Titelthema

Streit über den Gartenzaun

30 Jahre lang war Martin Hallebach Schiedsmann in Essen. Bei ihm saßen sich oft streitende Nachbarn gegenüber. Der gelernte Bergmann, der das Schiedsamt ehrenamtlich ausübte, versuchte zu vermitteln, bevor die Gegner vor Gericht gingen

Schiedsmann Martin Hallebach versuchte im Streitfall zu vermitteln

Mit welchen Problemen kamen die Leute zu Ihnen?

Der überwiegende Teil meiner Fälle waren „Streitigkeiten über den Gartenzaun“. Vor allem Pflanzungen an der Grenze, also Bäume und Sträucher, die zu nahe an der gemeinsamen Grenze standen. Auch Überbau an Häusern war ein Thema: Jemand hatte eine Gartenlaube gebaut und die Dachrinne hing 10 Zentimeter in den Nachbargarten. Die hat zwar nicht gestört, war aber nicht dort, wo sie hingehörte. Es waren auf Deutsch gesagt: Kinkerlitzchen.

Kam Ihnen das nicht manchmal lächerlich vor?

Das kann ich ja nicht sagen! Ich bin neutral. Ich muss das aufnehmen, was vorgetragen wurde und dann sagen: Können wir denn nicht ...? Was da manchmal auch geschimpft und beleidigt wurde!

Die Bereitschaft, sich zu vergleichen, hat abgenommen. Finden Sie das schade?

Ja! Denn es trägt ja nicht zu einer guten Nachbarschaft bei. Ich sage den Menschen immer wieder: Sie wohnen nebenan, Sie treffen sich immer wieder. Sie müssen doch weiter zusammenleben! Wenn ein Feuer ausbricht oder es wird eingebrochen und man sieht das als Nachbar: Dann wird der keine Polizei holen, weil er den Nachbarn nicht leiden kann.

Sie haben so viel Nachbarschaftsstreit gehört. Was ist für Sie eine gute Nachbarschaft?

Eine, in der man sich gegenseitig hilft. Mehl ausleiht, die Katze füttert, mit der alten Dame spricht, die sonst keinen mehr hat. Ein guter Nachbar ist einer, den ich in der Not fragen kann, wo ich sogar nachts klingeln kann. Es soll keiner sagen: Ich brauche keine Nachbarn! Wenn der Ehepartner arbeitet oder die Kinder nicht mehr da wohnen, kann immer ein Notfall auftreten. Und kein Notarzt ist so schnell da wie der eigene Nachbar!

Christina Brunner

August 2019

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Was ist ein Schiedsmann?

Schiedsmänner und -frauen sind ehrenamtlich tätige Schlichter, die bei weniger bedeutsamen straf- und zivilrechtlichen Angelegenheiten eingreifen. Schiedspersonen entscheiden nicht, sondern wollen die sich streitenden Parteien zu einer Einigung führen. Die zuständigen Einrichtungen werden Schiedsämter oder - in den östlichen Bundesländern - Schiedsstellen genannt. Baden-Württemberg, Bayern und Bremen haben keine Schiedsämter. Hier sind die Gemeinden bzw. Sühnebeamte bei den Amtsgerichten zuständig.