Gesellschaft

Tschüss, Kirche!

162 000 Katholiken in Deutschland verließen 2016 ihre Kirche. Das sorgt bei den Finanzbeauftragten für leere Kassen und bei den Gemeinden für Frust. Lange verschlossen die Kirchenleitungen die Augen. Das Bistum Essen will jetzt hinschauen. Und startete eine große Untersuchung, die es bei einer Tagung zur Diskussion stellte

Der Bischof und sein Bistum
Als das Bistum Essen 1956 aus den Diözesen Münster, Paderborn und Köln quasi herausgeschnitten wurde, gehörten 209 Pfarreien mit 1,4 Millionen Gläubigen zum neuen „Ruhrbistum“. Namhafte Architekten planten Kirchen und Gemeindehäuser. Doch die Startbedingungen entpuppten sich als ungünstig. Das jüngste Baby der Bischofskonferenz durfte kein großes Erbe erwarten – Land und Immobilien behielten die reichen älteren Geschwister. Dem „Ruhrbischof“ blieb nur die Kirchensteuer, um seine Gemeinden zu finanzieren. Der Strukturwandel, der aus der Kohle- und Stahlregion ein Armenhaus machte, ging auch an der Kirche nicht vorbei. In den Rathäusern von Duisburg, Bottrop und Oberhausen fehlte die Gewerbesteuer, in Essen die Kirchensteuer. Wer sparen wollte oder musste, meldete sich bei der Kirche ab. Aber für Franz-Josef Overbeck, den vierten Ruhrbischof, ist der Aderlass in seinen Gemeinden nicht nur ein finanzielles Alarmzeichen. „Die Zahlen sind ein Maßstab, wie wir bei den Menschen ankommen. Und damit ist das, was wir in Essen erleben, nur der Anfang einer Bewegung, die alle Bistümer erfassen wird. Sie spüren es vielleicht noch nicht so stark, weil sie mehr Rücklagen haben.“

Der Kassenwart und die Bilanzen
Auch der Leiter der Hauptabteilung Finanzen Daniel Beckmann schämt sich nicht für die Armut seines Bistums. „Die exzellente Wirtschaftssituation Deutschlands überdeckt das Problem. Weil die Leute gut verdienen, sprudeln auch die Kirchensteuern.“ Sprich: Weil wenige viel zahlen, fällt nicht auf, dass die Einzahler immer weniger werden. 4300 Getaufte im Bistum Essen erklärten 2016 ihren Austritt, damit fehlen pro Jahr rund zwei Millionen Euro. Also müssen die 42 verbliebenen Groß-Gemeinden bis 2030 die Hälfte ihrer Budgets einsparen. Bitter, aber für Daniel Beckmann die einzige Rettung vor der Pleite. Denn mit jedem Kirchensteuerzahler, der vor dem Amtsgericht seinen Austritt erklärt, landen mindestens 500 Euro pro Jahr weniger in seiner Kasse. Vor allem die jungen Katholiken zwischen 20 und 35 Jahren, die theoretisch noch jahrelang zahlen würden, gehen in Scharen. Generalvikar Klaus Pfeffer will das nicht mehr einfach hinnehmen: „Diese Leute müssen uns doch was zu sagen haben!“

Die Wissenschaftler und die Fakten
Wer wissen will, was die Ausgetretenen sagen, kann sie fragen. Wissenschaftler haben genau das im Auftrag des Essener Bischofs getan. Warum kommen die Leute, warum bleiben sie, warum gehen sie? Björn Szymanowski, Wissenschaftler am Zentrum für angewandte Pastoralforschung in Bochum, entdeckte: Sowohl Getaufte wie auch Außenstehende, die nur gelegentlich mit der Kirche in Berührung kommen, schätzen gut gestaltete Erstkommunionfeiern, fröhliche Hochzeiten, einfühlsam begleitete Beerdigungen. „Das sind oft auch Gründe, wieder einzutreten.“ Auch dass die Kirche sich für Arme einsetzt, finden viele gut. Und doch ist das Image der Kirche schlecht. Die Morallehre gilt als überholt, die kirchlichen Strukturen bleiben männerdominiert. Wer so über seinen Verein denkt, verlässt ihn schnellstmöglich. Die Kirchensteuer wird zwar oft als Austrittsgrund genannt. Für Szymanowski ist sie nur der Auslöser: „Wenn die Bindung gering ist, wird der Beitrag zur Belastung.“ Wer den Pfarrer seiner Gemeinde noch nie gesehen hat, den konfessionellen Kindergarten nicht nutzt oder nie zum Katholikentag fährt, für den ist der Preis für das Produkt Kirche zu hoch. „Jeden Monat frage ich mich: Was passiert eigentlich mit meinen Kirchensteuergeldern? Wahrscheinlich viel – nur halt nichts für mich“, konstatiert der Politikberater und Bestseller-Autor Erik Flügge und fragt: „Wie lange kann eine Organisation überleben, wenn die meisten Mitglieder, die sie finanziell tragen, keinerlei Nutzen in ihrer Tätigkeit mehr erkennen?“

Die Marketing-Fachleute und die Quote
Was tun, damit das Produkt stimmt und die Kosten sich lohnen? Das Bistum Essen lud sich Ratgeber von außen ein. Zum Beispiel Florian Wagenseil, Journalist beim Privatsender RTL. „In der Kirche sind Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten. Aber für viele spricht sie eine zu hohe Sprache. Sie muss auf ein niedrigeres Niveau gehen, damit sie verstanden wird.“ Auf so ein Niveau zu gehen, ist bei RTL kein Problem. „Wer ist derjenige, für den wir senden? Das wissen wir bei RTL sehr genau. Unsere typische Zuschauerin heißt Petra, hat 1,5 Kinder, kein Abitur und macht höchstens alle zwei Jahre Urlaub am Strand. Die interessiert sich nicht für den neuesten hippen Cocktail in New York, über den wir in der Redaktion reden!“ Wagenseil gibt zu, dass es nicht immer angenehm ist, als Journalist mit Hochschulstudium und Weitblick in die Welt von Petra einzutauchen. Aber: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler!“

Für die Kirche ist das nicht so einfach, aber etwas lernen von RTL könnte sie doch. Wagenseils Fragen sind bohrend: Wer sind die, für die Kirche einen Auftrag hat? Kennt sie die? Wo können sich unzufriedene „Kunden“ beschweren? Wie beteiligt Kirche ihre „Kunden“? Denn auch bei RTL will sich der Zuschauer nicht mehr berieseln lassen, er will mitmachen. „Wenn die Quote nicht stimmt“, sagt Florian Wagenseil, „müssen wir was ändern.“
„Kündigung verhindern!“ Das ist das Konzept von Florian Hartmann, Leiter der Mitgliederabteilung des FC Schalke 04. 2016 hatte der Dortmunder Rivale zum ersten Mal mehr Mitglieder als die Blau-Weißen, eine Katastrophe für den Verein, der stolz darauf ist, von den Mitgliedern zu leben. Doch Enttäuschte zurückzugewinnen ist teuer und aufwendig, daher hat sich der Klub ein neues Programm gegeben. Man will die Mitglieder pflegen, ihnen das Gefühl geben, wichtig zu sein und mitbestimmen zu können, nicht nur als einer von 150 000 verwaltet zu werden. Nicht verwalten, sondern eine Liebesgeschichte gestalten – das könnte die Kirche von den Blau- Weißen lernen.
„Aber entscheidend ist, was auf dem Platz passiert. Wenn die elf Jungs schlecht spielen, kannst du in der Mitgliederwerbung gar nichts reißen. Da kommen die Kündigungen noch vor dem Schlusspfiff!“

Der Theologe und seine Vision
Pater Ulrich Engel ist einer von denen, die auf dem Platz stehen. Der Dominikaner hat bei der Essener Studie die theologische Sicht eingebracht. „Die Pastoral der Rahmung – von der Wiege bis zur Bahre – hat lange funktioniert. Aber für viele ist der Kirchenaustritt eine Befreiung. Und das eigentlich seit den 50er-Jahren.“ Der Theologe begrüßt diese Entwicklung sogar, denn es sei auch eine Befreiung der Kirche von ihren eigenen Bildern.
„In den hohen Austrittszahlen steckt eine Chance: dass wir nicht gezwungen sind, in den traditionellen, aber überholten Formen weiterzumachen.“ Engel hat auch eine Idee im Gepäck: Kirche sollte keine Institution, sondern eine soziale Bewegung werden, in der es kaum Hierarchien und keine formale Mitgliedschaft, sondern Aktivisten und Sympathisanten gibt. „Eine solche Kirche wäre handlungsfähig aus der inneren Motivation der Mitglieder.“ In einer solchen „Kirche mit offenen Rändern“, wie der Dominikaner sie nennt, wäre es okay, wenn jemand „nur“ für ein Projekt oder „nur“ auf Zeit mitmacht. „Menschlich kann ich die Angst der Christen vor Veränderung verstehen. Aber theologisch verstehe ich sie nicht! Wenn wir auf Jesus schauen, ist sein Projekt – von außen betrachtet – gescheitert. Wer sich Sicherheiten wünscht, ist bei ihm falsch!“

Der Generalvikar und die Zukunft
„Wir spüren, was passiert, wenn alles einfach so weiterläuft.“ Klaus Pfeffer, der als Jugendkaplan nach Essen kam und nun im Generalvikariat die bitteren Zahlen sieht, will die Augen nicht mehr zumachen. Für ihn sind die Gehenden nicht einfach nur Nicht-mehr-Zahler. „Die stellen uns infrage, auch unsere Lehre. Ist uns das egal?“ Pfeffer weiß, dass in den Gemeinden viel Frust und Bitterkeit herrscht, die Aktiven sich mehr Wertschätzung wünschen und Bewährtes erhalten wollen. Segensfeiern für Neugeborene, Projekte für Kirchenferne – Bischof Overbeck träumt von einer vielfältigen Kirche, die nicht nur für die 150-Prozentigen da sein will. Und das gefällt nicht allen. Vor allem denen nicht, die noch dabei sind und sich mit den Sparplänen herumschlagen müssen. „Wir müssen mutig sein!“, appelliert Pfeffer an seine Leute. „Nicht verstecken, was gut läuft. Den Menschen mitgeben, was ihr Leben gelingen lässt. Reden über das, was uns Hoffnung gibt. Und uns auch in Lehrfragen infrage stellen lassen, moraltheologische Fragen nicht abwürgen, sondern weiter diskutieren.“ Dass das Image seiner Kirche so schlecht ist, das hat ihn bei der Studie am meisten erschreckt. „Und das dürfen wir nicht hinnehmen. Da müssen wir was tun. Wir in Essen beginnen jetzt, an diese Fragen ranzugehen. Wir sind Vorreiter – nicht freiwillig. Aber wir bereiten uns vor auf das, was überall kommen wird. Wir müssen ringen und streiten lernen, wie es weitergeht. Und ich bin überzeugt, dass wir Wege finden werden, weil jeder von uns ein Stück Heiligen Geists in sich trägt.“

Christina Brunner

September 2018

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