Steyler Welt

Schwere Last

Die Armut treibt junge Mädchen aus dem Norden Ghanas in die Hauptstadt Accra. Auf dem Markt finden sie Arbeit und werden gnadenlos ausgenutzt. Die Steyler Schwester Angelina versucht, ihnen zu helfen

Sr. Angelina Gerharz SSpS engagiert sich seit rund zehn Jahren für die Trägermädchen.

Asana ist seit viertel vor fünf auf den Beinen. Sie ist zum Rand des Marktes in Accra gerannt, wo die Lastwagen ankommen. Dutzende Mädchen drängen sich mit ihren Blechschüsseln um die Ladefläche: Gib mir Melonen, ich trage sie! Asana hat Pech – andere sind schneller und stärker als sie. Den ganzen Tag läuft sie durch den überfüllten Markt, hofft, dass jemand sie braucht. „Meine Freunde haben mich aus meinem Dorf geholt und mir versprochen, dass ich hier Arbeit finde. Aber manchmal sitze ich stundenlang unter diesem Baum und schlafe, weil mich niemand ruft.“ Asana fühlt sich verraten.

Sie ist eine von vielen Kayayei. Das Wort bedeutet „Lastenträgerinnen“. Mit großen Blechschüsseln auf dem Kopf transportieren sie durch das Gewühle zwischen den Marktständen, was immer man ihnen auflädt. Bis zu 30 Kilo drücken an manchen Tagen auf Asanas Kopf. Das sind gute Tage. Sie bringen Geld. 10 Euro am Tag sind ein Spitzenverdienst. Manchmal hat sie nicht mal 20 Cent für eine Flasche Wasser.

Auch die Steyler Schwester Angelina Gerharz lässt sich von Mädchen wie Fatima und Asana beim Einkaufen helfen. „Es ist eine Gelegenheit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, leider manchmal nur mit Gebärden, denn sie sprechen meist nur ihre einheimische Sprache aus dem Norden.“

©SVDEine engagierte Steyler Schwester

Die 77-Jährige aus Bad Kreuznach, die seit mehr als 50 Jahren in Ghana lebt, war überrascht, als sie zum ersten Mal zum Markt von Accra ging und dort die ersten Kayayei sah: „Es gab Frauen mit Kindern auf dem Rücken, sehr viele junge Mädchen und Kinder, alle bei der Kaya-Arbeit. Es ist die einzige Chance zum Geldverdienen für ungelernte Kräfte.“

Schwester Angelina  arbeitet in der Schulseelsorge in den abgelegenen Dörfern im Norden Ghanas, leitete eine Schule und ein Internat. Doch die Trägermädchen vom Markt berührten ihr Herz: „Sie leben unbeachtet, oft verachtet, beschimpft und ausgebeutet in unserer Nachbarschaft, in unserer Pfarrei. Man schaut auf diese niederen Menschen herab. Aber in jeder steckt eine Geschichte und ein Geheimnis!“ Sie kommen aus dem verarmten Norden des Landes, wo es keine Arbeit gibt.

Verachtet und ausgebeutet

Die Trägerinnen werden gnadenlos ausgebeutet und schlecht bezahlt. Wenn sie Pech haben, bekommen sie nicht mal das Ausgemachte. Denn einen Vertrag gibt es nicht, und wer sich beschwert, bekommt gar nichts. „Für manche schleppst du Berge von Zeug von einem Markt zu anderen und dann geben sie dir nicht mal 40 Cent“, erzählt Asanas Freundin Mariama.

„Manchmal wird man mutlos“, gibt Schwester Angelina zu. Denn den Kayayei zu helfen, ist nicht einfach. Sie müssen Geld verdienen; der Druck, der auf ihnen lastet, ist enorm. Mitten auf dem Markt hat Schwester Angelina ein Refugium für die ausgebeuteten Mädchen geschaffen: „Positive Action for Porter Girls“. Hier gibt es Gesundheitsberatung und Hilfe für den Schulbesuch oder die Lehrstellensuche. Vor allem die jüngeren Mädchen sollen lesen, schreiben und rechnen lernen. „Es ist ein wichtiger Schutz vor Ausbeutung, wenn man sich selbst informieren kann und nicht alles glauben muss, was andere sagen!“, sagt Schwester Angelina energisch.

Schwester Angelina träumt von einem Haus für die Trägerinnen, die sie „meine Schwestern“ nennt. Seit drei Jahren kämpft sie darum, einen Bauplatz für ein Haus in der überfüllten Millionenstadt zu finden, wo die Mädchen wohnen können, wo sie lernen dürfen, medizinische Hilfe und einen sicheren Platz für ihre Babys finden. „Es tut ihnen gut, wenn man sie respektiert und sie wie Menschen behandelt. Und mir geben ihr freundlicher Gruß und ihr dankbares Lächeln neue Kraft!“

Die gesamte Geschichte lesen Sie hier.

Christina Brunner

September 2020

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Zur Person

Schwester Angelina Gerharz SSpS geboren 1943 in Bad Kreuznach, trat 1962 bei den Missionsschwestern in Steyl ein. Seit 1968 lebt und arbeitet sie in Ghana. Für die Trägermädchen in der Hauptstadt Accra engagiert sie sich seit zehn Jahren.