berlin oder Hamburg in die Eifel holen können“, stellt Bürgermeister Wolfgang Krämer fest. Aber er klingt keineswegs resigniert. Er setzt wie der Bitburger Landrat Dr. Joachim Streit auf eine neue Initiative: Heimkehrer gesucht. Damit will man gezielt Mediziner ansprechen, die die Region für ihr Studium verlassen, dieses abgeschlossen haben und auf der Suche nach einer eigenen Praxis sind. Also junge Ärzte, die sich vorstellen können, die nächsten 30 bis 40 Jahre die ärztliche Versorgung in ihrer Heimat zu übernehmen. Eine Chance für die Region Bitburg-Prüm, die schon heute am Rand der ärztlichen Unterversorgung ist? Und die in spätestens zehn Jahren vor dem Kollaps stehen könnte?

Eine gute Aktion, so Dr. Rainer Sauerwein von der Kassenärztlichen Vereinigung, der mit einiger Sorge der Zeit entgegensieht, in der die heute aktiven Hausärzte in Rente gehen. „Die durchschnittliche Entfernung zu einem Allgemeinmediziner beträgt in der Region 1,4 Kilometer. Der nächste Supermarkt ist weiter entfernt.“ Aber was bedeutet das in einer Region, in der viele Dörfer nicht einmal mehr einen Tante-Emma-Laden vor Ort haben? Tendenziell sind ländliche Regionen vom Ärztemangel stärker betroffen als Städte, das sieht auch Sauerwein so. Und er weiß, dass etwas geschehen muss, um den Kollaps der Versorgung zu verhindern. Die Aktion „Heimkehrer gesucht“ ist deshalb für ihn ein guter Ansatz. 

Aber er kann sich auch vorstellen, dass man Nachwuchs mit neuen Praxis-Modellen für das Land begeistern kann. Beispielsweise, indem man junge Mediziner, die das finanzielle Risiko einer eigenen Praxis scheuen, durch Modelle wie die MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum) gewinnen kann. Eine Form der Gemeinschaftspraxis, in der der Nachwuchs auch als angestellter Arzt tätig werden kann. Und warum nicht die Kommunen als Träger einbeziehen? Heute sind schon 15 Prozent der Ärzte in einem Angestelltenverhältnis tätig. Und er weist darauf hin, dass sich die Arbeitssituation in den vergangenen Jahren erheblich verbessert hat. Die Einführung des Bereitschaftsdienstes hat dafür gesorgt, dass auch der Hausarzt auf dem Land nicht mehr rund um die Uhr im Einsatz ist.

Ortswechsel. Tessa Tjiong gehört zu den jungen Medizinerinnen, die für ihre Arbeit brennen, aber auf eine Familie deshalb nicht verzichten möchten. Gemeinsam mit ihrem Vater führt sie eine Hausarztpraxis in Kempenich. Und wenn er irgendwann aus Altersgründen ausscheidet, will sie die Praxis weiterführen. Gerne mit einem Partner, angestellt oder selbstständig, wenn es sein muss, aber auch alleine. Tessa Tjiong ist in eine Ärztefamilie hineingeboren, der Vater und vier Geschwister arbeiten als Ärzte, Tessas Zwillingsschwester ist noch in der Facharztausbildung. Vielleicht steigt sie, wie lange geplant, eines Tages mit ein? „Für mich war es immer klar, dass ich nach dem Studium in Bonn als Ärztin in meine Heimat zurückkehren würde."

Antje Berger

April 2018

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

Die Situation der Orden in Europa ist schwierig: überalterte Gemeinschaften, kaum neue Berufungen und Nachwuchs. Klöster und Häuser werden...

[weiter...]

Ihr Haus mit dem schönen Garten? Weg! Das Gotteshaus im Ort? Abgerissen! Marina und Bodo Eitze haben ihre Heimat verloren und wohnen jetzt in einem...

[weiter...]