Weltweit

Sklave, Priester, Heiliger

Das Erzbistum Chicago möchte, dass der erste schwarze Priester der USA seliggesprochen wird. Für die Gläubigen wäre es ein wichtiges Zeichen

In der modernen Kirche von St. Elizabeth in Chicago erinnert ein Foto an den ersten schwarzen Priester

Die Peitsche hat Augustus Tolton sicher oft gesehen. Für schwarze Sklaven in den USA war es normal, verachtet, bedroht und ausgepeitscht zu werden. Dass der Master katholisch war und sein Sklave ebenfalls getauft, machte sie nicht zu Brüdern im Glauben. Schwarze Katholiken mussten in der Kirche der Weißen auf der Empore sitzen oder in eigenen Bänken, die mit Seilen abgesperrt waren. Nicht einmal beim Empfang der Kommunion durften sie neben einem  Weißen auf der Bank knien. Und auch Bischöfe und Ordensleute hielten sich schwarze Sklaven.

Sein ganzes Leben lang hat Augustus Tolton mit dieser Ungleichheit leben müssen. Und nicht einmal die Priesterweihe bewahrte ihn vor dem Hass der Weißen und dem Misstrauen der Schwarzen. „Die protestantischen schwarzen Kirchen fürchteten die Ausbreitung des Katholizismus, die weißen Priester wollten keine Vermischung der Rassen“, erklärt Weihbischof Joseph Perry, selbst Afro-Amerikaner. „Schwarz und katholisch zu sein – damit verlor Tolton auf allen Seiten. Es gab einfach kein Muster für so etwas. Mit jedem Schritt, den er tat, verletzte er die Regeln, die damals galten.“

Augustus Tolton, der erste schwarze Priester in den USA, wurde 1854 als Sklave auf einer Farm in Missouri geboren. Seine Mutter floh, als er sieben Jahre alt war, über den Mississippi nach Illinois, um frei zu sein. Nur 40 Meilen – aber für Augustus, seine beiden Schwestern und die Mutter Martha Jane ein lebensgefährlicher Weg, denn die Sklavenfänger lauerten überall. 200 Dollar hatte der gutkatholische Besitzer auf jeden der Flüchtlinge ausgesetzt.

© Jörg BöthlingIn Quincy/Illinois, wo nur zwei Prozent der Einwohner schwarz waren, schlug die Familie sich mit harten, schlecht bezahlten Jobs durch. Auch Augustus musste mitarbeiten und fand irgendwie die Zeit, noch für die Schule zu lernen und als Katechist zu den Nachbarskindern zu gehen. Sein großer Traum war es, Priester zu werden. Den Schulabschluss in der Tasche, versuchte er sieben Jahre lang, in ein Seminar aufgenommen zu werden. Doch niemand wollte einen „Neger“ Priester werden lassen. „Man darf nicht vergessen, dass die katholische Kirche eine absolute Minderheit war“, erklärt Weihbischof Perry. „Da wollte man sich mit so einer Aktion nicht in die Nesseln setzen.“

Augustus gab nicht auf. Und endlich ging sein Traum in Erfüllung. Aber nicht in den USA. Augustus musste nach Rom, um sein Studium zu beginnen. Augustus war sicher, dass er als Priester nach Afrika gehen sollte, und wahrscheinlich war er entsetzt, als er am Vorabend seiner Priesterweihe erfuhr, dass er zurückkehren sollte in sein Heimatland. „Wenn Amerika nie einen Neger-Priester gesehen hat – jetzt sehen sie ihn“, erklärte Kardinal Simoni, der Präfekt der Glaubenskongregation.

Zunächst schien die römische Idee aufzugehen. Augustus engagierte sich als Kaplan in der St.-Joseph-Kirche von Quincy, einem Ableger für die schwarzen Katholiken der St.-Bonifatius-Pfarrei. Seine besonderen Predigten und seine Frömmigkeit lockten auch viele Weiße in die Kirche – und das erregte bald den Neid des weißen Priesters, dem das Geld in der Kollekte fehlte.

In Chicago fing Pfarrer Tolton neu an und baute dort eine schwarze Gemeinde auf. Doch völlig entkräftet starb er mit 43 Jahren während einer Hitzewelle in Chicago.

„Für mich ist Augustus Tolton eine Christus-Figur“, sagt Weihbischof Perry. „Er hat viel gelitten – aber Sklaverei und Diskriminierung haben ihn nicht dazu gebracht, zu hassen oder gar seinen Glauben zu verlieren. Er blieb friedlich und geduldig – und deshalb glaube ich, dass er auch ein gutes Beispiel für die Afro-Amerikaner heute ist. Die Veränderungen, die wir uns wünschen, dauern lange. Wir brauchen Geduld und Ausdauer. Auch Tolton hat ja lange um Anerkennung gekämpft. “

Kaum schwarze Heilige

Für den schwarzen Weihbischof von Chicago ist Tolton ein Heiliger. Er betreut den Seligsprechungsprozess, der 2011 begann, als Postulator und sammelt alles, was für die offizielle Anerkennung des ersten schwarzen Priesters wichtig wäre.

Aber nicht nur der Bischof hofft, dass aus dem Sklaven und Priester bald St. Augustus wird. Die schwarzen Katholiken von St. Elizabeth und St. Anselm, die Erben der Gemeinde St. Monica, sind stolz auf den „Ihren“.

„Es gibt ja bisher nur sehr wenige schwarze Heilige“, sagt Pater Bob Kelly, Steyler Missionar und Nachfolger von Pfarrer Tolton in Chicago. Martin Porres, der Dominikaner in Peru und Josefine Bakhita, die als Sklavin aus dem Sudan kommend in Italien starb – der Rest der Gesichter im Heiligenkalender ist weiß. Für die schwarze Gemeinde ist auch das ein Beweis dafür, wie wenig ihre Leidens- und Glaubensgeschichte bisher in der katholischen Kirche präsent ist.

Die Kirche von Chicago möchte das ändern. Sie organisiert Wallfahrten zum Grab von Augustus Tolton und ermöglicht mithilfe des „Tolton  Scholarship“ engagierten Laien eine Weiterbildung in Theologie.

Tina Carter ist eine Tolton-Stipendiatin. Als Koordinatorin für religiöse Erziehung ist sie in den schwarzen Gemeinden im verarmten Süden von Chicago für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig. Auf die Taufe und die Erstkommunion vorbereiten, die Sonntagsschule gestalten, die Firmlinge zusammenbringen – alles ist in den Händen der energischen 47-Jährigen. „In dieser verelendeten Gegend versuchen die Eltern irgendwie zu überleben. Sie arbeiten hart, und das Spirituelle tritt in den Hintergrund. Für diese Leute muss Kirche wieder relevant werden.“

Dass Tolton sich ebenfalls sehr für Kinder eingesetzt hat, macht ihr viel Mut. „Er hat den Kindern die Kraft des Durchhaltens bewiesen. Ich trete in seine Fußstapfen: Meine Mission ist es, dem Volk Gottes zu dienen, ganz besonders den Kindern.“ Ein Heiliger für heute – das ist für Tina Carter ganz klar: „Wer waren wir in diesem Land? Sklaven ohne Rechte! Und wohin können wir kommen!“

Weil auch im verarmten Süden Chicagos jeder davon träumt, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, ist ein Sklave, der Priester wurde und vielleicht sogar zur Ehre der Altäre gelangt, ein Vorbild, das Mut und Hoffnung schenkt. Davon sind der schwarze Bischof und seine Katholiken fest überzeugt: „Ich spreche jeden Tag mit ihm. Denn er ist einer von uns!“

Christina Brunner

August 2019

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

Im Briefmarkenapostolat in Sankt Augustin kommen jedes Jahr 20.000 Euro für die Mission zusammen

[weiter...]

Besuchen Sie eine der schönsten und romantischsten Städte der Niederlande

[weiter...]