Interview

"Schreiben ist für mich eine Art Parallelwelt"

Mit der Schriftstellerin Juli Zeh sprachen wir über ihren neuen Roman „Unterleuten“, was ihr Heimat bedeutet, welche Werte ihr wichtig sind und wie sie mit Konflikten umgeht. 

In Ihrem neuen Roman „Unterleuten“, der in einem beschaulichen Dorf irgendwo in Brandenburg spielt, leuchten Sie die menschlichen Abgründe in dieser Idylle aus. Dort haben Sie zuvor in Ihrer Fantasie fast zehn Jahre gelebt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Schreiben ist für mich eine Art Parallelwelt, in die ich schon seit Kindertagen abtauche. Bei Unterleuten war es einfach besonders intensiv, da mich der Text so stark gefangen genommen hat. Ich war weniger Autorin als auch irgendwie Gast, hatte mehr das Gefühl, es zu erleben als zu erfinden. Streckenweise hatte ich den Eindruck, der Text schreibt sich von selbst.

Es ist Ihr erster Gesellschaftsroman. Aus welcher Absicht heraus haben Sie ihn geschrieben?

Unterleuten ist für mich der Versuch, eine gesellschaftliche Situation abzubilden. Mir geht es ganz stark um die Phänomene der Leistungsgesellschaft. Wie entwickeln sich Menschen, wenn sie gezwungen sind, immer Erfolg zu haben, immer effizient zu sein, wenn sie Angst haben zu versagen? Wie wirkt sich das auf das Miteinander aus? 

Ist das aus Ihrer Sicht ein generelles Problem unserer Zeit?

Ich glaube, dass der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist, das auf Kooperation angelegt ist. Eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung verlangt jedoch bestimmte Kompetenzen, gesprochen wird von Teamwork und Kommunikation, letztendlich ist jedoch alles auf Effizienzsteigerung, auf Optimierung und Verbesserung von Resultaten ausgerichtet. Alles wird bewertet. Das beginnt im Kindergarten und endet nicht, bevor man nicht wirklich unter der Erde ist. Ein Grund, warum viele sich nicht gut fühlen in unserem Land, obwohl es uns eigentlich allen ziemlich gut geht. 

Sie schreiben vom großen Ausverkauf der Werte. Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Mir sind Loyalität, Verlässlichkeit und Empathie sehr wichtig. Alles, was Menschen das Zusammenleben nicht nur ermöglicht, sondern auch möglichst angenehm macht.

Sie selbst sind von der Großstadt Leipzig in ein 300-Seelen-Dorf in Brandenburg gezogen. Wie haben Sie diese extreme Veränderung erlebt? 

Ich habe tatsächlich unterschätzt, wie wichtig Infrastruktur ist. Wenn man in der Stadt lebt, ist das alles selbstverständlich, man macht sich gar keine Gedanken. Was wir am meisten vermissen, ist die medizinische Versorgung. Bis zum nächsten Krankenhaus fahren wir 45 Minuten. Was das in einem Notfall bedeutet, vor allem mit kleinen Kindern, darüber darf man gar nicht nachdenken.

Was haben Sie auf dem Dorf als besonders positiv erfahren?

Die Art, wie die Menschen dort miteinander leben, kenne ich so nicht aus der Stadt. Es herrscht eine große Hilfsbereitschaft, die Menschen teilen unheimlich viel. Sie warten nicht, bis man um Hilfe bittet, sondern stehen immer schon vorher da und bieten ihre Hilfe an. Zu Anfang mussten wir an uns selbst arbeiten, um da mithalten zu können. 

Was bedeutet Heimat für Sie? 

Bevor ich auf dieses Dorf gezogen bin, habe ich mich nirgendwo so richtig zu Hause gefühlt. So langsam entwickle ich ein Verständnis dafür, was Heimat sein könnte, dass es sehr stark um Bindungen zu Menschen geht. Bindungen über viele Jahre hinweg, das vermisse ich tatsächlich. Ich erlebe das nun für, durch und mit meinen Kindern. Ich versuche, meinen Kindern ein Heimatgefühl zu geben.

Sie haben den Roman geschrieben, um Antworten auf bestimmte Fragen zu erhalten. Ist Ihnen das gelungen?

Wenn auch ein Gefühl, ein Bild, eine Stimmung eine Antwort sein kann, dann ja. Es ist die Geschichte von vielen persönlichen Erfahrungen des Scheiterns. Am Ende stimmt mich das Buch irgendwie versöhnlich, weil es sich der Menschen liebevoll annimmt. Ich liebe alle diese Figuren, auch wenn sie defizitär, unvollständig und zum Teil wirklich keine Herzchen sind. Dennoch sind es Menschen, die im Grunde alle etwas Gutes wollen. Das ist eben das Wesen von Tragik: Eigentlich will man nichts Böses, aber am Ende passiert es dann doch. 

Wie erklären Sie sich das?

Jeder Mensch ist ein Universum, lebt in seiner eigenen Welt. Es fällt uns ungeheuer schwer, uns vorzustellen, dass andere Menschen die Welt anders sehen als wir. Das wissen wir zwar abstrakt, können es uns aber nicht wirklich vorstellen. Innerhalb jedes „Ein-Mensch-Kosmos“ herrscht Logik und Gerechtigkeit und guter Wille, aber von außen betrachtet will man sagen: Spinnst du eigentlich! Der Roman ist der Versuch zu zeigen, wie „das Böse“ entsteht. Wir glauben ja oft, dass Böses bewusst angestrebt wird. Jemand will Böses und tut Böses. Wenn man jedoch genauer hinschaut, ist es eben oft gar nicht so. Es sind lauter Leute, die glauben, im Recht zu sein. Wir sind nicht total empathiefähig, können nur versuchen zu verstehen, was andere denken. Wir stehen uns als eine riesige Ansammlung von Fragezeichen gegenüber. Das ist der Grund, warum Unterleuten als Erkenntnisquelle funktionieren kann: Was wir im Kleinen nicht können, können wir auch nicht im Großen. Das sind Spiegelungen zwischen dem Mikrokosmos, in dem wir leben, und dem, was wir Gesellschaft und Politik nennen. 

Wie gehen Sie mit Konflikten um?

Ich bin extrem konfliktscheu und sehr harmoniebedürftig, was ich nicht unbedingt als eine positive Eigenschaft benennen würde. Ich mag es nicht, wenn gestritten wird und versuche immer, sofort den Kompromiss zu finden. 

An was glauben Sie? 

Ich glaube an ganz viel, zumal ich von dem Begriff des Wissens nicht so wahnsinnig viel halte. Ich halte den Menschen nicht für objektiv erkenntnisfähig. Wir glauben sehr stark, dass die Wissenschaft eine objektive Erkenntnismöglichkeit hat, vergessen dabei aber, dass in der Wissenschaftsgeschichte die Erkenntnisse auch immer wieder über den Haufen geworfen worden sind, von der nächsten Theorie und der nächsten Erkenntnis. Deswegen ist der Begriff Wissen für mich nur ein anderes Wort für Glauben. Wir müssen an das, was wir zu wissen meinen, einfach glauben, sonst wären wir überhaupt nicht lebensfähig. So gesehen bin ich höchst gläubig, weil ich einfach vieles für gegeben halte. 

Melanie Fox

Juli 2016

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Zur Person

Juli Zeh, 42, die promovierte Juristin ist eine der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen. Ihre Romane, Essays und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet. Ihr Debütroman „Adler und Engel“ wurde in 35 Sprachen übersetzt. Mit ihrem Mann und den zwei Kindern lebt sie in Brandenburg.