Steyler Welt

Verkaufte Kinder

Offiziell ist die Sklaverei längst abgeschafft. Trotzdem gibt es sie heute immer noch. Etwa in einer abgelegenen Region Indiens, wo der Stamm der Puroik in Unfreiheit lebt. Durch Bildung versuchen die Steyler Missionare dies zu ändern und bauen dort eine Schule.

Hoffnung auf Freiheit: Fernab der Zivilisation wachsen auch die Kinder wie Sklaven auf.

Wann endlich? Wann werden unsere Kinder frei sein?“ Ständig wird Pater Patrick Vincent D’Souza diese Frage gestellt – von verzweifelten Müttern und Vätern des indischen Puroik-Stammes. Die meisten von ihnen kennen Freiheit nicht, haben nie ein selbstbestimmtes Leben geführt. Seit Hunderten von Jahren leben die Puroik als Sklaven, werden vom Stamm der Nyishi beherrscht, für die sie auf den Feldern und im Haushalt hart arbeiten müssen, deren Willkür sie ausgeliefert sind. Sie werden gekauft und verkauft wie Waren, Erwachsene genauso wie Kinder. Die „Währung“, mit der sie gekauft werden, ist das Mithun, die dortige Rinderart.

©SVDDie Puroik und ihre Herren, die Nyishi, leben in der Region Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens, in den unzugänglichen Bergtälern am Südhang des Himalaja, fernab der Zivilisation.  „Das Land der aufgehenden Sonne“ wird diese vergessene Ecke der Welt auch genannt. Die Zahl der Puroik wird auf etwa 10.000 geschätzt.

Pater D’Souza besucht sie regelmäßig. „Wir Steyler Missionare können nicht hinnehmen, dass ein Volk dermaßen unterdrückt wird“, betont er. „Wir wollen ihnen ein Leben in Freiheit ermöglichen, ihnen Bildung zugänglich machen.“ Es ist ein langer, mühsamer Marsch, den der Missionar auf sich nimmt, um zu den Puroik zu gelangen. „Eine Reise mit dem Auto ist nicht möglich, dafür sind die Straßen zu schlecht, oft unpassierbar wegen der häufigen Bergrutsche“, so Pater D’Souza.

©SVDAm Ende der Welt

Nach zwei bis drei Tagen Fußmarsch ist er endlich am Ziel. Die Puroik leben in kleinen Dörfern, ohne Strom oder andere Errungenschaften der Moderne. Ihre Bambushütten liegen meist am Rande des Urwalds und in der Nähe eines Flusses. Wie seit Urzeiten ernähren sie sich vom Fischen und Jagen, essen das Fleisch von Fröschen, Ratten, Mäusen, Eichhörnchen, Affen oder Schweinen. Aus den Stämmen der Sagopalme gewinnen sie eine Art Mehl. Inzwischen betreiben sie auch etwas Landwirtschaft, sofern ihre Herren ihnen Zeit dafür lassen.

Warum die Nyishi die Puroik versklaven konnten und seit wann sie sich als Herren begreifen, ist letztlich nicht geklärt. „Die Nyishi verbreiten die Sage, dass die Urahnen der Puroik sich bei ihnen verschuldet haben“, berichtet Pater D’Souza. „Sulung“ nannte man die Puroik auch lange abfällig, was so viel wie Sklave heißt. Wie überall auf der Welt ist auch in Indien die Sklaverei längst abgeschafft. Doch diese jahrhundertealte Machtstruktur ließ sich in diesem abgelegenen Winkel des Landes durch Gesetze nicht einfach abschaffen.

Missbraucht und bestraft

Von klein auf wissen die Puroik, dass sie nicht sich selbst, sondern ihrem Herrn gehören, ihm zu Diensten sein müssen, ohne dafür jemals bezahlt zu werden. Schon Sechsjährige werden versklavt. Die Puroik wehren sich nicht gegen ihr Schicksal – sie kennen es nicht anders. Außerdem wären die Strafen drastisch. „Die Nyishi können den Puroik die Kinder wegnehmen, ihr Haus niederbrennen, sie sogar töten“, berichtet Pater D’Souza.

©SVDDie Regierung von Arunachal Pradesh bemüht sich zwar, die Puroik mit Finanzhilfen aus ihrer Situation zu befreien. Genutzt hat es bisher kaum. „Von alleine schaffen sie es nicht, ihre Situation zu ändern“, weiß Pater D’Souza. „Sie brauchen Hilfe von außen, ständige Begleitung.“ Im Kampf gegen die Sklaverei setzt er vor allem auf Bildung. „Gute Schulen schaffen nicht nur Wissen, sondern auch eine gerechte Gesellschaft“, davon ist er überzeugt. „Eine Schule kann Brücken zwischen den Volksstämmen bauen.“ Außerdem könnten sich die Puroik durch eine Ausbildung für Jobs qualifizieren und sich dadurch von den Nyishi finanziell unabhängig machen.

Bislang war es den meisten Puroik-Kindern verwehrt, die Schule zu besuchen, denn sie mussten für die Nyishi arbeiten. Doch allmählich ändert sich etwas. „In unseren Niederlassungen in Naricamp und Seppa unterrichten wir bereits Puroik und Nyishis gemeinsam“, erzählt Pater D’Souza. Aber das reicht längst nicht, um die Puroik langfristig aus der Sklavenrolle zu befreien. Deshalb planen die Steyler Missionare den Bau einer Schule in Chayang Tajo, die für 31 Puroik-Dörfer der Umgebung zuständig ist, die aber auch von Nyishi-Kindern und anderen Stämmen der Region besucht werden soll.

Der Bau hat bereits begonnen, unter schwierigsten Umständen. „Das Baumaterial in diese abgelegene Region zu transportieren, ist körperlich enorm anstrengend“, berichtet Pater D‘Souza. Aber die Puroik helfen fleißig mit, schleppen Sand und Steine zum Bauplatz, damit ihre Kinder die Chance haben, als freie Menschen zu leben. „Jetzt glimmt in ihren Augen ein Hoffnungsschimmer.“

Die ganze Geschichte lesen Sie bei uns im Heft.

Ulla Arens

April 2020

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