Das Gespräch

"Sei kritisch mit deinen eigenen Gedanken"

Krieg und Frieden, Politik und der Papst – das sind die Themenschwerpunkte des Schweizer Historikers Dr. Daniele Ganser. stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner traf ihn zum Gespräch

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die jetzige Politik Donald Trumps im internationalen Geschäft?
Donald Trump ist für mich sehr undurchsichtig. Man weiß nie, was er am nächsten Tag macht. Ich persönlich halte ihn für einen Kriegsverbrecher und sage das auch in meinen Vorträgen. Denn auch er hat mit seinen verbalen Drohungen und der Bombardierung von Syrien gegen Artikel 2 der UN-Charta verstoßen. Auch Präsident Obama hat Syrien ohne UNO Mandat bombardiert. Auch er ist für mich ein Kriegsverbrecher. Und Präsident Bush hat den Irak 2003 ohne UNO Mandat angegriffen. Nochmals ein Kriegsverbrecher.

Auffällig ist, dass Sie eigentlich Ihren Fokus immer auf die USA legen.
Auch der Einmarsch von China in Tibet 1950 war meiner Meinung nach illegal. Genauso der Einmarsch der Russen 1979 in Afghanistan. Aber es ist schon so, dass ich meine Blicke stark auf das US-Imperium richte. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Ich habe Englisch studiert. Aber ich kann kein Chinesisch oder Russisch. Ich weiß über diese Länder viel zu wenig und kann die Originaldokumente nicht lesen. Aber seien wir auch ehrlich, vor dieser Sprach- und Wissensbarriere stehen wir alle. Für Historiker aber ist es unerlässlich, die Quellen im Original zu lesen – nicht in einer Übersetzung. Daher arbeite ich zu den USA. Denn die USA sind derzeit das Imperium, also das mächtigste Land. Vergleichbar mit dem Römischen Reich vor gut 2000 Jahren, dem spanischen Imperium aus dem 16. Jahrhundert oder dem britischen im 19. Jahrhundert.

Woran machen Sie das fest?
Ein Imperium ist die größte militärische und wirtschaftliche Macht innerhalb einer Epoche. Wenn wir uns das Bruttoinlandsprodukt der USA ansehen, liegt die USA noch weit vor China auf Platz 1. Zudem ist der Dollar die Weltwährung schlechthin, was zusätzlich ein immenses Machtpotential darstellt. Auch militärisch beherrschen die USA die Welt. Das sehen wir deutlich bei den atomar angetriebenen Flugzeugträgern. Das Land besitzt zehn, die anderen vermeintlichen Großmächte jeweils einen.

Dann die Militärausgaben. Für das kommende Jahr 2019 hat Präsident Trump ein Militärbudget von 716 Milliarden Dollar durchgesetzt. Das ist verrückt. China, weit abgeschlagen, plant mit rund 200 Milliarden Dollar. Russland weniger als 100 Milliarden.

Schon diese Zahlen machen die Kluft deutlich. Nicht zu vergessen, auch bei den Waffenexporten liegt Amerika weit vorn auf Platz 1, der Marktanteil beträgt weit über 30 Prozent. Die USA besitzen zudem mehr als 700 Militärstützpunkte in der Welt. Der bekannteste ist Guantanamo auf Kuba. Aber auch in Deutschland sind 35.000 US Soldaten stationiert. Die USA haben das UNO-Gewaltverbot immer wieder gebrochen.

Und die Rolle der Geheimdienste? 
Ja, wir dürfen auch die Geheimdienste nicht außer Acht lassen, die immer wieder im Hintergrund Einfluss auf Ereignisse in anderen Ländern genommen haben. Nicht nur in den USA. Sondern zum Beispiel auch in Italien. Während meiner Studien zu Geostrategien, habe ich viel zu Italien und der Operation „Gladio“ gearbeitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Amerikaner große Sorge, dass die Kommunisten an die Macht kommen würden. Dank einer für damalige Verhältnisse unvergleichlichen CIA-Kampagne wurde dies verhindert. Die Amerikaner entwickelten die „Strategia della Tensione“  (Strategie der Spannung)…

Erzählen Sie mehr.
Gern! 1984 begann der venezianische Untersuchungsrichter Felice Casson ein nicht aufgeklärtes Bombenattentat von 1972 zu untersuchen. Damals untersuchten fünf Carabinieri nahe der Ortschaft Peteano einen an einer Landstraße abgestellten Fiat 500. Als sie den Kofferraum öffneten, wurden drei von ihnen durch eine dadurch ausgelöste Bombe getötet. Für den Anschlag wurden Terroristen der linksextremen „Roten Brigade“ verantwortlich gemacht. Die Täter konnten aber nicht ermittelt werden. Casson entdeckte zahlreiche Unstimmigkeiten in den Ermittlungsakten. Ungereimtheiten, die auf gezielte Manipulationen und ganz gezieltes Fälschen von Beweisen hinwiesen. Schließlich führten ihn seine Ermittlungen auf die Spur des eigentlichen Täters. Es war ein Rechtsextremer, namens Vincenzo Vinciguerra. Er legte ein umfangreiches, ziemlich erschreckendes Geständnis ab.

Was sagte er aus?
Er gab zu, dass er von einflussreichen Personen aus dem Staatsapparat gedeckt worden sei. Damit nicht genug: Vinciguerra gestand, dass das Attentat auf die Carabinieri Teil einer umfassenden Strategie gewesen sei. Diese nannte Casson später Strategie der Spannung. Im weiteren Verlauf seiner Ermittlungen und Recherchen in den Geheimakten des militärischen Geheimdienstes SISMI deckte der umtriebige Untersuchungsrichter auf, dass eine geheime, komplexe Struktur innerhalb des italienischen Staates existierte.  Casson bewies, dass Mitglieder des SISMI, Neofaschisten sowie Teile des von NATO und CIA organisierten Gladio-Netzwerks bis in die 1980er Jahre zahlreiche, politisch motivierte Terroranschläge und Morde in Italien begangen hatten. Dabei hatte ein ausgeklügeltes Netzwerk durch Verbreitung von Fake-News und Fälschung von Beweisen dafür gesorgt, dass alle diese Verbrechen linksextremen Terroristen zugeordnet wurden. Hauptsächlich von den Roten Brigaden. Diese Vorgehensweise zielte auf die bewusste Diskreditierung der in Italien schon immer stark gewesenen Kommunistischen Partei (KPI). Einziges Ziel: Deren Regierungsbeteiligung mit allen Mitteln zu verhindern. Dies gelang. Die Kommunisten waren in Italien zwar stark im Parlament, aber nie in der Exekutive.

Geben Sie noch ein Beispiel.
Sie erinnern sich an die Kubakrise 1962. Auch dazu habe ich als junger Student in der Schweiz geforscht. Ich habe gedacht, es geht ja gar nicht, dass die Amerikaner vor ihrer Haustür so bedroht werden von den Russen. Ich war fest davon überzeugt, nicht zuletzt daher, weil auch ich ein Kind des Kalten Krieges war. Die Russen sind unberechenbar, ganz besonders Chruschtschow. Das sind böse Menschen, die mit ihren Raketen die Welt vernichten wollen. So hieß es immer und das habe ich geglaubt.

Später dann, ich war so um die 25, habe ich mich während meines Studiums in Basel wieder mit der Kubakrise beschäftigt. Ich habe viel Zeit investiert und ganz verschiedene Quellen studiert und musste erfahren: Die Amerikaner hatten vorher atomare Jupiter-Raketen in der Türkei stationiert und in Kuba versucht Fidel Castro zu stürzen. Völlig illegal. Nur wusste ich lange nichts davon. Da wurde mir klar, dass sowohl in der Schweiz als auch in Westdeutschland oder Österreich  immer ein proamerikanisches und antirussisches Bild geprägt wurde.

Das war vor den beiden Weltkriegen aber eigentlich anders.
Wenn man zurückblickt, stimmt das. So gab es zum Beispiel enge deutsche Verbindungen ins Zarenreich. Aber, ich forsche über die Geschichte nach 1945. Und da ist es genau andersrum. In den Massenmedien heißt es immer: USA gut. Russland böse. Das ist die Propaganda des US-Imperiums, und die stellt die USA viel zu positiv dar. Das heißt aber nicht, dass ich alles gutheiße, was die Russen machen oder gemacht haben.

Auch das dürfen Sie erklären.
Die Gulags unter Stalin und die damalige Verfolgung und Ermordung von Millionen Russen. Untragbar. Oder die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings vor 50 Jahren. Bis heute nicht hinnehmbar. Oder die Invasion von Afghanistan 1979. Eindeutig ein illegaler Krieg, der durch nichts gerechtfertigt war. Aber...

...aber…?
… wenn wir uns die Zeit von 1945 bis heute anschauen und eine nüchterne Rechnung aufmachen. Dann kommen wir ganz schnell zu dem Ergebnis: Die US-Amerikaner haben mehr Länder bombardiert als irgendeine andere Nation. Das ist meine Kritik, die ich explizit an die US-Regierung und nicht an die Bevölkerung der USA richte. In den USA leben über 300 Millionen wunderbare Menschen, von denen ich während meiner USA-Reisen immer freundlich behandelt wurde.  Natürlich gibt es leider auch viele US-Amerikaner, die applaudieren und für jeden kriegerischen Einsatz  ohne UNO-Mandat eine Erklärung finden. Aber ein anderer Teil – vor allem sehr gut gebildete Menschen –  findet Folter und Kriege ohne UNO-Legitimation eben nicht gut und wehrt sich dagegen. Auch gegen die extreme, militärische Expansions- und Drohpolitik von Donald Trump. Auch in den USA gibt es eine Friedensbewegung, das darf man nicht vergessen.

Sie weisen 22 illegale Kriege nach, 13 beschreiben Sie ausführlich. Ist diese Ignoranz gegenüber der UN-Charta nicht irgendwie zu stoppen?
Schwer! Meiner Meinung nach sind wir in einem Prozess, bei dem immer offensichtlicher wird, dass die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates die Regeln missachten. Das ist, als ob bei einer Fußball-WM fünf Spieler auflaufen, die ständig Fouls begehen, aber nie die Rote Karte bekommen. Warum? Weil die Verantwortlichen für die WM fünf „Permanent Player“ festgelegt haben. Das ist weder im Sport noch bei der UNO zu akzeptieren. Die einstigen Siegermächte beherrschen die UNO und den Sicherheitsrat. Das ist tatsächlich nicht mehr zeitgemäß.

Also müssten doch die anderen 188 Länder ein Interesse an einer Veränderung haben...
Richtig. Die UNO ist eine Zweiklassengesellschaft mit Ober- und Unterschicht. Dazu gehören natürlich auch Deutschland, die Schweiz oder Österreich. Im Moment ist es in der UNO so, dass eine Reform zwingend nötig wäre, aber der Vorstand das nicht will.

Andererseits, 188 Länder mit den unterschiedlichsten geostrategischen und –politischen Interessen. Wie soll da eine Änderung durchgesetzt werden?  Ein Aufstand der anderen Länder scheitert mit Sicherheit an Interessenskonflikten. Der Sicherheitsrat ist blockiert von fünf Ländern, die im Interesse ihrer eigenen Nationen nicht gerade zimperlich mit Recht und Gesetz umgehen. Das ist bewiesen – durch den Vietnamkrieg, den Irankrieg und viele andere illegale – ich sage sogar – kriminelle Aktionen. 

Ihre Kritiker sprechen von Verschwörungstheorien...
... das weiß ich. Aber alles, was ich darlege, sind Fakten, schwierige Fakten, das stimmt. Wir haben schwere Missstände in der UNO und in der internationalen Politik, die wir korrigieren müssen. Nur, wo ist der Schlüssel dazu? Machen wir uns nichts vor: Die fünf Vetostaaten sind alle irgendwie in politische Verbrechen verwickelt, wenn man die UN-Charta als Maßstab nimmt. Die Amerikaner, die Briten und die Franzosen am meisten, die Russen und Chinesen weniger, das ist meine Analyse. Bei den Russen sind die offensichtlichen Beispiele die Invasion von Afghanistan 1979 oder der Prager Frühling 1968. Bei den Chinesen stufe ich vor allem die Besetzung von Tibet ab 1951 als illegal ein. Bei den Amerikanern reicht die Zeit nicht, um alle Kriege aufzuzählen.

Unabhängig von den Amerikanern, wir wissen ja gar nicht, was alles in Russland oder China passiert.
Was in den Ländern passiert, wissen oder erfahren wir oft nicht. Das ist richtig. Aber die internationalen Konflikte, die kennen wir. Bei meinen Forschungen betrachte ich 193 Staatsgrenzen und schaue, ob es hier widerrechtliche Verletzungen gibt. Wird hier internationales Recht gebrochen?  Es geht mir nicht um nationales Recht. Auch da passieren schreckliche Gräueltaten. Sie sind aber nicht Teil meiner Forschung. Und das vergessen meine Kritiker oft. In der UN-Charta heißt es, alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.

Auch wenn heute einige Völkerrechtler argumentieren, wenn schwere Verbrechen in anderen Ländern begangen werden, passt die sogenannte Verantwortung für Schutz (Responsibility to Protect) und deshalb dürfen Grenzen überschritten werden. Aber das führt uns ins Chaos, wenn wir die Landesgrenzen nicht mehr achten. Deshalb sage ich zum Beispiel immer wieder: Deutsche Soldaten sollten weder in Afghanistan noch in Syrien oder Mali sein, sondern in ihren Heimatkasernen. Die Freiheit wird am Hindukusch verteidigt – so ein Quatsch!

Das widerspricht aber den Bündnisverpflichtungen gegenüber der NATO.
Nein, jedes Land kann selber entscheiden, wann und wo es Krieg führt. Aber, wer hat bei der NATO den größten Einfluss? Die USA. Auch hier ist wieder Erinnerung gefragt: Als 1949 die NATO gegründet wurde hieß es, sie wird nur aktiv, wenn ein Bündnispartner angegriffen wird. Außerdem wollte sie nie außerhalb der NATO-Länder operieren. 1955 wurde Deutschland feierlich in die NATO aufgenommen. Und das, obwohl die NATO auch gegründet wurde, um sich vor einer möglichen erneuten Bedrohung durch Deutschland zu schützen. Nun ging es nur vorrangig nur noch um ein Bollwerk gegen den Kommunismus. Das hat mehr oder weniger gut geklappt.

Bis wann?
1989 mit dem Fall der Mauer änderte sich viel. Damals standen wir für einen Moment vor einem neuen Krieg. Wenn die Russen mit ihren Truppen in der ehemaligen DDR die Öffnung der Grenzen mit Gewalt verhindert hätten, wäre es wahrscheinlich zum Krieg gekommen. Zum Glück hat Michail Gorbatschow keine Eskalation gesucht.

Die Wiedervereinigung – von der ich ein großer Freund bin – ist wirklich ein wunderbar gelungenes Friedensprojekt. Darauf kann die Menschheitsfamilie stolz sein. Aber dann wurde 1990 der – für mich – entscheidende Fehler gemacht, Deutschland nicht als neutrales Land auf der Weltkarte zu positionieren. Stattdessen wurde das gesamte wiedervereinigte Deutschland in die NATO integriert. Auf Druck und ausdrücklichen Wunsch der US-Amerikaner. Dem hat sich Deutschland gebeugt. Vielleicht auch, weil es für sie geostrategisch interessant war.
Was damals niemand ahnen konnte, passierte. Deutschland zog wieder in den Krieg.

Serbien?
Genau. Jugoslawien, seit 1945 Mitglied der UNO, brach in den 1990er Jahren auseinander. Durch eine Reihe von kriegerischen Auseinandersetzungen, an denen auch die Geheimdienste beteiligt waren. Aber konzentrieren wir uns auf 1999: Am 24. März beginnt die NATO unter Führung der USA und des damaligen Präsidenten Bill Clinton ohne UNO-Mandat Serbien anzugreifen. Das war illegal. Auch Clinton daher ein Kriegsverbrecher. Mit dabei: Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Norwegen, Italien, Niederlande, Portugal, Belgien, Türkei, Spanien...

...und Deutschland...
... und Deutschland! Ein Land, das 50 Jahre kein anderes Land bombardiert hatte. Ein Land, in dem der edle Grundgedanke „Nie wieder Krieg“ in der Bevölkerung fest verankert war und der von allen politischen Parteien respektiert wurde.  Ausgerechnet unter einer rot-grünen Regierung mit dem grünen Außenminister Joschka Fischer und dem SPD-Verteidigungsminister Rudolf Scharping, zieht das Land in den Krieg.

Wohl gemerkt: ohne UNO-Mandat. Das hat der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder ja auch später eingeräumt, als er während einer Diskussionsrunde zum Krieg in der Ukraine erklärte, dass man gegenüber den Russen in der Krimfrage nicht zu vorlaut auftreten sollte. Es sei unglaubwürdig, wenn der Westen stets auf das Völkerrecht verweise, „weil ich das nämlich selbst gemacht habe. Ich habe gegen das Völkerrecht verstoßen. Als es um die Frage ging, wie entwickelt sich das in der Republik Jugoslawien, da haben wir unsere Flugzeuge, unsere Tornados losgeschickt und wir haben zusammen mit der NATO einen souveränen Staat bombardiert, ohne dass es einen Sicherheitsbeschluss gegeben hätte.“  

Wie findet man die Wahrheit, die Objektivität?
Wenn es Fakten gibt, die eine Position untermauern. Das Problem ist aber, dass man Millionen von Fakten hat und damit ganz verschiedene Positionen untermauern kann.  Daher muss der Historiker immer versuchen, sich ein globales Bild zu machen, was nicht einfach ist. Niemand hat alle Fakten oder den völligen Überblick. Alles Sehen ist perspektivisches Sehen, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche richtig sagte.

Was bedeutet die UNO für Sie?
Vor der Gründung der Vereinten Nationen gab es kein weltweit festgeschriebenes Kriegsverbot. Wir haben uns in allen möglichen Varianten umgebracht: Es gab auch viele Religionskriege. Wir sind mit Spitzhacke und Bajonett aufeinander losgegangen. Wir haben uns beschossen und bombardiert. Wir haben Giftgas eingesetzt. Wir haben in Konzentrationslagern die Menschen verrecken lassen. Wir haben Städte ausgehungert. Atombomben abgeworfen. Jetzt bauen wir Killer-Roboter. Wir haben wirklich nichts ausgelassen. Dann kam der Zweite Weltkrieg mit über 65 Millionen Toten. Das war ein Schock. Ein Schock aus dem die UN-Charta entstand mit der Vision: Nie wieder Krieg – das war ein Bewusstseins-Sprung der Menschheitsfamilie. Und diese Vision darf nicht sterben. Sie ist der wichtigste Referenzpunkt für alle Menschen und für alle Politiker.

Ich komme noch einmal zurück auf Objektivität. Wenn heute Politiker oder Experten sagen, was sollen wir mit der alten Charta, das ist doch nicht mehr zeitgemäß, dann sage ich: Es muss nur ein Punkt verändert werden, das Vetorecht. Alles andere ist wichtig für unser Überleben. Es wäre eine Rückkehr in ein internationales Chaos. In einer Zeit, in der in neun Ländern über 15000 Atombomben bereitstehen. Das kann doch nicht sein.

Bei unberechenbaren Politikern wie Donald Trump oder Kim Jong-un kann es gefährlich werden, oder?
Das ist so. Deshalb ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit, die Friedensbewegungen zu stärken. Vorbild sind für mich die 1968er Jahre. Wie sich die Menschen damals gegen den Vietnamkrieg aufgelehnt haben. Wie die politischen Machtverhältnisse beeinflusst und verändert wurden. Ich war damals nicht dabei, ich wurde erst 1972 geboren. Aber was ich darüber gelesen habe oder in Gesprächen erfahren konnte – eine unglaubliche Zeit.

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die Menschen mit meiner Arbeit aufzuklären. In einer Zeit, in der es unendlich mehr Informationen gibt als damals. Damals haben die Menschen weniger Informationen bekommen, waren meiner Meinung nach, aber sehr viel politischer. Heute scheitern doch viele schon an Fragen wie, „Was bedeutet Völkerrecht?“ oder „Wie funktionieren die Medien?“ Ein Ziel ist für mich, viele Menschen auf ein viel klareres Niveau zu bringen im Bereich der Information über Krieg und Frieden.

Glauben Sie, das interessiert?
Zumindest eine Minderheit. Ich halte meine Vorträge nur in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Dort leben etwa 100 Millionen Menschen.  Mit meinen Büchern, Vorträgen und den Views im Internet erreiche ich vielleicht ein bis 1,5 Prozent des deutschsprachigen Raumes. Ja, das ist eine Minderheit. Aber eine engagierte. Und es gibt eine Menge, das diese Menschen vereint: Sie wollen keine Kriege, keinen Terrorismus, keinen Rassismus. Ihnen ist das Leben heilig.  Egal, ob sie aus der christlichen Tradition, aus der muslimischen oder jüdischen  Welt stammen. Auch Atheisten die Werten wie Mut und Wahrheit verpflichtet sind kommen zu meinen Vorträgen. Es kommen junge und ältere Menschen, einige sind spirituell, andere ökologisch orientiert. Noch ist es eine Minderheit, aber es werden immer mehr, die keine Kriege und keine Kriegspropaganda mehr wollen und auf der Suche nach einem alternativen, und vor allem glücklichen Leben sind.

Wir leben in einer Zeit, in der das alte römische Prinzip „Brot und Spiele“, also der Ablenkung von Realitäten und Problemen eine völlig neue Bedeutung bekommen hat. Glanz und Glamour, royale Hochzeiten, Mode und Schönheit, ewige Jugend, Profisport , die Unendlichkeit des Internets – all das scheint wichtiger zu sein, als das, was wirklich passiert auf der Welt. Das geht aber nur solange gut, bis der Leidensdruck nicht mehr zu ertragen ist. Bester Beweis dafür waren die zwanziger Jahre – es war wie ein Tanz um das Goldene Kalb, bevor alles zusammenbrach.

Hier spüre ich die Veränderungen. Die Menschen, die in meine Vorträge kommen, sind Flüchtlinge aus Syrien oder aus Afghanistan. Es sind Bundeswehrsoldaten, die im Ausland im Einsatz waren. Und es sind Menschen, die nicht mehr alles glauben, was ihnen vorgesetzt wird. Es sind Politikverdrossene, die sich nicht mehr von der Elite vertreten fühlen. Da tut sich eine Menge. Das stimmt mich optimistisch.

Was können wir persönlich im Alltag noch tun?
An oberster Stelle steht für mich mehr Toleranz. Wir Menschen tendieren leicht dazu, in Dogmatismus zu verfallen und keine anderen Meinungen mehr zuzulassen. Etwas mehr Toleranz, besonders im Alltag würde uns allen sehr gut tun. Das beharren auf Dogmen führt zu Terrorismus, Krieg und Zerstörung – physisch und psychisch. Letztendlich führen Dogmen und das sture, uneinsichtige Beharren auf dem einen Standpunkt zur geistigen Diktatur. Scheinbar aber lieben Menschen Dogmen, weil sie so nicht selber zu denken brauchen.

Es gibt einen Trick, um aus einem Dogma auszubrechen: „Glaube nicht alles, was du denkst.“ Das bedeutet, stelle dich kritisch deinen Gedanken! Nimm das auf, was andere meinen. Nur so erweiterst du dein geistiges Spektrum auf Dauer.  Und sei achtsam. „Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht“, schrieb die Widerstandskämpferin Sophie Scholl als 19-Jährige in einem Brief an ihren Verlobten Fritz Hartnagel im Zweiten Weltkrieg. Dieser Satz sollte unsere Richtschnur sein.

Thomas Pfundtner

Dezember 2018

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    vor 3 Wochen
    Toleranz ist absolut wichtig und die Beachtung unserer eigenen Maßstäbe. Ich muss für mich Visionen haben. Daran messe ich Politiker und deren Versprechen. Vergleiche Wort und Tat. Was ich an vielen Politikern, Frauen und Männern, so erschreckend finde, sind die öffentlichen Bekundungen, da werden Emotionen in jede Richtung geschürt, aber die Realität nicht gesehen - oder noch schlimmer - verleugnet.
    Nicht jeder hat die Möglichkeit die Behauptungen der jeweils Regierenden zu verifizieren. Aber die Auswirkungen so manchen Handelns und mancher Rede, kann jeder beobachten. Wenn das nicht mehr meinen Visionen entspricht, meinen Maßstäben widerspricht, dann muss ich selbst handeln. Meine Meinung sagen. Wenn Toleranz nicht mehr zählt, ist es zu spät. Dr. Martin Luther King sagte einmal: "Our lives begin to end the day we become silent about the things that matter."
    Auch das sollten wir täglich bedenken.
    Führen Sie weiter so aufrüttelnde, kritische Gespräche mit Menschen, die über ihren Tellerrand hinaussehen - damit alles Wichtige uns immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird.

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Zur Person

Dr. Daniele Ganser wurde am 29. August 1972 in Lugano (Schweiz) geboren. Sein Vater war Pfarrer, die Mutter Hausfrau. Bis 1991 besuchte er die Rudolf Steiner Schule in Basel, 1992 machte er sein Abitur am Basler Holbein-Gymnasium. Nach dem Militärdienst studierte er in Basel, Amsterdam und London Alte und Neue Geschichte, Philosophie und Englisch. Seinen Fokus legte er dabei immer auf internationale Beziehungen.

Es folgten zahlreiche Forschungsarbeiten, unter anderem in der Denkfabrik Avenir Suisse, beim Center für Sicherheitspolitik (CSS) oder an der Universität Basel. Dr. Daniele Ganser polarisiert. Seine Kritiker sehen ihn als Verschwörungstheoretiker, der seine Quellen unkritisch auswählt und verfälscht, und werfen ihm Populismus und Manipulation vor.

Seine Befürworter sprechen von wichtigen Überblicken für die Friedensforschung oder bezeichnen seine Studien als beste Werke, zum Beispiel zum Thema Geheimarmeen in Europa.

 

Die UN-Charta von 1945

Bereits 1941 trafen sich der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der englischer Premierminister Winston S. Churchill, um gemeinsame Grundsätze der internationalen Politik in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu formulieren. In der Charta vom 4. August 1941 wird unter anderem der Verzicht auf territoriale Expansion, das Selbstbestimmungsrecht der Nationen sowie der Verzicht auf Gewaltanwendung festgehalten.

Die insgesamt acht Punkte bildeten dann die Grundlage der Charta der Vereinten Nationen, die am 26. Januar 1945 von 50 der 51 Gründungsmitglieder (für Polen ließ man im Dokument einen Platz frei, da die Regierungsbildung in dem Land noch nicht abgeschlossen war) unterzeichnet wurde. Auch hier heißt es klar und deutlich, dass kein Mitgliedsstaat ohne Genehmigung des UN-Sicherheitsrates gegen ein anderes Mitglied Gewalt anwenden oder ihm drohen darf. Neben den Gründungsmitgliedern: USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich, gehören heute weitere 188 Staaten zur UNO. Der Sicherheitsrat der UNO, in dem die fünf Gründungsmitglieder, sowie zehn weitere nichtständige Mitglieder sitzen, soll über den Weltfrieden wachen. Problem: Die fünf Gründungsmitglieder haben bei allen Entscheidungen ein Vetorecht, was immer wieder zu großen Problemen führt.

Die UN-Charta ist für Dr. Daniele Ganser das Fundament seiner Friedensforschungen über illegale Kriege und Auseinandersetzungen.

 

Weitere Informationen zu den Publikationen von Dr. Daniele Ganser finden Sie auf der Internetseite des Forschers

www.danieleganser.ch