Titelthema

Stadtrundgänge lehren Sozialcourage

Andreas Geu vom Schweizer „National Coalition Building Institute“ (NCBI) übt bei einem Stadtrundgang Zivilcourage.

Beim Stadtrundgang durch Bern lernen die Teilnehmer Sozialcourage.

Herr Geu, was verstehen Sie unter Zivilcourage?

Bei Zivilcourage geht es – anders als bei Mut im Allgemeinen – um Situationen im öffentlichen Raum oder am Arbeitsplatz und um Vorfälle, wo man sieht, dass jemand in seiner Menschenwürde oder Integrität bedroht oder gefährdet ist. Wo es Mut braucht etwas zu machen und wo es auch Folgen haben kann für die Person, die handelt.

Warum kümmert sich das „National Coalition Building Institute (NCBI)“ um dieses Thema? 

Wir sind ein gemeinnütziger Verein, der sich um drei Hauptthemen kümmert: Vorurteile und Diskriminierung, Integration von MigrantInnen sowie Gewaltprävention und Konfliktlösung. Zivilcourage verbindet zumindest zwei dieser Themen. Seit vielen Jahren bieten wir in diesem Bereich Kurse an, bei denen wir von Anfang an Wert auf Handlungsansätze gelegt haben.

©U. Nusko

Dafür haben Sie die „StattGewalt“-Rundgänge entwickelt. Wieso?

Anstoss dazu gab ein Projekt der Stadt Bern im Jahr 2005. Der Schriftsteller Lukas Hartmann hat damals die „Berner Erklärung“ verfasst, einen Text zum Zusammenleben und respektvollen Umgang miteinander. Ungefähr ein Jahr vorher gab es einen Vorfall, bei dem ein 30-jähriger Mann in eine Streitigkeit unter jungen Menschen eingegriffen hat und dann selbst verletzt im Krankenhaus landete. Das hat ganz vielen Menschen Angst gemacht, gerade weil Bern als friedliche Stadt gilt. Wir wollten den Menschen möglichst praxisnah zeigen, wie man eingreifen kann, ohne sich selbst zu gefährden.

Und was bieten diese Rundgänge?

Zusammen mit dem Forumtheater „KonflikTüre“ haben wir die Möglichkeit geschaffen, Zivilcourage praktisch – und gleichzeitig gefahrlos – zu üben statt nur theoretisch darüber zu reden. Inzwischen haben wird in zehn Kantonen und 30 Städten und Gemeinden sicher um die 500 solcher Rundgänge durchgeführt und zwischen 10.000 und 20.000 Leute damit erreicht und sensibilisiert. In letzter Zeit war die Nachfrage nicht mehr so groß, bald werden wir jedoch diese Art von „Schulung“ wieder aufnehmen und mit dem Fokus „sexuelle Gewalt“ an verschiedenen Unis und Hochschulen umsetzen.

Nimmt die Bereitschaft, Zivilcourage zu zeigen, in der Schweiz denn generell eher ab oder zu?

Da muss ich mich nicht auf meine eigene Einschätzung verlassen, denn es gibt verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen. Sie zeigen ziemlich klar, dass der Anteil der Menschen, die bereit sind, Zivilcourage zu zeigen, relativ konstant ist. Denn es braucht dafür ein bestimmtes Set von Werten und Haltungen – etwa ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und die Bereitschaft, sich für Menschen, die schwächer sind und Hilfe brauchen, einzusetzen. Zwischen 30 und 40 Prozent der Bevölkerung bringen diese Werte und Haltung mit. Für diese Menschen sind unsere Kurse gedacht: Sie bringen die Haltung mit, sind jedoch unsicher, was sie in konkreten Situationen genau tun können. Dazu braucht es eine Form von Training.

Kann man Zivilcourage wirklich trainieren?

Es geht eben um die Anwendung in der konkreten Situation – darum, aus der Haltung eine Handlung zu machen. Selbst die inszenierten Szenen bei „StattGewalt“ sind eine Extremsituation, in der Adrenalin ausgeschüttet wird. Auf den Rundgängen werden Szenen gespielt und wer eine Idee fürs Eingreifen hat, sagt „Stopp“ und schildert die Idee. Anschliessend wird die Szene wiederholt und die Person greift ein. Immer wieder fällt auf, dass diese Handlung wenig mit dem zu tun hat, was die Person angekündigt hat. Denn Adrenalin, Emotionen, Angst, Nervosität und Unsicherheit führen zu einem ganz anderen als dem geplanten Verhalten. Man erfährt an sich selbst, wie schnell man respektlos wird, wie schwierig es ist, Mut zu zeigen.

Was für Szenen werden da denn „inszeniert“?

Wir stellen drei Situationen nach: eine Schlägerei mit klarem Täter und klarem Opfer, das schwach ist und Hilfe nötig hat, Lärmbelästigung und Sachbeschädigung von Jugendlichen im öffentlichen Raum und einen sexuellen Übergriff im öffentlichen Verkehr. Nach einer kurzen Einführung wird die Situation mit SchauspielerInnen inszeniert, zunächst ohne Intervention, dann mehrfach wiederholt mit Eingriff durch die Teilnehmenden. Anschliessend diskutieren wir die Ideen und Beobachtungen. Nach anderthalb Stunden gibt es am Ende des Rundgangs noch einen Austausch. Oft zeigt sich hier, dass die Erfahrungen, auch wenn sie „nur“ inszeniert sind, die Leute sehr aufwühlen.

Gibt es Empfehlungen für richtiges Verhalten in solchen Situationen?

Es gibt nicht das „richtige Rezept“, weil die meisten Situationen ja unter Fremden stattfinden. Wie sich diese Personen verhalten und wie man sich selbst verhält, ist sehr schwer voraussehbar. Wir erwarten von Männern ein anderes Verhalten als von Frauen, von Jungen ein anderes als von älteren Menschen. So muss man sich zum Beispiel als Mann deutlich mehr zurücknehmen als eine Frau, damit die Situation nicht durch die Intervention eskaliert.

Und welchen Effekt hat die Konfrontation mit Gewaltszenen auf die Teilnehmenden?

Grundsätzlich sind die Teilnehmenden sehr beeindruckt und dankbar, weil sie die „Schulung“ als authentisch und lehrreich empfinden. Bei manchen werden Erinnerungen an erlebte Situationen ausgelöst, und sie erzählen dann selbst von solchen Beispielen. Viele sagen, wie wüssten nun besser, wie sie reagieren könnten. Ob diese Rundgänge im Alltag dann tatsächlich zu einem Eingreifen führen, das können wir leider nicht sagen.

Roger Tinner

Juni 2020

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Zur Person

Andreas Geu entwickelt und leitet seit 20 Jahren Projekte zu den Themen Diskriminierung und Vorurteile, Gewaltprävention, Zivilcourage im öffentlichen Raum sowie Geschlecht. Er ist seit 2009 Co-Geschäftsleiter von NCBI Schweiz (www.ncbi.ch). Diese Non-Profit-Organisation setzt sich ein für den Abbau von Vorurteilen, von Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art sowie für Gewaltprävention und konstruktive Konfliktlösung und hat den StattGewalt-Rundgang zusammen mit dem Forumtheater Konfliktüre entwickelt.

Merkblätter

NCBI Schweiz hat Merkblätter erstellt, die sowohl dem Zeugen als auch dem Opfer aufzeigen, welches Verhalten hilfreich sein kann.