Steyler Welt

So viel Leid. Und trotzdem so viel Liebe

Auf den Philippinen kämpfen viele Menschen in der Corona-Krise um das nackte Überleben. Aus der Hauptstadt Manila schreibt uns die Steyler Schwester Michaela Leifgen einen bewegenden Brief über die Not der Filipinos. Und über die Hilfsbereitschaft und Solidarität, die sie trotz allem zeigen.

Die Steyler Schwestern packen Essenspakete, in die sie eine handgeschriebene Mutmachbotschaft stecken

Liebe Leserinnen und Leser! 

Seit eineinhalb Jahren lebe ich als Steyler Missionsschwester auf den Philippinen. In den letzten Monaten habe ich das Kloster in Metro Manila, wo ich wohne, erst dreimal verlassen. Die hier geltenden Corona-Maßnahmen sehen es so vor. Auch dass ich eine Maske trage, wenn ich nach „draußen“ gehe. Ich will ja auch meine Mitschwestern nicht anstecken. 

Die Angst vor Corona ist groß in diesem Land voller Armut, ohne ausreichende Gesundheitsversorgung. Gerade in der Millionenstadt Manila, wo viele Menschen auf engstem Raum leben, ist „Social Distancing“ kaum möglich. Wenn ich dann Nachrichten aus Deutschland lese – über Demonstrationen gegen „Freiheitsberaubung durch Mundschutz“ oder über die Sorge, dass der Urlaub im Ausland ins Wasser fällt –, dann irritiert mich das. Und ich fühle mich meiner eigenen Heimat gegenüber fremd. 

Oft hört man, in dieser Pandemie säßen wir alle in einem Boot. Ich finde, das ist eine klägliche Vereinfachung. Sie berücksichtigt viel zu wenig die ökonomischen und sozialen Folgen, die manche Länder viel härter treffen als andere. 

Ja, wir mögen alle im gleichen Boot sitzen, aber wir befinden uns in unterschiedlichen Klassen. Und: Es sind nicht genügend Rettungsboote für alle da.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich will mit meinem Brief keinen moralischen Zeigefinger erheben, kein Mitleid für „die armen Menschen auf den Philippinen“ erwecken. Ich möchte Ihnen einfach nur erzählen, wie Corona die Menschen in einem armen Land wie den Philippinen trifft. Und was sie inmitten der Krise bewegt. Denn die Corona-Wirklichkeit ist hier eine ganz andere als in den deutschsprachigen Ländern Europas.

Seit Mitte März befinden wir uns im Großraum Manila im Lockdown. Die ersten Wochen waren besonders strikt. Nichts lief mehr. Alle mussten zu Hause bleiben. Zuhause – das ist in den ärmeren Vierteln nur eine Hütte aus Wellblech mit einem Raum, in dem die ganze Familie lebt. 

Schwere Strafen bei Missachtung des Lockdowns

In die Viertel, die besonders von Corona betroffen waren, wurden schwer bewaffnete Polizisten geschickt. Wer sich nicht an die Maßnahmen hielt, und sei es nur, weil er auf der Suche nach Arbeit oder Essen war, musste mit Geld- oder Gefängnisstrafen rechnen. 

Was passierte mit den Menschen, die gar kein Zuhause haben, in das sie sich zurückziehen konnten? Sie verkrochen sich in Schlupflöcher oder wurden in Schulen, Universitäten, Zentren und Parkanlagen untergebracht, die zu Quarantänelagern umfunktioniert wurden. Die Kirche, darunter die Orden, und viele andere großherzige Menschen kochten Tagesrationen an Reis, Gemüse und Fisch.

Monatelamge Einschränkungen wegen Corona

Mit der Stadt stand auch die Wirtschaft still. Irgendwann fand die Regierung, dass das nicht so weitergehen kann, und erlaubte bestimmten Betrieben, die Arbeit wieder aufzunehmen. Mit den Lockerungen stieg die Zahl der mit Corona infizierten Menschen, also wurde für zwei Wochen noch mal alles strikt zurückgefahren. 

So geht es hin und her. Aktuell sind wir in GCQ (General Community Quarantine), was unter anderem bedeutet: eingeschränkter öffentlicher Nahverkehr, eingeschränkte betriebliche Arbeit, Sperrstunde zwischen 22 und 5 Uhr, Reisen – auch innerhalb des Landes – nur wenn „notwendig“ und verbunden mit großem bürokratischen Aufwand. Viele Menschen sind aufgrund des monatelangen Lockdowns psychisch stark angeschlagen. 

Zehn Millionen Filipinos werden bis zum Jahresende aufgrund von Covid ihren Job verlieren. Soziale Sicherungsnetze gibt es nicht. Die, die vorher wenig hatten, haben nun gar nichts mehr. Von Urlaub spricht hier niemand.

Geschichten die Mut machen

Und doch lassen sich auch andere, schöne und zu Herzen gehende Geschichten erzählen. Geschichten von Solidarität und Einfallsreichtum. Über Menschen wie Alan etwa, einen der medizinischen Frontliner. Er war für einige Wochen in unserem Sozialcenter untergebracht, weil er von seiner Arbeit im Krankenhaus nicht mehr nach Hause wollte, um seine Familie nicht zu gefährden. Jede Nacht legte er nach Ende seiner Schicht mehrere Kilometer Fußweg vom Krankenhaus bis zu uns zurück. Als eine Mitschwester sich für ihn um ein Fahrrad bemühte, sagte er: „Schwester, ich habe ein Fahrrad, aber ich gab es dem Wächter im Krankenhaus; er hat einen weiteren Weg als ich.“ 

Ich habe große Achtung vor und Zuneigung für die Filipinos – für ihre Widerstandsfähigkeit, ihr großes Herz angesichts der Not anderer, ihre ausgeprägte Hilfsbereitschaft, ihre bewusste Entscheidung, dem Schicksal entgegenzulächeln. 

Ja, da ist so vieles, was mich, was uns alle besorgt und bedrückt, aber da ist eben auch vieles, was mir Hoffnung macht: Menschen, die das Beste aus sich rausholen aufgrund des Schlimmen, das ihnen widerfährt. 

Und dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, um beides wissen, das ist mein Anliegen! 

In der Hoffnung, dass dieser Brief Brücken schlägt, 
Ihre 
Michaela Leifgen SSpS 

Den gesamten Brief von Schwester Michaela Leifgen können Sie in unserer Zeitschrift lesen.

Schwester Michaela Leifgen SSpS

November 2020

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