Umwelt

Orang-Utan-Retter im Rollstuhl

Affen sind Bennis große Leidenschaft. Um die bedrohten Tiere zu unterstützen, reist er um die halbe Welt. Dabei ist er selbst unheilbar krank. Doch Benni ist überzeugt: Kämpfen lohnt sich

Die einjährige Mona sitzt auf Bennis Schoß

Neugierig klettert das kleine Orang-Utan-Mädchen Mona an Benni Over hoch. Zutraulich schmiegt es sich in seinen Schoß. Obwohl es tropisch heiß ist, sitzt Benni ruhig da und beobachtet sie voller Staunen. Der kleinwüchsige Mann kämpft mit den Tränen. Für ihn geht gerade ein Traum in Erfüllung: Endlich sieht er Orang-Utans in freier Wildbahn.

Doch von vorne: Benni ist 28 Jahre alt und wohnt im rheinland-pfälzischen Niederbreitbach. Er leidet an der unheilbaren Krankheit Muskeldystrophie Duchenne, die ab der Pubertät zur völligen Lähmung führt. Heute kann er nur noch sein Gesicht und seine Fingerspitzen bewegen.

Jahrelange Faszination

Seine Leidenschaft für Menschenaffen begann 2012 mit einem Zoobesuch. „Benni saß den ganzen Tag vor dem Orang-Utan-Haus“, erzählt sein Vater Klaus Over, der sich selbst als Sprachrohr seines Sohnes bezeichnet. Benni selbst redet nicht viel, das Sprechen fällt ihm schwer. Doch auf die Frage, was ihn an Orang-Utans fasziniert, antwortet er prompt: „Die sind uns Menschen so ähnlich und ihr Blick zieht mich in den Bann.“

Und noch etwas begeistert ihn: Orang-Utans sind für Natur und Mensch lebensnotwendig. Indem sie ihre Nahrung gezielt auswählen und ausscheiden, können sich Bäume und Pflanzen gleichmäßig vermehren. So bleibt das Ökosystem im Gleichgewicht. Doch die Lage der Tiere ist dramatisch: Ihr Lebensraum wird kontinuierlich zerstört, vor allem von Palmöl-Unternehmen. Sie verwandeln die Regenwälder in eine Fläche aus Ölpflanzen und vernichten alles andere mit Pestiziden. Die Folge: Orang-Utans verlieren ihre Umgebung und der Regenwald kann sich nicht fortpflanzen.

"Henry rettet den Regenwald"

„Wie schrecklich“, finden Benni und seine Eltern. Sie schenken ihm eine Patenschaft für Henry, einen Orang-Utan, der in einem Schutzzentrum auf Indonesien lebt. Benni redet fortan nur noch von Henry und beginnt mithilfe seiner ambulanten Helferin Bilder von ihm zu malen.

Doch Benni will mehr. Sein Plan: „Ich will ein Kinderbuch über Orang-Utans schreiben und auf das Thema aufmerksam machen.“ Zwei Jahre später ist nicht nur das Buch „Henry rettet den Regenwald“ entstanden, sondern auch ein gleichnamiger Trickfilm, der in vielen Grundschulen gezeigt wird.

Eine Reise zu Henry

Aber damit nicht genug: Benni möchte Henry in Indonesien persönlich kennenlernen. „Wir hatten große Bedenken. Benni muss nachts beatmet werden, und er ist auf den Rollstuhl angewiesen. Aber er wollte es unbedingt“, sagt Klaus Over. Mit der Unterstützung von zwei Orang-Utan-Schutzorganisationen fliegen Benni, seine Eltern und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Florian im April 2016 los.

Die Reise wird zum Kraftakt. Nach dem 20-stündigen Flug in die indonesische Hauptstadt Jakarta geht es mit einer klapprigen Propellermaschine weiter auf die Insel Borneo. Und das Programm der kommenden zwei Wochen ist eng getaktet. Oft sind sie 13 Stunden und mehr unterwegs. Benni hält Vorträge, zeigt seinen Film und beobachtet stundenlang die geliebten Orang-Utans. Von Erschöpfung aber keine Spur. „Die Reise war nicht anstrengend“, sagt er lächelnd. „Für uns schon“, ergänzt sein Vater und lacht. Da die Wege oft steinig und matschig sind, muss Benni häufig mitsamt seinem Rollstuhl getragen werden. Noch dazu ist es tropisch heiß.

Das nächste Projekt wartet schon

Die Herzlichkeit der Menschen entschädigt die Overs. Überall werden sie behandelt wie Popstars. „Benni inspiriert uns alle, das kann man nicht genug schätzen“, sagt der Campleiter eines Schutzzentrums. Aus Dank wird Benni offiziell zum „Orang-Utan-Kämpfer“ ernannt. Am letzten Tag der Reise dann der Höhepunkt: Benni trifft sein Affenpatenkind Henry. Der 28-Jährige strahlt. Dieses Abenteuer hat sich gelohnt.

Zurück in Deutschland will sich die Familie noch mehr engagieren. Doch Benni geht es schlechter. Im Dezember 2016 erleidet er einen Herzstillstand. Er überlebt knapp, ist seitdem auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Dennoch macht er weiter, plant ein palmölfreies Kochbuch für Kinder. Die Orang-Utans sind zu seiner Lebensaufgabe geworden. Der Gründer des Orang-Utan-Schutzzentrums, Willie Smits, fasst es so zusammen: „Ein schwerstbehinderter Mann reist um die halbe Welt, um Orang-Utans in der Natur zu sehen und den Menschen hier zu helfen. Was für ein toller Botschafter.“

Eva Bernarding

Oktober 2019

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