Das Gespräch

Nur Toleranz verhindert einen neuen Holocaust

Christoph Heubner will die Erinnerungen an den Holocaust lebendig halten – die Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz hat er mit aufgebaut. stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner traf den Vizepräsidenten des Internationalen Auschwitz Komitees (IAK).

Christoph Heubner will junge Leute für die Geschichte sensiblisieren.

Herr Heubner, Sie setzen sich nahezu täglich mit dem schlimmsten Kapitel der Geschichte – dem Holocaust – auseinander. Können Sie noch an Gott glauben?    

Ich denke, ja. Ich bin zwar kein regelmäßiger Kirchgänger, aber es wäre für mich unvorstellbar, die Kirche zu verlassen, die mich doch sehr geprägt hat. Und ich entdecke immer wieder mehr positive Dinge in ihr als negative. Insofern bin ich schon sehr geprägt. Das spüre ich auch an diesem Ort sehr deutlich, denn ich erlebe, wie Menschen hier in Auschwitz Orientierung suchen. Und einen Rahmen, in dem sie sich fallen lassen können. Sie kennen den berühmten Satz: „Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“. Das ist schon ein Satz, der hier von den Besuchern spürbar erfahren wird. Am Schluss bleiben für sie Mitgefühl, Unverständnis, Wut und das Bewusstsein, dass so etwas in der Zukunft nie wieder geschehen darf.

Wie schaffen wir dieses Bewusstsein? Wenn sich jemand gegen rechts wendet, wird er belächelt. Alle berufen sich darauf, dass etwas wie der Holocaust nie wieder passieren kann, weil unsere Demokratie so gefestigt ist. Das glaube ich aber nicht. Für mich heißt das, die Gesellschaft hat nichts dazugelernt.

Das würde ich so pauschal nicht sagen. Gelernt hat man schon. Aber das mit der „gefestigten Demokratie“ ist ein Mantra. Es erinnert mich an ein Kind im Wald, das leise vor sich hin singt, um die eigene Angst zu bekämpfen. 
Es gibt eine ganz einfache Wahrheit, die der Auschwitz-Häftling Primo Levi im jüdischen Block an die Wand geschrieben hat: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben."Das ist die ganz einfache Wahrheit, die wir weiterverbreiten müssen. Und mehr ist dazu nicht zu sagen. 

Was ist mit der gefestigten Demokratie?

Wir haben eine gefestigte Demokratie. Ja. Dennoch müssen wir uns fragen: Waren wir vor zwei Jahren nicht viel sicherer? Waren wir vor vier Jahren nicht viel, viel sicherer? 

Haben wir vor acht Jahren geglaubt, dass es in Deutschland national befreite Zonen gibt, in die Menschen mit anderer Hautfarbe nicht hineingehen sollten? Haben wir vor acht Jahren geglaubt, dass es in Mecklenburg Dörfer gibt, die völlig übernommen sind von Rechten?

Ich achte die Meinungen der Politiker und man sollte auch immer wieder auf die „gefestigte Demokratie“ hinweisen. Ich achte auch die Meinung unseres Bundespräsidenten, der immer wieder mit Nachdruck erklärt, dass die Erfolge der Demokratie deutlich betont werden müssen. Das muss vermittelt und deutlich gemacht werden. Trotzdem sind wir alle sehr gut beraten, realistisch zu sein und zu reflektieren, was da draußen wieder vor sich geht. 

Ist das aber nicht erschreckend?

Das ist genau so ein Moment, Herr Pfundtner, in dem der Glaube ins Spiel kommt. Sie haben am Anfang nach dem christlichen Glauben gefragt. Ich antworte, genau an diesem Punkt möchte ich gerne vertrauen. Ich möchte mir kein rechtes Szenario immer wieder weiter vorspielen oder den Film zurückspulen. Nein, ich möchte sagen können, dass es uns diesmal gelingen wird, genügend Menschen zu finden, die sich in übergroßer Mehrzahl solchen Entwicklungen entgegenstellen, weil ihnen klar ist, was auf dem Spiel steht.

Neue Vorbilder. Neue soziale Medien. Das ist eine große Herausforderung für die Gedenkstätte.

Ohne Frage. Wir haben hier immer streng darauf geachtet, dass sich hier nicht auch nur im Ansatz rechte Tendenzen breitmachen.  Sinnbildlich gesprochen, es gab Hakenkreuzschmierereien und irgendwelche idiotischen Aktionen von Rechtsextremen. Zum Beispiel: Ein Schwede schickte der Gedenkstätte regelmäßig schwere Pakete mit Haaren aus Friseursalons. „Sie können damit ihre Bestände aktualisieren“, schrieb er zynisch dazu. 

Heute haben wir eine ganz andere Situation: Durch das Internet brauchen die Rechten den authentischen Ort nicht mehr. Also müssen alle umdenken und auch die Gedenkstätte muß mehr nach außen gehen.Das war eine Erkenntnis aller Beteiligten, die in der Gedenkstätte arbeiten und darüber nachdenken, dass wir heute über die 2,5 Millionen Besucher hinaus auch andere Menschen erreichen müssen. Besonders junge Menschen.  

Anfang Januar endete im New Yorker „Museum of Jewish Heritage“ die große Ausstellung: „Auschwitz – Not long ago. Not far away“. In Madrid haben die Ausstellung 550.000 Besucher gesehen. Es wird eine Wanderausstellung durch viele europäische Städte. 

Aber es gibt auch die andere Seite, die sich aus dieser neuen Herausforderung ergibt.

Welche? 

Wenn die Gedenkstätte diesen Drang nach außen entwickelt, dann entwickelt die rechtsextreme Szene genauso das Verlangen, sich dazu zu äußern. Vor der Eröffnung der Ausstellung in Madrid hat es im Netz einen gigantischen Strom von antisemitischen und erinnerungsfeindlichen Eintragungen gegeben, die deutlich machen, wessen Geistes Kind die rechte Szene der Welt ist. Da ist auf der einen Seite die Hemmschwelle gesunken. Andererseits - betrachten wir den gesamten Holocaust unter dem Begriff Auschwitz, besitzt dieser Begriff immer noch ein solches Potential, dass ein wirklich rechter Auschwitz-Leugner ab einem bestimmten Punkt, damit nicht ins Wohnzimmer und an den Kaffeetisch der Gesellschaft kommt. Und das ist gut so. So soll das auch bleiben.

©Markus NowakÜber dem Tor ins Lager Auschwitz prangt der zynische Spruch „Arbeit macht frei“. Mit einem umgekehrten B. Dahinter verbirgt sich eine ganz besondere Geschichte.

Oh ja. Die SS in Auschwitz hatte einen allumfassenden Anspruch. Sie hatte den Anspruch eine Welt zu kreieren, ja sogar, die eigentliche Welt zu sein. So wie sie auch der Auffassung war, dass der Rassenkrieg, der in Auschwitz geführt wurde, der eigentlich wichtige Kriegsschauplatz gewesen sei. Ein Rassenkrieg, der zum Zwecke der kompletten Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma und anderer geführt wurde – zugunsten der Arier. 
Zum kreierten Weltbild der SS gehörte auch eine Ästhetik. Niemand sollte unterschätzen, welche Rolle diese Ästhetik gespielt hat. Dazu gehörten diese albernen Sinnsprüche, wie „Arbeit macht frei“. Eines Tages erhielten Häftlinge den Befehl, dieses Schild „Arbeit macht frei“ zu schmieden. Häftlinge, die teilweise zum ersten Transport gehörten, sind also, wenn man so sagen will, alte Hasen, die die perfiden SS-Schikanen von allen Seiten kennengelernt haben. Sie wissen genau, dass dieser Satz eine Verhöhnung und Erniedrigung ist. Sie schweißten den Satz und drehten das B um. Sie wollten damit zeigen, dass die Welt Kopf steht. Ich glaube nicht, dass das eine konzertierte Widerstandsaktion war, denn sie hatten Angst, als sie das Schild zum Lagertor schleppten und anmontierten. Angst davor, dass die SS-Männer das umgedrehte B erkennen würden und es dann schwere Strafen zur Folge hätte. 
Aber es passierte nichts. Die SS-Schergen erkannten den Fehler nicht. Sie waren so von sich eingenommen, dass ihnen der Gedanke zu einem solchen Widerstand überhaupt nicht kam. Diese Geschichte verbreitete sich in Auschwitz schnell unter den Häftlingen. Es war für sie ein Hoffnungsstrahl, wenn sie jeden Tag unter dem Tor durchmarschieren mussten. 

Was empfinden Sie denn persönlich, wenn jemand den Holocaust leugnet, relativiert oder als Vergangenheit abtut?

Das schwebt zwischen Wut und Bedauern. Es gibt solche Dummbeutel, die einfach in diese klassischen Muster verfallen mit dem „Es muss doch irgendwann mal Schluss sein.“ Das Argument wurde schon 1955 immer wieder vorgebracht. Da hatte eine Aufarbeitung noch nicht einmal angefangen. Für diese Menschen habe ich eigentlich mehr Bedauern übrig.
Wütend werde ich bei Menschen, wie Herrn Höcke. Der weiß ganz genau, auf welcher Klaviatur er spielt. Allerdings sage ich auch, ich muss diese Wut öffentlich zügeln und – wenn überhaupt – dann sehr gezielt einsetzen.

Genau das könnte aber auch das Problem sein. Zeige ich meine Wut oder mein Unverständnis wenig oder gar nicht, erreiche ich auch die, die es eigentlich betrifft, nicht. Oder nur die, die immer wieder sagen: „Es wird schon nicht so schlimm werden.“ Das ist doch eine Gratwanderung...

Wissen Sie, Herr Pfundtner, ich finde, es gibt positive Ansätze einer neuen Ehrlichkeit, die sich mittlerweile schärfer akzentuiert. Nehmen Sie die Wahl eines AfD-Kandidaten zum Bundestagsvizepräsidenten. Die können noch so viele Kandidaten aus ihrer Fraktion antreten lassen, sie werden keine Mehrheit finden. Und das ist richtig. Weil diese Leute den Parlamentarismus letztendlich verachten. Das weiß auch jeder und scheinbar sind die anderen – ihrem Gewissen verpflichteten – Abgeordneten bereit, sich nicht mehr an alte Spielregeln zu halten, sondern nehmen ihre Verantwortung ernst. Auch ich nehme die AfD ernst. Und die Partei muss sich ernst nehmen lassen. Wenn ich dann kluge Kommentare von Journalisten lese, die sich darüber echauffieren, dass die Staatsverdrossenheit wächst, weil die AfD keinen Vizepräsidenten bekommt, obwohl es der Partei angeblich zusteht, dann kann ich mich angesichts dieser nicht mehr möglichen Naivität nur aufregen.

Volkswagen ist ein wichtiger Partner der Begegnungsstätte. Wie kam es dazu?

Ganz einfach. Wir brauchten 1986 finanzielle Unterstützung, da der Bau ins Stocken geraten war. Wir hatten schlicht und einfach kein Geld mehr. Der ehemalige Oberbürgermeister von München, Hans Jochen Vogel, ein wahrhaft aufrechter und guter Mensch, hat uns unterstützt und den ehemaligen Arbeitsdirektor von VW gefragt: „Könnt Ihr da nicht helfen?“ Das war zu einer Zeit als VW unter Druck geriet, denn in der Öffentlichkeit und in der Politik wurde damals heftig über die Frage der Entschädigung von Zwangsarbeitern diskutiert und diese eingefordert. Davon war natürlich auch Volkswagen betroffen. Aus dieser Konstellation ist über die Jahre eine enge Zusammenarbeit entstanden. 

©Markus NowakInwiefern?

Ich habe, nachdem die Jugendbegegnungsstätte eröffnet war,mit dem Gesamtleiter für die Ausbildung bei VW gesprochen und ihm vorgeschlagen, uns Auszubildende zu schicken. Daraus ist ein 14-tägiges-Seminarprojekt entstanden, das bis heute läuft. Die jungen Leute arbeiten vormittags in der Gedenkstätte, tragen – wo immer sie gebraucht werden – zur Erhaltung der Gedenkstätte bei. Zum Beispiel beim Neuziehen des Stacheldrahtes.  Der muss immer erhalten bleiben, damit alle Besucher wissen, dass dieses Gelände keine grüne Oase, sondern ein Vernichtungslager war. Oder sie helfen bei der Konservierung von Schuhen oder Kleidung der Ermordeten. Mittlerweile sind die jungen Volkswagen-Mitarbeiter für die Gedenkstätte – mit Blick auf das Übermaß der anstehenden Arbeiten – wirklich eine unverzichtbare Hilfe. Es ist eine Arbeit mit jungen Menschen, die VW nicht an die große Glocke hängt und deshalb damit auch keinerlei Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Das machen alles wir vom IAK.

Engagieren sich auch andere Unternehmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben?

Außer einmal im Jahr Thyssen-Krupp, niemand.  Außer Borussia Dortmund. Der Verein macht hier und zuhause eine hervorragende Arbeit.

Wieso?

Nicht nur, dass sie sich knallhart von Rechten und Rassismus abgrenzen. Nein, sie kommen auch mit Fans zu uns zur Gedenkstätte. Das begann, als sich europaweit in den Stadien bei der Begrüßung des Gegners dieses Geräusch von ausströmendem Gas wabernd ausbreitete. Und die ganzen rechten Sprüche. Dagegen geht Borussia Dortmund kompromisslos an, das hat sich mittlerweile auf die ganzen anderen Fanclubs in der Bundesliga erstreckt. Das ist sehr gut. Dazu kommt, Borussia Dortmund forscht in Auschwitz, was aus ehemaligen jüdischen Gründungsmitgliedern und Spielern geworden ist.

Thomas Pfundtner

März 2020

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 26.02.2020
    Dieser Artikel ist nicht nur interessant, lesenswert und ausgezeichnet geschrieben. Er passt einfach - wegen der unfassbaren Vorgänge in unserem Land - so gut in diese Zeit. Lesen, weitergeben, darüber reden, warnen und nicht aufgeben. Genauso engagiert wie Christoph Heubner seit vielen Jahren und Ihr Autor Thomas Pfundtner.

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Sein Leben

Christoph Heubner, 70, verweigerte als Mitglied der Aktion Sühnezeichen den Kriegsdienst und arbeitete in Oxford in einem Obdachlosenasyl. Danach betreute er die ersten Besuchergruppen der Aktion Sühnezeichen in der KZ-Gedenkstätte Stutthof bei Danzig. Nach dem Zivildienst studierte Heubner Germanistik, Geschichte und Politik; arbeitete danach hauptamtlich bei der Aktion Sühnezeichen. Ab 1980 war er verantwortlich für die Fortführung der Planungen der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz. Heute ist er geschäftsführender Vizepräsident des IAK in Berlin und Mitglied des Vorstandes der Stiftung für die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz. Darüber hinaus hat er sich als Literat und Autor einen Namen gemacht.

Das Internationale Auschwitz Komitee

Überlebende des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gründeten 1952 das Internationale Auschwitz Komitee (IAK). Damals die wichtigste Aufgabe: die Welt wissen zu lassen, was im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau tatsächlich geschah. Mittlerweile sind viele Organisationen aus 19 Ländern dem Internationalen Auschwitz Komitee angeschlossen. 2003 wurde in Berlin ein Koordinationsbüro unter der Leitung von Christoph Heubner eröffnet.