Gesellschaft

Rat für den Rat

Wenn es in der Kirche kracht oder die Pfarrei sich verändern möchte, bieten die Bistümer Hilfe an: Gemeindeberatung kostet nichts und hilft durch den nüchternen Blick von außen. Eine Pfarrei in der Eifel hat es ausprobiert

Ein Team: Gemeindeberater Frank Kilian und Pfarrer Berthold Fuchs

Eigentlich hat Rittersdorf das Schwierigste schon hinter sich. Seit Mai 2015 gehören neun Pfarreien zur Pfarreiengemeinschaft Rittersdorf in der Eifel, darunter so kleine wie Seffern mit knapp 300 und Ehlenz mit rund 400 Einwohnern. 26 Kapellen und Kirchen, in jeder wird regelmäßig eine Messe gefeiert. Knapp 7600 Katholiken, ein Pfarrer, ein Kooperator, eine Gemeindereferentin ...

Rittersdorf kommt klar. Und braucht trotzdem eine Gemeindeberatung, findet Pfarrer Berthold Fochs. „Der Blick von außen ist wichtig. Wir stecken oft in unseren eigenen Sorgen und Selbstverständlichkeiten fest.“ Seit zwei Jahren ist Gemeindeberater Frank Kilian mit der Gemeinde unterwegs. Der gelernte Theologe ist Leiter der Organisationsberatung im Bistum Trier. Mit seinem Team begleitet er Pfarreien oder Gruppen, die sich verändern möchten und dazu Hilfe oder Begleitung brauchen.

Zwischen 30 und 40 Beratungen pro Jahr stehen im Kalender. Davon ist eine Rittersdorf. „Eine ganz typische Situation in der Eifel: kleinstädtische Struktur, Orte, die nicht zusammenhängen, die Wege sind weit. Aber die Gemeinde ist auf einem guten Weg, und die Seelsorger gehen mutig voran.“ Frank Kilian hat in seinen 14 Jahren als Gemeindeberater auch schon anderes erlebt.  „Schwierig wird es, wenn aus Streitpunkten und Konflikten ein Gegeneinander wird. Wenn zum Beispiel die Kirche geschlossen werden soll, ist das natürlich ein sehr heißes Thema. Da ist dann viel Mediation, also Vermittlung, gefragt.“
An einem kalten Sonntag im November trifft er sich zum zweiten Mal mit den 21 Mitgliedern des Pfarreienrates. Je zwei Vertreter und Vertreterinnen haben die Dörfer geschickt, zusammen wollen sie beraten, wie die Gottesdienstangebote in ihren Kirchen und Kapellen aussehen – jetzt und in Zukunft. Dabei kommen auch viele Probleme auf den Tisch: „Uns fehlen die Jugendlichen!“ – „Wie vermitteln wir, dass nicht mehr alles im eigenen Dorf stattfinden kann? Die Leute sind nicht bereit, für einen Gottesdienst in die Nachbarpfarrei zu fahren!“

© Christina BrunnerDie Gemeinderatsmitglieder nicken, das Problem kennen alle: Die Wege zwischen den Dörfern sind weit, auch mental. „Pfarreiengemeinschaft ist ja schön und gut, aber manchmal geht es schneller, nach Bitburg zum Gottesdienst zu fahren als durch die Eifel zu kurven, um eine Kirche der Pfarreiengemeinschaft zu suchen, wo gerade eine Messe stattfindet!“
Immer wieder kommt die Sorge vor Überforderung auf den Tisch, auch in Rittersdorf sind es wenige, die sich engagieren. Und die fürchten sich davor, allein das kirchliche Leben in ihren Dörfern aufrechterhalten zu müssen.

Das Pfarreiteam diskutiert engagiert mit. Denn für Pfarrer Berthold Fochs ist klar: Die Rolle des Pfarrers wird ebenfalls anders werden müssen. „Wir möchten auch gern zu den Wort-Gottes-Feiern kommen und einen Gottesdienst erleben, ohne immer selbstverständlich Vorsteher zu sein. Wir sind auch Christen – mit euch in der Bank! Wenn der Pfarrer da ist, ist nicht automatisch Messe!“
Veit Engst, der Vorsitzende des Rates, findet das gut. Er möchte die Laien stärken und weiß, wie viel Kraft in den Leuten vor Ort steckt. Deswegen sollten sie auch ihren Teil zur Seelsorge beitragen können. „Wir Laien können die Leute ganz anders ansprechen. Ich bin Arzt, und natürlich gebe ich auch in meiner Praxis Zeugnis als Christ. Aus dem Beruf des Einzelnen ergeben sich ganz andere Zugänge zu den Menschen.“

Ein trockener Alkoholiker, eine ehemalige Lehrerin, eine PTA in der örtlichen Apotheke, eine stadtgottes-Förderin – Pfarrer Fochs ist froh um so viel geballte Kompetenz in seiner Pfarrei, die er „fordern und fördern“ will. „Wir müssen als Kirche zukunftsfähig werden! Früher war klar: Für die Traditionen im dörflichen Leben waren Pfarrer und Kirche da. Das schaffen wir als Priester heute nicht mehr. Die Breite der Pastoral vor Ort können wir nur garantieren durch Christen, die sich mit ihrer Zeit und ihren Stärken engagieren.“ Und lächelt: „Es gibt viele, die bereit sind, sie wissen es nur noch nicht!“

Frank Kilian macht sich angesichts von so viel Schwung und Optimismus wenig Sorgen um die Gemeinde Rittersdorf. Seine Arbeit als Gemeindeberater ist hier gut zu Ende gegangen. „Ich will, dass die Leute zu ihrem Mut kommen. Dass sie sich lösen vom Bisherigen, die Dinge reflektieren und ihr Anliegen umsetzen. Dazu brauchen sie manchmal Anstöße, Impulse von außen. Aber die Energie kommt von innen!“

Ganz zum Schluss wird es noch mal turbulent im Gemeinderat von Rittersdorf, denn was noch auf sie zukommt, ist manchen unheimlich. Das Bistum Trier legt ab 2020 alle seine Pfarreien zu Großgemeinden zusammen. Rittersdorf wird bald Teil der Pfarrei Bitburg: 41 600 Katholiken auf 618 Quadratkilometern. Die Gemeinderäte fühlen sich entmachtet, die Finanzen sind unklar. Müssen Kapellenvereine her, die die Kirchenräume sichern, und „Kümmerer“, die der Pfarrer sich wünscht, damit die Orte nicht veröden? Wie viel zusätzliche Last bringt das für die Ehrenamtlichen?

Kommt aber das Schlimmste für Rittersdorf vielleicht doch noch? Frank Kilian hat einen letzten Rat für den Rat: „Zu klären: Wer bestimmt was und wo engagiere ich mich – das setzt Kräfte frei!“ Und geht mit einem Lächeln durch die Tür: „Fest steht jedenfalls: Es wird turbulent!“

Christina Brunner

Juni 2019

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

In der Hostienbäckerei der Steyler Missionare in Mödling werden pro Monat 400.000 Hostien produziert. Wir waren zu Besuch in der Backstube

[weiter...]

Der Schauspieler Wanja Mues hat bei seinem Vater eine ablehnende Haltung zum Glauben erlebt. Dennoch bekennt sich der 45-jährige zum christlichen...

[weiter...]