Titelthema

Verzichten in Steyl

Im Missionshaus Steyl versuchen die Steyler Missionare einen alternativen Lebensstil. Sie wollen verzichten, um Mensch und Umwelt zu schonen

Im Missionshaus gibt es keine Plastikflaschen mehr. Die Gäste lieben das Wasser aus dem eigenen Brunnen, es hat eine bessere Qualität als Leitungswasser

Aufs Podest möchten sie nicht. Zu wenig sei es, was sie wirklich tun, meint Bruder Roland Scheid, der Rektor des Missionshauses. „Unser Haus ist alles andere als ein Vorzeigeprojekt. Wir haben kleine Schritte gemacht. Wir verzichten auf Plastikflaschen, kaufen einige Fair-Trade- und lokale Produkte. Aber im Großen und Ganzen ist es ein Kampf gegen Windmühlen.“

Es geht mir genauso. Was immer ich tue – es reicht nicht. Gegen Klimawandel, ungerechte Strukturen, Ausbeutung von Menschen und Böden hilft mein bescheidenes „Weniger-ist-Mehr“ nicht. Eigentlich müsste man das ganz große Rad drehen. Man. Nicht ich.

Und trotzdem: Anders leben, damit alle überleben – darüber könnte es sich lohnen, mit einem weltweit tätigen Orden zu reden. Könnte ich mir was von ihnen abschauen? Hätten die Missionare von Steyl eine Botschaft für mich?

Darum sitzen wir am großen Tisch im Speisesaal des Missionshauses: der Koch Paul Wienen, der täglich rund 60 Personen gut und günstig versorgen soll. Bruder Roland Scheid, der Leiter des Missionshauses. Der 33-jährige Lukas Buschbacher, theologischer Mitarbeiter im Gästehaus. Bruder Karl-Heinz Lotz, der die Technik wartet. Und Bruder Heinz Helf, der mit knapp 86 Jahren fast nur noch Salat isst.

©Heinz Helf SVDGute Planung hilft

„Es ist alles eine Frage der Bewusstwerdung!“, sagt Paul Wienen in seinem lustigen niederländischen Deutsch. Seit 18 Jahren kocht er im Missionshaus der Steyler Missionare. Für den 59-jährigen Niederländer war es eine gewaltige Umstellung, als er plötzlich nicht mehr alles handlich vorgeschnitten und in Plastik verpackt beim Großhändler kaufen sollte. „Man muss viel mehr planen.“ Jetzt liefert der Gemüsebauer aus dem benachbarten Belfeld, was die Äcker eben hergeben – Erdbeeren nur im Sommer, Kohl und Kartoffeln im Winter. Das schmeckt man aber auch, weiß der Fachmann. „Es ist frisch und knackig – wirklich gut!“ Seit die Mitbrüder das alte Treibhaus wieder hergerichtet haben und in den brachliegenden Gärten Gemüse anbauen, muss Paul Wienen noch flexibler sein. Die Rosenkohlknospen sind unterschiedlich groß, der Kürbis ist nicht portioniert, der Salat voller Erde.

Drei Sorten Bio-Brot liegen jeden Tag im Brotkorb. Es kommt von einem Bäcker, der auch Behinderte beschäftigt, dieses Engagement wollen die Steyler Kunden unterstützen. Aber jedes dieser Brote kostet etwa einen Euro mehr und auch fair gehandelter Kaffee und Tee sind teurer. Das kann sich nicht jeder leisten, überlege ich.

©Heinz Helf SVD„Es kostet mehr“, gibt der Rektor des Missionshauses zu. Als Leiter des Gästehauses muss er sehen, dass die Kassen nicht leer werden. Für Fleisch und Wurst vom benachbarten Bio-Bauern reicht das Geld nicht. Der 54-Jährige verzichtet deshalb darauf. Der Koch bringt jetzt dreimal in der Woche kein Fleisch mehr auf den Tisch. Gab es Protest? „Nein, gar nicht!“, sagt Bruder Heinz Helf. „Wir haben zusammen beraten und entschieden.“ Zusammen entscheiden – das ist für Bruder Roland das Erfolgsrezept für Veränderung. Und: wenigstens ein paar Schritte in die richtige Richtung setzen.

Verzichten muss cool werden

Lukas Buschbacher will möglichst wenig Kompromisse machen. Deshalb kommt er bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zur Arbeit. Er kauft fair gehandelte Kleidung und lächelt, als ich über den Kaufrausch meiner pubertierenden Tochter stöhne. „Deswegen hoffe ich auf die Fridays-For-Future-Bewegung!“, sagt der 33-Jährige. „Vielleicht ist es irgendwann nicht mehr blöd, zu verzichten. Sondern cool!“

©Heinz Helf SVDSeit dem Jahr 2000 steht die „Bewahrung der Schöpfung“ in den Dokumenten der SVD. Ich hefte meinen Blick fest auf die beiden Brüder, die seit über 50 Jahren im Missionshaus leben und viele Moden kommen und gehen sahen. „Schon vor 40 Jahren“, greift Bruder Karl-Heinz Lotz tief in die Kiste der Erinnerung, „hat der damalige Ökonom, Bruder Hans Miksche, keine Tropenhölzer im Missionshaus geduldet. Und dass wir heute mit Erdwärme heizen – dafür wurden schon vor 20 Jahren neue Heizkörper berechnet!“

Noch einen alten Segen kann der 79-Jährige aufzählen: den eigenen Brunnen, dessen Wasser etliche Plastikflaschen überflüssig macht. „Bronwater“ steht für alle Besucher im Gästehaus bereit; wer das nicht will, bekommt Getränke aus Glasflaschen. Der Speisesaal ist plastikfrei. Ein Leben ohne Müll – ein Ziel, das sie nicht erreichen können, aber es entmutigt sie nicht: „Was du kannst: mach!“, sagt der Koch.

Macht Verzichten glücklich?

Ich mache mir auch eine Liste. Tipp vom Koch: Saisonale Angebote nutzen. Der Brunnenwärter meint: Trinkwasser muss nicht aus der Flasche stammen. Buschbacher rät, mal nachzuschauen, wer meine Kleidung produziert. Wie der Missionshaus-Chef und einige seiner Mitbrüder ganz auf Fleisch zu verzichten, schafft meine Familie nicht, aber vielleicht kaufe ich weniger?

Und ich vertraue der Erfahrung des alten Bruders Heinz, der bei den Fleischklößchen von Paul Wienen trotzdem zugreift: „Wenn die Sache mal läuft, ist es kein Verzicht. Du wirst sehen: Man ist zufrieden, weil man nicht mehr so draufloslebt!“

Die ganze Geschichte lesen Sie bei uns im Heft.

Christina Brunner

März 2020

Kommentare (4)

  • Friederika Priemer
    Friederika Priemer
    am 27.02.2020
    Ein Super-Artikel! Und ich kann allen Noch-Fleischessern bestätigen, dass MIR nichts fehlt, seit ich nur noch ganz selten mal eine Bratwurst esse und auch sonst kein Fleisch mehr kaufe. Fleisch von "glücklichen" Kühen wäre mir zu teuer und das von unglücklichen Tieren würde mir sowieso nicht schmecken: wer will denn schon die ganzen Mast-Medikamente mitessen inklusive die Torturen des Transports zum Schlachthof???? Und die Quälereien zu Lebzeiten?
    Schon aus Protest gegen die Massentierhaltung sollten Noch-Fleischesser umdenken, denn nur wenn die Fleischindustrie ihre Kunden verliert, wird sie gezwungen, ihre tierverachtenden Methoden zu überdenken.
    Im Übrigen gibt es SEHR leckere vegetarische Rezepte - einfach mal ausprobieren!
    Das rät mit überzeugten Grüßen
    Friederika Priemer, Köln
  • Isolde Schönstein
    Isolde Schönstein
    am 27.02.2020
    "Man" gibt es nicht. Dass es in Österreich kein Atomkraftwerk , keine Gentechnik auf den Feldern gibt, kommt nicht von den großen Radwerken. Zig-Tausende sind dafür auf die Straße gegangen, mit Kind im Kinderwagen, schwanger, sodass die Regierung handeln musste. Es sind die vielen Einzelschritte, die große Bewegung schaffen.
    Demnächst startet die Europäische Bürgerinitiative zur Sicherung einer ganzheitlichen Landwirtschaft, da sind Sie gefragt mit Ihrem Pass zur Unterfertigung der Petition zu schreiten.
    Mit den besten Wünschen für eine gesegnete Fastenzeit. Impulse der ARGE Schöpfungsverantwortung finden Sie unter www.argeschoepfung.at
  • Hermann Bickel
    Hermann Bickel
    am 27.02.2020
    Danke!! Hermann Bickel
  • Stephan Lahrmann
    Stephan Lahrmann
    am 04.03.2020
    Das ist eine Entwicklung die 1976 bis 1979 noch gar nicht absehbar war. Ich habe in dem Zeitraum in Steyl meine Tischlerausbildung bei dem Bruder Heinz Bäumer gemacht. Damals wurde auch noch viel Tropenholz wie Iroko und Abachi und auch Teak verarbeitet zusätzlich zu den einheimischen Hölzern. Auch damals hätte man schon das Wasser aus dem Brunnen sicherlich trinken können, nur war man damals noch nicht so weit in dem ökologischem Denken. Einen lieben Gruß nach Steyl, insbesondere auch an Bruder Friedrich.
    Stephan Lahrmann

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