Steyler Welt

Träume und Hoffnungen

Steyler Schwestern betreuen eine Unterkunft für obdachlose Frauen in Südkorea. Das Ziel ist, sie wieder in ihre Familien zu integrieren. Der Weg dahin ist nicht einfach

Viele Frauen haben in der Familie traumatische Erfahrungen gemacht. Ausflüge, Sport und Kunst helfen ihnen, mit ihren Gefühlen klarzukommen

Für Kamilla ist heute ein großer Tag: Sie bekommt ihre eigene Kamera. Angespannt sitzt sie im großen Besucherzimmer – nur gut, dass Schwester Veronica dabei ist, das gibt ihr ein wenig Sicherheit. Kamilla hat in den vergangenen Monaten viele schöne Fotos gemacht: die Blumen auf dem Balkongeländer, die Mangos im Garten, den strahlend gelben Gingko-Baum vor dem tiefblauen Himmel im Herbst. Damit möchte sie weitermachen. Deshalb ist auch dieser Herr aus der Stadt gekommen – mit einem Geschenk für sie: eine einfache Digitalkamera mit einer kleinen Umhängetasche.

© Christian Tauchner SVDSchwester Veronica Kim erklärt die Idee, die hinter dieser Aktion steht: Mit ihrer Kamera können die Frauen festhalten, was ihnen wichtig ist, was sie schön finden an ihrer Welt. Dann organisieren sie einen Abend, schauen gemeinsam die Fotos an, kommentieren ihre Werke. Einmal im Jahr gibt es eine große Ausstellung mit den besten Fotos.
 

Traumatische Erfahrungen

Das Fotografieren ist eine Therapie, erklärt Schwester Veronica. „Durch ihre Fotos und die Präsentation bekommen die Frauen wieder Mut, sich mit sich und ihrer Umwelt zu beschäftigen und eine Beziehung dazu aufzubauen.“ Eine große Firma aus Seoul stellt die Kameras. Mut zur Beschäftigung mit sich selbst und ihrer Umwelt ist keine Kleinigkeit für die Frauen, die irgendwie auf der Straße gelandet sind. Meistens stehen traumatische Erfahrungen im Hintergrund: Gewalt zu Hause oder eine psychische Erkrankung, die in der Familie nicht mehr bewältigt werden kann. Irgendwann flieht die Frau und „geht verloren“.

Bei vielen führt der Schock der Obdachlosigkeit und ihrer Zeit auf der Straße dazu, dass sie nicht einmal wissen, wer sie sind, woher sie kommen, wo ihre Familie lebt. Sie ziehen sich ganz in sich zurück und verlieren sogar die Sprache. Wenn die Polizei sie aufgreift und in die Unterkunft der Schwestern bringt, müssen die Sozialarbeiterinnen die Identität feststellen und möglichst viel über die Familie und die Krankheit herausfinden.

Die Sozialarbeiterin Priscilla Rah gehört zum Leitungsteam. „Wir wollen diese Frauen wieder mit ihren Familien in Kontakt bringen, wenn es ihre psychische Situation erlaubt. Für viele Familien ist es schwer zu akzeptieren, dass jemand aus ihrem Kreis eine solche Krankheit hat oder in die Obdachlosigkeit verloren gegangen war. Keine einfache Arbeit …“

Die Unterkunft mit dem poetischen Namen „Traum und Hoffnung schöpfen“ wurde 2009 von der Caritas in Seoul gegründet und ist fast immer bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Prinzip muss man alle annehmen, die hierherkommen, erzählt Schwester Veronica. Die meisten werden mitten in der Nacht gebracht.

© Christian Tauchner SVDJede der 180 Frauen hat ihre eigene komplizierte Geschichte, 90 Prozent von ihnen leiden unter psychischen Krankheiten. Deshalb gibt es hier keine gewöhnlichen Spiegel, keine Wassergläser oder Messer bei Tisch. Die Frauen dürfen auch keine Halsketten oder Schals tragen. Mit Schwester Veronica arbeiten noch zwei Schwestern mit im Team: Schwester Anastasia kümmert sich um die Verwaltung, Schwester Ruah um die Freiwilligen, die sich in der Unterkunft engagieren.

Der Staat bezahlt die Gehälter der Angestellten und sorgt auch für die Verpflegung. Diese Beiträge decken etwa 60 Prozent des Aufwands ab, der Rest muss dann vom Team selbst über Förderungen und Spenden aufgebracht werden. Um den Frauen zu helfen, irgendwann wieder ins Leben zurückzukehren, gibt es zahlreiche Programme: Pflanzen betreuen, Sprachtherapie, Musiktherapie, Fototherapie, Training in sozialen Kompetenzen, Spielen im Sand. Trommelstunden, Kunstunterricht, Yoga und Singen sollen die verschütteten Gefühle wieder freilegen.

Seit 2008 arbeitet Schwester Veronica mit den obdachlosen Frauen. Der Anfang war hart für die gelernte Kinderkrankenschwester. „Da habe ich Gott schon einmal gefragt: Warum hast du mich hierher gestellt? Aber Gott braucht uns, damit diesen Frauen geholfen wird. Dieser Dienst ist ja auch unser Charisma als Steyler Schwestern. Der liebende Umgang mit den Frauen hat viel verändert.“

Geduld und Liebe

Am Anfang, wenn die Frauen in die Unterkunft kommen, sind sie oft wild und zornig. Mit der Zeit werden sie ruhiger, sie können mit den Schwestern über ihre Situation reden und von ihrem Leben erzählen. Es dauert oft Monate, bis sie wieder genug Energie aufbringen, um in den Werkstätten zu arbeiten.

In mehreren Zimmern sitzen Frauen an großen Arbeitstischen und falten Karton in verschiedenen Farben. Andere kleben die vorgestanzten Papierformen zusammen, und so entstehen kleine Einkaufstüten. An einer altertümlichen Maschine werden Broschüren mit Draht geheftet. Alle Frauen tragen Handschuhe, denn auf dem Werbematerial für schicke Boutiquen in der Stadt darf es keine Fingerabdrücke oder Spuren von der Arbeit geben.

Zufluchtsort für viele Frauen ist der Garten. Holzbänke und bequeme Schaukeln laden zum Ausruhen ein, Mandelbäumchen spenden angenehmen Schatten. Schwester Veronica grüßt, fragt die Frauen, wie es ihnen geht, woran sie denken. Sie bekommt nicht immer eine Antwort. Aber Schwester Veronica hat Geduld: „Man braucht ja nicht viel für sie: Ihnen einfach in Liebe begegnen, sich ihnen zuwenden, das ist das Wichtigste. Gerade das haben sie ja verloren, das kennen sie nicht. Ich helfe ihnen, klar, aber ich bin sicher: Auch ich habe viel von ihnen gelernt!“

Christian Tauchner SVD

Juni 2019

Kommentare (1)

  • Georg Lampertz
    Georg Lampertz
    vor 3 Tagen
    Als ehemaliger Steyler Schüler in St. Michael, Steyl, bewundere ich eure Arbeit dort in Süd-Korea. Ich möchte das Team gerne mit 500 Euro unterstützen, können Sie mir bitte die nötigen Angaben zukommen lassen. Mein Name ist Georg Lampertz, ich bin 1951 in Lommersweiler, Belgien geboren und habe 2 Jahre im St. Michaels-Gymnasium in Steyl gelernt und anschließend meine Lehre als Schriftsetzer in der Missionsdruckerei abgeschlossen. Ich wohne jetzt in St. Vith, der belgischen Eifell und würde mich freuen, bald von euch zu lesen.

    Liebe Grüße, Georg Lampertz

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