Das Gespräch

Schämen Sie sich für die Missbrauchsfälle, Herr Bischof?

1670 Kleriker, die 3677 Opfer missbraucht hatten: Die Zahlen der großen Missbrauchsstudie, die letzten Herbst veröffentlicht wurde, sind erschreckend. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. stadtgottes-Redakteurin Christina Brunner fragte Felix Genn, Bischof von Münster, was die Kirche jetzt tun muss

Bischof Felix Genn sagt: "Ich bin zutiefst erschüttert darüber, was Priester jungen Menschen angetan haben!"

„Ich kann der Kirche nicht mehr glauben!“, schrieb uns eine Leserin. „Seit vielen Jahren ist das Problem des Missbrauchs schon bekannt. Ich hab‘ kein Vertrauen mehr, dass sich wirklich etwas ändert.“  Verlorenes Vertrauen – das ist ja eigentlich der Super-GAU für die Kirche, oder?

Da haben Sie recht. Und ich kann die Menschen verstehen, wenn sie angesichts der Wucht der Ereignisse resignieren. Ich kann dieser Leserin nur meinerseits versichern: Sobald mir etwas bekannt wurde, bin ich den Vorwürfen nachgegangen. Es stimmt nicht, dass das alles nicht bearbeitet worden ist.

Ein Leser schrieb uns: Ich schaue heute ganz anders auf unsere Vergangenheit, wo noch viele Priester da waren, viele Kinder, die ganz still in der Bank saßen. Das sah alles so schön aus. War denn alles Lüge?

Wenn wir nur die Zahlen anschauen, ergibt sich ein differenziertes Bild. Jeder „Fall“ ist einer zu viel. Wir müssen aber auch schauen, wie viele Priester sich redlich bemühen und sich nichts zuschulden kommen lassen. Ihr Leser kann ja in einer Gemeinde groß geworden sein, wo so etwas überhaupt nicht passiert ist!

Aber da, wo es passiert ist, ist es verheerend. Es ist verletzend, und die Wunden sind offen. Ein massiver Glaubwürdigkeitsverlust ist mehr als verständlich, wobei es mir wichtig ist zu betonen: Es geht bei all dem jetzt nicht in erster Linie darum, dass Kirche Glaubwürdigkeit wiedergewinnt. Es geht vielmehr um die Betroffenen: Sie haben das Recht auf eine möglichst lückenlose Aufarbeitung der Vergangenheit und darauf, dass wir alles tun, sexuellen Missbrauch in der Kirche künftig möglichst zu verhindern.

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im letzten Jahr wieder stark gestiegen. 24 Prozent mehr in Essen und Köln, in Bayern 25 Prozent mehr als 2017. Das Problem Missbrauch ist seit fast 20 Jahren öffentlich. Kommt der Frust jetzt erst richtig hoch?

© Pascal Amos RestOder er setzt sich fort. Wir sehen die Entwicklung leider schon länger. Kirchenaustritte haben verschiedene Ursachen. Natürlich ist die Emotionalität, mit der zu Recht über das Thema des sexuellen Missbrauchs gesprochen und auch von den Medien berichtet wird, ein Faktor, der dazu führt, dass Leute sich abwenden. Ich kann das – wie gesagt – verstehen. Ich möchte auch in keiner Weise auf die Medien schimpfen, denn ohne sie wäre vieles gar nicht in der Öffentlichkeit zur Sprache gekommen. Das hat auch zur Folge, dass wir das Thema innergesellschaftlich breiter diskutieren als nur im Raum der Kirche.

„Ich schäme mich!“, hat Kardinal Marx bei der Vorstellung der Missbrauchsstudie gesagt. Schämen Sie sich auch?

Ich habe das in den zurückliegenden Jahren öfter zum Ausdruck gebracht. Bei den Betroffenen – Opfer möchte ich sie nicht nennen, weil sie selber das oft nicht wollen – habe ich allerdings auch gehört: Herr Bischof, lassen Sie das jetzt. Ich möchte nicht dauernd von Ihnen hören, dass Sie sich schämen. Erstens: weil Sie gar nicht unmittelbar verantwortlich sind und zweitens: weil es mir überhaupt nicht hilft. 

Mehr als beschämt bin ich erschüttert. Ich bin zutiefst erschüttert über das, was Priester jungen Menschen angetan haben, und auch, weil meine Vorstellung vom Priestersein durch diese Untaten massiv auf die Probe gestellt wurde. Ich hatte andere Vorstellungen von meinen Mitbrüdern!

21 Jahre lang habe ich selbst in der Priesterausbildung gearbeitet und dabei immer auch über die Themen Sexualität und Zölibat gesprochen – in immer größerer Offenheit, je älter ich wurde: Wie kann ich die zölibatäre Lebensform gut leben? Die Frage habe ich mir auch selbst immer wieder gestellt, weil ich mich auch immer wieder neu damit auseinander-setzen muss. Man bleibt ja Mensch, Sexualität gehört zu uns. 

Die meisten Untaten sexuellen Missbrauchs geschahen in einer Zeit, in der in der Seminarausbildung das Thema Sexualität eher tabuisiert wurde. Man hat weniger darüber gesprochen. 

Und das geht nicht! Es muss die Möglichkeit geben, in einem diskreten Raum Probleme oder sexuelle Orientierungen anzusprechen. Das muss man sicher erst lernen auszusprechen, weil es mit viel Scham verbunden ist. Aber nur dann kommt Luft dran, und dann kann man es bearbeiten. Aber wenn man das nicht bearbeiten kann, kann es sich verheerend auswirken. 

Pater Klaus Mertes, der 2002 als Erster in Deutschland das Thema Missbrauch öffentlich gemacht hat, warnt auch vor spirituellem Missbrauch. Wenn davon die Rede ist, man müsse „Jugendliche kriegen“ (mit welchen Mitteln auch immer), dann sei das schon übergriffig.

Sprachwissenschaftlich hängt das Wort „kriegen“ mit Krieg zusammen. Ich möchte überhaupt niemanden kriegen! Ich möchte einladen, ein Angebot machen, sagen, was mir kostbar ist. Ich kann das meinerseits nur vorleben und vorzeigen und vielleicht erklären. Als Seelsorger habe ich von daher immer wenig geraten, sondern vielmehr darauf gehört, was im anderen aufklingt. 

Selbst wenn ich meine: „Er wäre ein guter Priester“, darf ich doch als Begleiter nie sagen: Sie sollten es machen! Ich muss hören, was in einem Menschen an Fragen, aber auch an Bestätigung lebt. Jede seelsorgliche Begleitung ist mit höchster Sensibilität auszuüben, weil auch in ihr immer das Phänomen der Macht vorhanden ist. In diesem sensiblen Bereich können die Gewissen von Menschen bis hin zur Vergewaltigung verführt werden – im Anschein des Guten. „Ich meine es doch gut mit dir!“ Da ist viel gesündigt worden, und da wird wahrscheinlich weiterhin gesündigt. 

Manche unterstellen den Opfern sogar, sie wollten der Kirche schaden oder sich bereichern („Die muss ihr Buch verkaufen“).

Das halte ich für Unsinn! So darf mit geschehenem Leid von Betroffenen nicht umgegangen werden. Es gibt Menschen, die zu Unrecht anklagen und damit das Leben anderer zerstören; das habe ich auch erlebt. Aber das ist ein minimaler Prozentsatz. Das, was gesagt wurde und wird, hat nahezu immer eine Basis in der Wirklichkeit. 

© Pascal Amos RestPater Hans Zollner, der in der päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen mitarbeitet, fordert eine theologische Auseinandersetzung: Was will Gott uns mit diesem Skandal sagen?

Auch mich bewegen viele theologische Fragen. Wir meinen, wenn wir alles getan haben – rechtlich, aktenmäßig, im Gesprächsprozess –, dass  wir dann auch wieder gut dastehen. Wollen wir uns nicht doch wieder selbst retten? Können wir auch die Ohnmacht aushalten, die mit all dem verbunden ist? Ist es nicht auch unsere Aufgabe, das Kreuz derer mitzutragen, die einfach aufgrund der schweren Verwundungen nicht fähig sind zu vergeben?

Die Bischofskonferenz will einen synodalen Weg einschlagen. Wie kann der aussehen?

Es ist ein Weg des offenen Austausches mit ausgewählten, auch sich kritisch gegenüberstehenden Personen, die sich Gedanken machen über einzelne Themen. Nehmen wir das Feld der priesterlichen Lebensform, das in meinen Zuständigkeitsbereich fällt. Das ist nicht nur eine Frage des Zölibates und der „viri probati“ („bewährte Männer“, die als Verheiratete zum Priesteramt beauftragt werden könnten, Anm. d. Red.), sondern: Wie leben wir als Priester? Wie verstehen wir unseren Dienst? Was heißt das für den Umgang mit Macht? Bedeutet es eine Identitätskrise für einen Priester, wenn Macht und Kompetenzen abgegeben werden? Als Bischof gebe ich in diesem Prozess nicht die Themen vor, sondern will hören: Was denkt ihr darüber?

Zölibat, Frauenpriestertum – im Rahmen des synodalen Weges werden diese Themen wiederkommen. Sie lösen das Problem Missbrauch zwar nicht. Aber muss man die Gruppe der potentiellen Kandidaten nicht größer machen, damit viele gute Leute überhaupt kommen können?

Ich denke, wir müssen vielmehr das Bewusstsein schaffen: Brauchen wir überhaupt Priester? Wofür brauchen wir sie? Wie viele Priester brauchen wir in einer Kirche, die wie in Deutschland zahlenmäßig geringer wird?

Und wir müssen aufmerksam werden für die, die daran denken, Priester zu werden, aber Angst haben, sich zu „outen“. Es gibt diese jungen Männer. Aber in unserem aktuellen  Klima trauen sich nur wenige.

Und auch bei dieser Frage sollten wir den Blick weltkirchlich weiten. In anderen Ländern bräuchten die Gemeinden, wenn wir unsere Maßstäbe anlegen, noch viel mehr Priester als wir. Eine solche Frage muss man in einem synodalen Prozess bis zum Ende durchdiskutieren.

Der Papst spricht von „Wir“. „Wir haben nicht auf der Seite der Kleinen gestanden ...“ Als Mitglieder der Kirche sind wir auf der Täterseite. Wir werden identifiziert mit der Institution. „Wie kannst du zu so einem Laden noch gehören wollen?“ Müssen wir uns neu entscheiden?

Ja! Und ich finde das gut. Viele sind früher einfach Christ oder Christin geworden, ohne wirklich ernsthaft gefragt zu werden oder auch sich selbst zu fragen, ob sie das wirklich wollen. Wenn ich an die Menschen in meiner Heimatgemeinde denke und, um es einmal salopp zu formulieren: Denen blieb  gar nichts anderes übrig, als katholisch zu sein. Das ist vorbei, und das ist gut. 

Manchmal diskutiere ich mit jungen Paaren, die mir sagen: Meine Kinder sollen sich später selbst entscheiden. Ich hab‘ da meine Fragezeichen. Denn in anderen Bereichen geben Eltern  auch weiter, was ihnen wichtig ist. Daher sage ich: Wenn Ihnen der Glaube an Jesus kostbar ist und Sie wollen Ihr Kind darin erziehen, dann tun Sie es. Allerdings bedenken Sie: Sie können dem Kind alles mitgeben, was es für Glaube und Kirche braucht, aber Sie können ihm nicht abnehmen, dass es eines Tages „Ja“ oder „Nein“ sagt. Und Sie selbst bleiben nur Christin und Christ, wenn Sie ein eventuelles „Nein“ ihrer Kinder weiter mit Ihrer Liebe umfangen. Sie sollten dann nicht sagen: „Solange du die Füße unter unsern Tisch stellst ...“ Einen solchen Druck gab es früher auch. Christsein ist eine Entscheidung. Und: Dass wir uns selbst entscheiden dürfen, ist etwas sehr Kostbares.   

Das gesamte Gespräch lesen Sie in unserer Sommerausgabe. Bestellen Sie hier ein kostenloses Probeheft.

Christina Brunner

Juli 2019

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Zur Person

Felix Genn wurde 1950 in Burgbrohl (Rheinland-Pfalz) geboren. Nach seinem Theologiestudium in Trier und Regensburg folgte 1976 die Priesterweihe in Trier, wo er 1999 auch das Amt des Weihbischofs antrat. In seiner sechsjährigen Amtszeit als Bischof des Bistums Essen stellte er 2005 ein Zukunfts-konzept vor, dass Kirchenschließungen und die Reduzierung von Pfarreien zur Folge hatte. Seit 2009 ist Genn Bischof von Münster. Im September 2018 meldete das Bistum, zwischen 1946 und 2015 seien laut Akten 138 Kleriker der Diözese Münster des Missbrauchs beschuldigt worden, 450 Betroffene seien bekannt.