Weltweit

Vom Amazonas nach Europa

Der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Pater Michael Heinz SVD, hat vom 6. bis 27. Oktober an der Amazonas-Synode in Rom teilgenommen. Hier berichtet er, was die Ergebnisse für uns bedeuten.

Bei der Amazonas-Synode ging es um die Völker dieses Gebiets. Doch die Synode könnte auch für Europa Folgen haben.

Das erste Mal auf einer Synode. Das ist zunächst einmal aufregend. Gerade im Fall der Amazonas-Synode. Schließlich sind schon vorab die Wellen hochgeschlagen wegen der erhofften beziehungsweise befürchteten Ergebnisse – je nachdem, wen man im breiten kirchlichen Meinungsspektrum fragte. In Wellen mit Aufs und Abs ist das von Papst Franziskus im Oktober einberufene dreiwöchige Bischofstreffen dann auch abgelaufen.

@Stephan Neumann/Adveniat„Eine hörende Kirche“ will Papst Franziskus. Das müssen wir erst noch werden, war mein Eindruck in den ersten beiden Synodenwochen. Deshalb habe ich bei einem der abendlichen Rückblicke die Chance genutzt, um in einem dreiminütigen Kommentar die 40 Frauen und die Indigenen in der Synoden-Aula zu ermutigen, häufiger das Wort zu ergreifen. Am Ende waren sie es, die mit ihrem mutigen Auftreten dafür gesorgt haben, dass wir eine Synode des Aufbruchs mit einem Dokument des Neuanfangs für unsere Kirche erlebt haben.

Zu Beginn der dritten Synodenwoche hatte es jedoch danach noch nicht ausgesehen. In den Domitilla-Katakomben hatten am Sonntag 200 engagierte Christinnen und Christen, unter ihnen knapp 50 Bischöfe, mit einer feierlichen Messe den „Katakomben-Pakt für das Gemeinsame Haus“ gefeiert und anschließend unterzeichnet. „Du hast es verdient!“ Mit diesen Worten hatte Kardinal Claudio Hummes Amazonas-Bischof Erwin Kräutler die Stola des brasilianischen Erzbischofs Dom Helder Câmara (1909–1999) überreicht, der den ersten Katakomben-Pakt am 16. November 1965 initiiert hatte. Der aus Österreich stammende Dom Erwin, wie ihn die Menschen in Brasilien nennen, war sichtlich gerührt am Ende der symbolträchtigen Feier. Umso tiefer das Wellental, als uns Synodalen am Montag ein Vorschlag für das Schlussdokument vorgelegt wurde, das die Diskussionen in der Aula nicht widerspiegelte. 832 Änderungsanträge aus den Kleingruppen waren die Folge. In beeindruckender Weise wurden diese dann in Nachtsitzungen eingearbeitet.

Ergebnisreiche Synode

Es hat sich gelohnt: Eine vorrangige Option für die indigenen Völker. Die Öffnung der Priesterweihe für verheiratete Männer, die bereits ständige Diakone sind. Ein offizielles Amt der Gemeindeleiterin für die vielen Frauen, die in Amazonien heute schon den Großteil der Arbeit und Verantwortung tragen. Und eine Beobachtungsstelle für Menschenrechtsverletzungen im Amazonasgebiet. Die Ergebnisse, die dem Papst vorgelegt worden sind, können sich sehen lassen.

Der frische Wind der Indigenen, Ordensleute, Priester und Bischöfe aus dem Amazonasgebiet war in Rom zu spüren. Kirche und Gesellschaft in Europa können davon lernen. Mit dem Amazonas-Netzwerk REPAM (Red Eclesial PanAmazonica), das die Synode maßgeblich vorbereitet hat und dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat angehört, haben die Lateinamerikaner vorgemacht, wie vernetzt, gesellschaftlich relevant und veränderungsfreudig Kirche heute sein kann. Wir sollten diesem Beispiel folgen, die alten Strukturen hinter uns lassen und weltweit mit allen Menschen guten Willens Antworten auf die Herausforderungen der sozialen und ökologischen Krise suchen. Die Indigenen haben uns mehrfach darauf hingewiesen: Es ist zwei vor zwölf. Wir müssen handeln! Jetzt!

Weitere Stimmen zur Amazonas-Synode finden Sie bei uns im Heft.

Das Abschlussdokument der Synode in deutscher Sprache finden Sie hier.

Pater Michael Heinz SVD

Februar 2020

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„Amazonas“ an der Aare?

Solothurn an der Aare ist der Bischofssitz von Felix Gmür, Vorsitzender der Schweizer Bischofskonferenz. Von ihr gab es unmittelbar nach der Amazonas-Synode keine Stellungnahme, obwohl mehrere Stimmen innerhalb der katholischen Kirche die Anliegen der Synode aufnahmen, insbesondere jene der Weihe von „Viri probati“. Zwar ist die pastorale Situation in der Schweiz nicht vergleichbar mit jener in Südamerika, doch fragt etwa der Informationsbeauftrage des Synodalrats in Zürich, Aschi Rutz: „Warum sollen nicht auch in Europa und in der Schweiz bewährte Personen, ‘personae probatae’, ins Priesteramt berufen werden?“

Es ist nicht überraschend, dass hier bewährte Frauen als ebenso geeignet erachtet werden wie Männer: In der Schweiz werden Pfarreien längst von nichtgeweihten Männern wie Frauen pastoral geleitet, manchmal auch von verheirateten Paaren. Natürlich gibt es für jene Aufgaben, die Geweihten vorbehalten sind, Priester in den Seelsorgeteams. Alles andere übernehmen Laien. Immerhin hat die Schweizer Bischofskonferenz noch vor der Amazonas-Synode aufgrund zahlreicher offener Briefe und Appelle zur Erneuerung der Kirche offiziell festgehalten: „Die Sorgen der Gläubigen sind auch die Sorgen der Bischöfe!“ Eine Arbeitsgruppe soll sich nun mit den immer wieder gestellten Fragen zur Rolle der Frauen, zum Zölibat und zu sexuellen Übergriffen befassen und allenfalls Vorschläge „zuhanden der Universalkirche“ formulieren.

Und auch in der Schweiz gibt es mit Walter Kirchschläger, emeritierter Neutestamentler an der Universität Luzern, eine Stimme, die mit einem fiktiven Papstschreiben eine Bilanz der Synode (noch vor deren Ende) zog und auch die Frauenordination darin nicht ausschloss. Das fiktive Papst-Ich alias Kirchschläger schlägt ein mehrstufiges Verfahren vor: Wenn Verantwortliche einer Kirche am Ort einen (pastoralen) Mangel feststellen, sollen „dafür geeignete Menschen aus dieser Kirche nominiert und in einem synodalen Prozess ausgewählt“ werden – „ohne Ansehen von Geschlecht und Lebensstand“. (rt)

Der Schweizer Kardinal Kurt Koch hingegen ist skeptisch, was einen neuen Ritus für die katholische Kirche in der Amazonas-Region angeht, der dort die Weihe verheirateter Männer ermöglichen könnte. „Riten entstehen nach meiner Überzeugung nicht am Schreibtisch, sondern in einem organischen Wachstum“, sagte der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates der Zeitung „Die Tagespost“.