Steyler Welt

Sportlich im Namen des Herrn

Die Kirchen in den USA sorgen mit ehrenamtlichen Krankenschwestern für die Gesundheit ihrer Mitglieder

Pfarrkrankenschwester Margaret Hoarty bringt in der Gemeinde Pius X. Leib und Seele in Einklang

Mit weichen, fließenden Bewegungen zieht Margaret den Arm durch die Luft, hebt das Bein, setzt den Fuß langsam auf, lächelt. „Und noch mal von vorn!“ Hinter ihr steht ihre Tai-Chi-Gruppe. 20 Männer und Frauen, die ältesten 90 Jahre alt. Aufmerksam folgen sie Margarets Bewegungen; wer nicht mehr stehen kann, nutzt den Stuhl, keiner spottet darüber. Margaret Hoarty ist die Pfarrkrankenschwester von St. Pius X. Eine freundliche Frau, seit fast 50 Jahren Krankenschwester. Jetzt bringt die 70-Jährige ihre medizinischen Kenntnisse ehrenamtlich bei der katholischen Gemeinde in Omaha im Mittleren Westen der USA ein. Sie ist überzeugt: „Wenn die Gesundheitsförderung in einen spirituellen Kontext gestellt wird, wird klar, dass unser Körper wirklich ein Tempel des Heiligen Geistes ist.“ Zweimal in der Woche trifft sich die Tai-Chi-Gruppe in den Räumen der Pfarrei. „Das hier gibt mir Energie“, freut sich die 72-jährige Tam. „Ich liebe Margaret!“, sagt Pat Franks, 90 Jahre alt. „Und ich kann jetzt mein Gleichgewicht viel besser halten. Gott sei Dank bin ich noch nie gestürzt!“ Die regelmäßigen Übungen helfen, dass die Senioren weniger fallen und insgesamt kräftiger werden. Dass das klappt, ist wissenschaftlich erwiesen, die Teilnehmer spüren es selber. „Und sie kommen raus“, sagt Margaret. „Sie finden Freunde, auch das ist wichtig für die Gesundheit!“

Sorge für Kinder und Alte

Die Tai-Chi-Kurse gehören neben dem Blutdruckmessen zu den wichtigsten Angeboten der Pfarrkrankenschwestern, die es bei allen Kirchen und Glaubensbekenntnissen in den USA gibt. Daher nennen sie sich selbst auch Faith Community Nurses („Krankenschwestern in Religionsgemeinschaften“). Das Konzept entstand in den 1980er-Jahren, und mittlerweile gibt es rund 16 000 Pfarrkrankenschwestern in den USA. Der Steyler Missionar Alexander Rödlach hat im Auftrag einer katholischen Klinikgruppe in Omaha eine große Langzeitstudie über sie gemacht und festgestellt: „Über 83 Prozent der Amerikaner haben starke Bindungen an eine Glaubensgemeinschaft. Das macht religiöse Gruppen zu idealen Partnern für Gesundheitsprogramme.“

Die meisten Pfarrkrankenschwestern arbeiten unentgeltlich, sie spüren wie Margaret „eine Berufung“ für diesen Dienst an den Menschen. Ihr Einsatz sieht überall anders aus – jede schaut selbst, welchen Bedarf ihre Gemeinde hat. Cheryl G. Willis ist Pfarrkranken-schwester in der kleinen Baptistengemeinde der Stadt. Hier leben viele alte Mitglieder, so muss die Parish Nurse nach dem Gottesdienst den Blutdruck messen, auch die Diabetes-Werte kontrollieren und vor allem übersetzen, was der Arzt gesagt hat. Der Pfarrer, selbst gelernter Psychologe, ist von ihrem Einsatz begeistert, berichtet Cheryl Willis. „Ihm ist klar, dass wir ihn in seiner Mission unterstützen.“ Deshalb darf sie jeden dritten Sonntag im Gottesdienst über Gesundheitsfragen informieren. Dann redet auch ihr Mann auf der Kanzel über seine Darmspiegelung: „Wenn ein Mann das sagt, hören die Männer viel besser zu!“, lacht Cheryl.

© Jörg Böthling

Auch wer sich nur noch wenig bewegen kann, profitiert von den Tai-Chi-Kursen. Denn das Miteinander ist genauso wichtig

Die katholische Gemeinde St. Wenceslaus mit rund 3000 Familien musste mit einer Reihe von Selbsttötungen fertig werden. Die Pfarrkrankenschwester lud zu Info-Veranstaltungen mit Psychologen ein und organisierte eine Trauergruppe. In der Presbyterianischen Kirche baute Regina Wilson eine Ausleihstation für Rollstühle, Rollatoren und Duschhocker auf. „Ganz beliebt ist meine medizinische Fußpflege, da stehen unsere alten Gottesdienst-besucher Schlange!“

Margaret Hoarty verteilt nach der Messe Sets zur Früherkennung von Darmkrebs. Sie erklärt den Feuerlöscher und den Defibrillator: „Was nützt es, wenn der hier in der Kirche hängt, und keiner kann ihn bedienen?“ Vor Ostern bietet sie auch besinnliche „Wanderungen nach Jerusalem“ an: Jeder Teilnehmer zählt sechs Wochen lang seine Schritte, Margaret gibt Anregungen zum Beten oder informiert über Stationen auf dem Weg. „Am Ende sehen wir, wie weit wir auf dem Weg nach Jerusalem gekommen sind!“ Auch das ist in einem Land, in dem sich fast jeder nur mit dem Auto fortbewegt, eine gute Vorsorge-Idee.

In Harmonie mit Gott

Wichtig ist allen: Es geht um ganzheitliches Heilen. Das Ziel ist es, körperliche, seelische und soziale Aspekte zu integrieren, um dadurch die Patienten in Harmonie mit sich selbst, mit anderen und mit Gott zu bringen. „Keine Tai-Chi-Gruppe im Fitness-Center startet mit einem Gebet!“, betont Regina. Der Staat spart durch den Einsatz der Ehrenamtlichen viel Geld. Denn die Zahl der chronisch Erkrankten steigt in den USA kontinuierlich. 2009 waren 145 Millionen Menschen chronisch krank, 2030 werden es 171 Millionen sein. In 20 Jahren haben sich die Kosten im Gesundheitswesen verzehnfacht. Einer von fünf Amerikanern, der das Krankenhaus verlässt, wird nach 30 Tagen wieder eingeliefert. Wenn die Patienten, alarmiert durch die medizinischen Tests in ihrer Kirche, früher zum Arzt gehen, sind die Notaufnahmen nicht so überfüllt, auch die Nachsorge funktioniert besser.

Und auch die Kirche profitiert, meint Pater Alex und nennt in seiner Studie ein Beispiel: Durch die Blutdruckmessungen beim Gottesdienst wurde klar: Alte Leute regt der Kirchenbesuch extrem auf. Sie wissen nicht, wie sie hinkommen sollen, fürchten, „ihren Platz“ nicht zu bekommen, können das Tempo der Liturgie manchmal nicht mithalten. Eine Gemeinde, die darauf reagiert, ist attraktiv. Für den Steyler Missionar aus Tirol ist deshalb klar: „Für die Kranken zu sorgen, ist eine zentrale Aufgabe der Kirche, denn Christus hat sich um Leidende gekümmert und sie geheilt. Die Pfarrkrankenschwestern fühlen sich berufen, an diesem Heilungsauftrag der Kirche mitzuarbeiten. Und damit vermitteln sie den Kranken, wie sehr Gott sie liebt.“

Christina Brunner

August 2019

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