Gesellschaft

Traumberuf: katholische Priesterin

Seit sie 16-jährig gefirmt und anschließend Ministrantin wurde, möchte sie sich ganz in den Dienst der katholischen Kirche stellen: Jacqueline Straub fühlt sich berufen, Priesterin zu werden. Keine einfache Situation für die ausgebildete Theologin. stadtgottes-Redakteur Roger Tinner hat sie getroffen

In einzelnen Pfarren in der Schweiz darf sie immerhin predigen: Jaqueline Straub

Wir sind verabredet in einem Café am Hauptbahnhof in Zürich, wo jeden Tag eine halbe Million Menschen ankommen, abreisen, einkaufen und sich treffen. Die meisten von ihnen haben vermutlich Träume, die sie in ihrem Leben noch verwirklichen wollen. Aber ich bin fast sicher, dass nur wenige davon seit Jahren an einem Traum festhalten, dessen Verwirklichung so unrealistisch scheint. Jacqueline Straub tut es, denn für sie ist es kein Traum. Für sie ist es eine Berufung.

Die mittlerweile 27-Jährige, die schon drei Bücher geschrieben hat (darunter „Jung, katholisch, weiblich – weshalb ich Priesterin werden will“), erzählt ganz unbefangen vom Anfang dieser Berufung. Sie erinnert sich, wie sie in der Mittelschule eine sehr gläubige Klassenkameradin kennenlernte, die ihr viel von Jesus und von Gott erzählte. Damals verbrachte sie eine Ferienwoche im Jugendcamp einer Freikirche, wo sie niemanden kannte, aber vom Glauben begeisterte junge Leute und eine lebendige Gemeinschaft erlebte. Ab und zu besuchte sie auch den katholischen Gottesdienst: „Ich gebe dem Pfarrer auch mal eine Chance“, dachte sie. In dieser Zeit merkte sie, dass sich eine Beziehung mit Gott anbahnt. Sie zog sich oft zurück, ließ sich mit 16 firmen – „ein wesentlicher, tiefer Moment“– und spürte, dass „Gott etwas mit mir vorhat“. 

Sie konnte das zwar nicht in Worte fassen, kontaktierte aber den Pfarrer in ihrer Gemeinde und meldete sich für den Ministrantendienst in ihrer Heimatgemeinde Pfullendorf. Ohne große Einführung durfte sie ein paar Tage später, am 11. November 2007 (sie kennt das Datum noch ganz genau), erstmals ministrieren. „Ich habe ein paar Fehler gemacht“, lacht sie heute. Aber ab dann ging sie jede Woche in die Kirche, ließ sich manchmal am selben Wochenende mehrfach für den Altardienst einteilen. „Ich wollte immer die Gaben zum Altar bringen, wollte predigen und durfte in einem Jugendgottesdienst tatsächlich einmal die Predigt halten.“ Den Wunsch, Priesterin zu werden, habe sie verdrängt und sich gleichzeitig gefragt, ob sie evangelisch werden müsse, um Pfarrerin zu werden.

Aber gleichzeitig wurde ihr klar, dass die katholische Kirche die richtige für sie ist, und sie zitiert ihre Großmutter: „Einmal katholisch, immer katholisch.“ Religionslehrer, Pastoralassistenten und Priester sagten zu ihr: „Doch, da ist etwas in dir drin, studier doch Theologie. Was sie inzwischen gemacht hat: in Freiburg im Breisgau, in Fribourg und schließlich in Luzern, wo sie den Master mit „summa cum laude“, also der Höchstnote machte. Inzwischen kennt sie auch Frauen, die in die evangelische Kirche übergetreten sind, um Pfarrerin zu werden. Für sie kommt das aber nicht infrage: „Ich will nicht den Beruf Pfarrerin ergreifen, sondern die Berufung als Priesterin leben.“ Da ist sie absolut: „Mein Herz schlägt katholisch“, sagt sie, und sie liebe die katholische Liturgie, das Verständnis von Eucharistie und auch die sieben Sakramente.

Wichtig ist ihr auch die spirituelle Ebene des Priesteramts, in der es um vollkommene Hingabe geht. Dass katholisches Priestertum bis heute zölibatären Männern vorbehalten ist, kann sie nicht verstehen. Zwar gebe es natürlich Priester, die das Zölibat leben könnten. Man könne die Berufung aber auch verheiratet und als Frau leben, ist sie sich sicher. Ihr „Coming-out“, dass sie sich zur Priesterin berufen fühlt, hatte sie mit 21, im dritten Semester ihres Theologiestudiums. Damals war ihr nicht bewusst, dass sie mit diesem öffentlichen Auftritt so heftige Reaktionen auslösen könnte und für viele Frauen und Männer zum Sprachrohr würde. Sie war in Dutzenden von Talkshows und Thema zahlreicher Medienbeiträge. Sie ist überzeugt, dass es noch manche Frau im kirchlichen Dienst gibt, die sich auch eine Weihe wünschen würde.

In der Schweiz etwa leiten Pastoralassistentinnen ganze Pfarren und predigen ganz selbstverständlich jeden Sonntag. Nur die dem Priester vorbehaltenen Sakramente können sie nicht ausüben. Sie sind praktisch also schon Diakoninnen, einfach (noch) ohne Weihe. In Deutschland wäre das heute kaum möglich, die Vorbehalte waren auch gegenüber Jacqueline Straub groß: Kommilitonen haben sich von ihr abgewandt, Dozenten haben sie teilweise nicht mehr gegrüßt. Einer ihrer Professoren riet ihr, Praktika während des Studiums auch außerhalb des kirchlichen Bereichs zu machen, um beruflich nicht von der Kirche abhängig zu sein. Und tatsächlich ist sie heute in einem kirchlichen Zusammenhang tätig, aber die Schweizer Sendung „Fenster zum Sonntag“, deren Redaktion sie angehört, ist eher freikirchlich geprägt. Hier führt sie Interviews, gestaltet Fernsehbeiträge und entwickelt ein Web-Format für Jugendliche. Sie vermisst aber die Arbeit in einer Pfarre. Manchmal darf sie bei befreundeten Pfarrern allerdings auch predigen und so einen Teil ihrer Berufung leben.

An der Spitze einer Bewegung „Diakonat für Frauen“ oder „Priesterweihe für Frauen“ sieht sie, die nach dem Studienabschluss in der Schweiz geblieben ist, sich nicht: „Das ist mir eine zu große Aufgabe. Ich setze mich für das Anliegen ein, weil ich selbst Priesterin werden will.“ Frustration empfindet sie auch nach den vielen Jahren nicht, aber Zeiten der Erschöpfung gibt es:  „Es gibt schon Momente, wo ich Gott sage: Du hast mir diese Berufung gegeben, und ich komme nicht weiter. Jetzt bist du mal dran, lieber Gott.“ Sie bleibt aber zuversichtlich, hofft auf den Heiligen Geist und Reformen in der Kirche. Fast alle Zuschriften, die sie erreichen, seien positiv. Und den paar wenigen, die sie als Ketzerin lieber auf einem Scheiterhaufen sähen, wünscht sie nichts Böses, nur ein positiveres Gottes- und Menschenbild.

Wie lange es denn noch gehen könnte, bis auch Frauen katholische Priesterinnen werden könnten, frage ich zum Schluss. Und sie antwortet abgeklärt: „Die Kirche ist unberechenbar, der Heilige Geist auch.“ Sie hofft, „es“ zu erleben, bevor sie 40 wird. Aber sie nähme es selbst auf dem Sterbebett noch mit einem Lächeln an, meint sie schmunzelnd. Bis dahin gibt sie „alles, was ich geben kann“. Lückenbüßerin für den zunehmenden Priestermangel jedenfalls will sie nicht sein, wenn sie abschließend formuliert: „Eine Frau sollte katholische Priesterin werden können, weil es gerecht ist und weil es sich so gehört.“

Roger Tinner

Januar 2019

Kommentare (1)

  • Marcinek Dorothea Agnes
    Marcinek Dorothea Agnes
    vor 19 Stunden
    Es gehört sich überhaupt nicht. Eine Frau ist dazu gar nicht berufen von Gott aus. Aber das wird Gott auch ihr schon zeigen. Jesus ich vertraue auf dich Amen.

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