Brauchtum

Wallfahrt zur Maria von Guadalupe

Zehn Jahre nach der Eroberung Mexikos erscheint die Gottesmutter einem armen Indio und hinterlässt ihr Bild auf seinem Umhang. Heute machen jährlich acht Millionen Menschen die Wallfahrt zur Maria von Guadalupe.

Überall ist die Geschichte lebendig

Am 13. August 1521 ging für die Azteken die Welt unter: Nach monatelanger Belagerung und Zerstörung jedes eroberten Hauses der glanzvollen Hauptstadt Tenochtitlán waren die Herrscher gefangen genommen worden. Der Widerstand erlosch, die Paläste und der große Zentraltempel wurden zerstört. Zur Weltuntergangsstimmung trugen auch die europäischen Krankheiten bei, denen die Indios massenhaft zum Opfer fielen.

Nur zehn Jahre nach dieser Katastrophe erschien auf dem Hügel Tepeyac, im Norden der Stadt, eine „hohe Frau“ einem einfachen Indio. Juan Diego schien es, als sei er in die alte Welt seiner Kultur zurückgekehrt. Er hörte den Gesang der Vögel, er fand unerwartete Blumen auf dem trockenen Hügel. Am Tepeyac hatte sein Volk seit Langem Tonantzin Cihuacóatl, „Unsere Liebe Mutter Frau-Schlange“, verehrt.

Anrede in der eigenen Sprache

Mehr als 20 Jahre später wird die Begegnung von einem aztekischen Mitarbeiter der Franziskaner so berichtet: ,Jemand sagte: Juanito, Juan Dieguito!‘ Dann wagte er, dorthin zu gehen, von wo man ihn rief; keine Verwirrung war in seinem Herzen, nichts beunruhigte ihn, vielmehr fühlte er sich über alle Maßen fröhlich und zufrieden. Er trifft eine Frau in vollkommener Hoheit und Herrlichkeit.

©Getty-Images_David-Peinado_NurPhotoFür Juan Diego und sein Volk war es wichtig, dass diese Frau mit ihm in Náhuatl sprach, in seiner eigenen Sprache. Sie war dunkelhäutig wie er. Das Band um ihren Leib zeigte ihm, dass sie schwanger war – es gab also noch eine Zukunft. Auch gegen seine Beteuerung, dass er beim Bischof – im neuen System der Welt – nicht glaubhaft wäre, beauftragte sie immer wieder Juan Diego, „ihren Hauch, ihr Wort“ zu übermitteln.

Als Zeichen der Echtheit des Auftrags befiehlt sie ihm, die Blumen auf dem Tepeyac zu pflücken. Juan Diego bringt sie in seinem Umhang zum Bischof. Als man ihn vor den Bischof zerrt, fallen die Blumen zu Boden, und auf dem Umhang erscheint das Bild der Frau. Der Bischof sieht Rosen aus Kastilien und das Bild der Jungfrau von Guadalupe. Sie wird in einem Heiligtum im südspanischen Extremadura verehrt. Aus dieser armen Provinz Spaniens stammen viele der Eroberer.

Wertschätzung für die Indios

Jetzt kann der Bischof Juan Diego glauben. Er bringt den Umhang Juan Diegos mit dem Bild der Frau in die Kirche, und damit beginnt die Verehrung der Jungfrau am Tepeyac-Hügel im Norden Mexikos.

Die Wertschätzung der Frau für die Indios ließ sie für Juan Diego und sein Volk zu einer geliebten Figur werden: zur „morenita“, der lieben dunkelhäutigen Geliebten. In vielen Ländern Lateinamerikas spricht man seine geliebte Frau als „morenita“ an, auch wenn sie hellhäutig und blond sein sollte.

„Bin ich denn nicht hier, deine Mutter?“

Die „morenita“ ist so sehr mexikanisch und indianisch, dass selbst protestantische Mexikaner sie „selbstverständlich“ verehren. Die „morenita“ wurde in den Unabhängigkeitskriegen des 19. Jahrhunderts mit in die Schlachten getragen. Sie ist heute extrem wichtig für die Latinos in den USA, die dort ihre kulturelle Identität bewahren wollen.

In allen Schwierigkeiten ihres Lebens verlassen sich die Mexikaner auf Marias Worte an Juan Diego: „Fürchte nicht diese Krankheit oder einen Kummer. Bin ich denn nicht hier, deine Mutter? Bist du denn nicht in meinem Schatten und in meinem Schutz? Bin ich nicht der Brunnen deiner Freude? Bist du nicht in den Falten meines Mantels, in der Beuge meiner Arme? Brauchst du noch mehr als das? Nichts sonst soll dich betrüben, dich bekümmern!“

Christian Tauchner SVD

Mai 2020

Kommentare (1)

  • Dobias Josef
    Dobias Josef
    am 29.04.2020
    Bei meiner Reise nach Mexico 2013 habe ich den Wallfahrtsort besucht und auch das Gnadenbild gesehen, war ein bewegender Augenblick. LG Dobias

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