Interview

"Vor der Liebe kannst du dich nicht verstecken"

Viele kennen den Schauspieler Stefan Jürgens, 55, aus dem „Tatort“ und der Vorabend-Serie „Soko Wien“. Mittlerweile hat er sich auch als Liedermacher und Sänger einen Namen gemacht.

Ihr neues Album „Grenzenlos Mensch“ ist ein Appell für mehr Menschlichkeit. Wie sollte diese aussehen?
Die Menschlich- und die Mitmensch­lichkeit sollte die Prämisse allen Handelns sein. Nicht der Profit. Das ist nicht leicht zu erreichen, aber wer es nicht versucht, kann es auch nicht schaffen.
 
An welche Grenzen sind Sie dabei schon gestoßen?
An jede Grenze: die des Mitgefühls, der Belastbarkeit und des Verstandes. Gott sei Dank noch nicht an die Grenze meiner Hoffnung. Wenn man mit offenem Blick durch die Welt gehen will, wird man permanent über seine Grenzen gehen müssen: über körperliche, geografische und gedankliche Grenzen. Ich versuche mein Leben so zu leben, dass ich diesen Schritt immer wieder leisten muss und kann, dass ich meine eigene Sicht immer wieder neu justiere, um alte Muster und Verhaltensweisen zu durchbrechen und entsprechend zu ändern.

In Ihrem Lied „So nah“ geht es darum, nicht zu vergessen, was im Leben wirklich zählt. Was ist das für Sie?
Das sind in allererster Linie Menschen. Menschen und Zeit. Am besten beides: Zeit für Menschen, aber auch Zeit für mich selbst.

Haben Sie Ihre innere Mitte gefunden?
Ich kreise um sie. Die Kreise werden enger. Ich fühle mich von Jahr zu Jahr näher dran. Mehr bei mir. Ich bin gelassener geworden. Viele Streitereien mit mir selbst sind vorbei.  
 
Welche Haltung haben Sie in Bezug auf Ihre Erwartungen?
Eine relative. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mit meinen Erwartungen etwas zärtlicher umzugehen. Ich glaube, dass zum Glück und zum Ankommen defi­nitiv dazugehört, dass man milde mit sich selber sein kann. Das ist für jemanden wie mich ganz wichtig zu lernen. Der Anspruch, den man an sich selber stellt, ist nicht selten der schlimmste Feind, so habe ich es zumindest in meinem Leben oft empfunden. Er war in der Regel höher als der von an­deren an mich.

Was macht Sie stolz?
Wenn ich das Gefühl habe, dass das, was ich tue, gut und richtig ist, dass ich sagen kann, es war ein guter Tag. Und zwar nicht nur im Sinne von Leistung, sondern besonders im Sinne von Verhalten. Wenn ich sagen könnte, ich bin bei mir angekommen, dann wäre ich besonders stolz. Die Suche nach dem, was unser Dasein wirklich ausmacht, ist ein extremer Antrieb für mein ganzes Leben.
 
Eines Ihrer älteren Alben trägt den Titel „Alles aus Liebe“. Was bedeutet Liebe für Sie?
Liebe ist das Unausweichliche. Wovor man nicht weglaufen kann, sich nicht verstecken kann. Im Guten wie im Schlechten. Was einen beschäftigt, einen nicht loslässt, was man nicht gedanklich in den Schrank stellen kann. Liebe erreicht einen überall. Wenn es einen erwischt, dann ist sie eben da, in jeder Beziehung: in Not, Verzweiflung, Sehnsucht, Freude. Liebe kann man wunderbarerweise immer gleichzeitig neben anderen Dingen erleben.
 
Wie gehen Sie mit Enttäuschungen um?
Tatsächlich versuche ich, Enttäuschungen abzuleiten, indem ich mich frage, wofür das wohl gut war. Selt­samerweise hat sich dies bislang fast immer bestätigt: Danach ist stets etwas Besseres gekommen.

Melanie Fox

November 2018

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