Steyler Welt

Warten auf Gerechtigkeit

Wer arm ist, hat in Madagaskar wenig Chancen auf ein faires Verfahren. Der Steyler Missionar Benedict Wuwur aus Indonesien wird Anwalt der Armen

Stockbetten aus Holz und verdreckte Wände: In diesem Raum verbringen die Gefangenen ihren Alltag

Niemand weiß heute noch, wie das alles genau passiert ist. Nur so viel steht fest: Es gab Streit, und am Ende lag ein Mann tot am Boden. Wer hat ihn niedergeschlagen? 

Für Jean Boto ist diese Frage gar nicht so wichtig. Was für ihn zählt: Dass sein Sohn im Gefängnis sitzt. Und dass er alles dafür tun will, damit er wieder frei kommt. 

Denn sein Sohn ist kein Mörder. Davon ist Herr Boto überzeugt. Deshalb hat er den weiten Weg aus seinem Heimatdorf bis hinunter in die kleine Stadt Mananjary auf sich genommen. Mehr als 20 Stunden ist er zu Fuß gelaufen, aus dem Hinterland von Madagaskar bis an die Küste. 

Jetzt bittet ihn der Gerichtspräsident herein. Es ist noch keine Gerichtsverhandlung, nur eine Anhörung. Aber immerhin. Endlich wird ihm jemand zuhören, endlich wird ihm jemand glauben. Jean Boto setzt sich. Seinen Lederhut legt er neben sich auf den blanken Betonboden. Er trägt keine Schuhe.

Und dann erzählt er. Von dem Abend vor einigen Wochen. Als die Männer des Dorfes von der Feldarbeit zurückkamen. Und einige andere trafen, die im Fluss als Goldwäscher arbeiten. Sie hatten einen großen Fund gemacht. Eine Frau sei im Spiel gewesen und zwei Männer, sagten die Leute hinterher. Genau weiß es Vater Boto nicht, er war ja selber nicht dabei. „Mein Sohn wollte sich sofort um den Leichnam kümmern.“  Aber da traf auch schon die Polizei ein, und nahm ihn als Verdächtigen mit. Und jetzt?

Der Gerichtspräsident nickt. „Es ist gut, dass Sie gekommen sind,“ sagt er. „Aber damit ich etwas tun kann, brauche ich einen Augenzeugen. Wer kann bezeugen, dass Ihr Sohn unschuldig ist?“ 

Jean Boto zögert kurz. Dann blickt er nach links. Gut, dass er auf diese Frage vorbereitet war. Gut, dass er nicht allein gekommen ist. Eine junge Frau und ein kleines Mädchen sind mit dabei. Die Frau und die Tochter seines Sohnes. 

Und er hat einen Anwalt neben sich. Keinen Juristen. Sondern einen Missionar. Bruder Benedict Uran Wuwur leitet die „Kommission für Gerechtigkeit und Frieden“ in der Diözese Mananjary. Er setzt sich bei Gericht für diejenigen ein, die sich keinen Rechtsbeistand leisten können. 

Mindestens einmal pro Woche besucht der 50-Jährige das Amtsgericht. Er berät die, die ihn um Hilfe bitten, und bespricht sich mit den Vertretern der Gerichtsbarkeit. Zum Beispiel mit der Staatsanwältin. Bei ihr schaut der Steyler Missionar auch heute wieder vorbei. Ihr Büro liegt gleich neben der Amtsstube des Gerichtspräsidenten. sagt die Staatsanwältin. „Unser Rechtssystem ist kompliziert“, sagt die Staatsanwältin. „Und es arbeitet nur sehr langsam.“ 

Madagaskar hat ein ausgeklügeltes Rechtssystem nach alter französischer Prägung. Das Amtsgericht von Mananjary ist dabei nur die erste Instanz. Über die Jahre hat sich der Apparat aufgebläht. „Eine Reform ist dringend nötig,“ gibt die Staatsanwältin zu. Als sie beschreibt, wie viele Stationen ein Antrag auf Haftentlassung durchlaufen muss, bis er – vielleicht - Erfolg hat, reicht ein ganzes Blatt Papier kaum aus. Und an jeder einzelnen Station  sitzt ein Beamter, der entscheidet, wie schnell der Antrag bearbeitet wird. Wer den Vorgang beschleunigen will, muss zahlen. Wer kein Geld hat, muss warten.

Warten. Damit verbringen die meisten der 400 Insassen nebenan im Gefängnis ihren Tag. Ein uraltes Steingebäude, wohl noch aus der Kolonialzeit. 400 Insassen, aber nur zwei Toiletten. Stockbetten aus Holz, verschmierte und verdreckte Wände. Manche Männer sind seit Jahren hier, andere kamen erst vor ein paar Tagen. Wer ein Huhn gestohlen hat, schläft neben einem, der einen anderen getötet hat. Mörder neben Dieb, Totschläger neben Unschuldigen. Denn auch, wer noch gar nicht verurteilt ist, lebt hier. Und muss: warten. Bis sein Fall verhandelt worden ist. 

Nun drängen sich die Männer auf dem engen Gefängnishof. Die Wärter haben gerade zum Morgenappell gerufen. In langen Reihen aufgereiht hocken die Gefangenen am sandigen Boden. Ein Beamter des Gerichts hält eine Ansprache, er erklärt die neuesten Regelungen für  Anträge und Gnadengesuche. „Wenn ihr alle Papiere beisammen habt, dann dauert es nur zwei Wochen und ihr seid frei.“

Ein Häftling hebt die Hand. Er darf eine Frage stellen. „Ich kann nicht lesen und nicht schreiben. Wie soll ich das machen mit dem Gnadengesuch?“ Rechte haben ist das eine, Rechte kennen das andere. Und wer seine Rechte kennt, der muss dann auch noch wissen, wie er sie einfordern kann. 

„Wenn man den Menschen im Busch ein Gesetzbuch zeigt, dann wissen sie nicht, was das ist“, sagt der Kommandant der Polizeidienststelle Mananjary. „Wir sind dafür da, ihnen das beizubringen.“ 

Auch die Polizeistation besucht der Steyler Bruder bei seiner wöchentlichen Runde. Die Polizei genießt hier keinen allzu guten Ruf. Zuletzt kam es in Mananjary im April 2015 zu gewaltsamen Ausschreitungen, weil eine wütende Menge gegen die Verhaftung eines vermeintlichen Diebes protestierte. Schüsse wurden abgefeuert, es gab Verletzte – und die leitenden Polizeibeamten wurden danach in eine andere Stadt versetzt. Heute trifft Pater Benedict den neuen Kommandanten zum ersten Mal. Freundliches Händeschütteln, ein paar lockere Worte.

„Es nützt nichts, sich zu bekriegen,“ sagt der aus Indonesien stammende Missionar. Er bemüht sich um gute Beziehungen zur Obrigkeit. Zu Richtern und Staatsanwältin, zum Chefsekretär des Gerichts, zum Polizeikommandanten. Nur, wenn die ihm vertrauen, kann er etwas für die Leute erreichen, die ihn um Hilfe bitten.

Schon kleine Maßnahmen können dabei große Erfolge bringen. Ein Beispiel: Damit Kinder in Madagaskar zur Schule  gehen dürfen, müssen ihre Eltern eine Geburtsurkunde vorweisen. Aber in vielen abgelegenen Dörfern werden viele Geburten gar nicht offiziell registriert. 

Bruder Benedict hat inzwischen viele hundert Anträge gestellt und zahlreichen Familien zu diesem wertvollen Dokument verholfen. „Das ging nur, weil ich die Leute auf dem Amtsgericht gut kenne.“ So wurden die Papiere zügig ausgestellt – ohne, dass ein „Beschleunigungsgeld“ nötig gewesen wäre. Die Staatsanwältin sagt: „Benedict ist ein Anwalt der einfachen Leute geworden.“

Aber auch ein Missionar muss sich an die Regeln halten. Er kann Gesetze und Prozeduren nicht einfach außer Kraft setzen, nur weil ihn jemand darum bittet. Jeden Mittwoch ab 8 Uhr morgens stehen Hilfesuchende vor der Eingangstür des Steyler Missionshauses. Oft geht es um Streitigkeiten unter Nachbarn, zum Beispiel um Landrechte. Die eine Familie beansprucht das Feld einer anderen, und wenn sie sich nicht einigen können, kommt es zum Streit – und plötzlich liegt eine Anzeige bei der Polizei vor - wegen angeblichem Diebstahl, oder einem ähnlichen Vergehen.

Da braucht es eine gute Menschenkenntnis. „Ich kann nie sicher wissen, ob mir die Menschen wirklich die Wahrheit sagen,“ sagt der Steyler Missionar. Er muss das rechte Maß finden zwischen Vertrauen und Argwohn. Hat der junge Mann, dessen Familie darum bittet, sein Gnadengesuch zu formulieren, wirklich nur einen kleinen Einbruch begangen? Oder war er doch in eine Gewalttat verwickelt? Wie ist der handfeste Streit zweier Bauersfrauen wirklich verlaufen?

So kann Benedict Wuwur auch bei der Anhörung von Vater Boto zunächst nur still dabei sitzen. Das Urteil werden andere fällen. 

„Also, haben Sie nun einen Augenzeugen?“ fragt der Gerichtspräsident noch einmal. „Ja. Das Mädchen,“ sagt Herr Boto. Seine Enkeltochter, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, habe alles mit angesehen. Sie könne aussagen, wer die Tat begangen hat. Oder zumindest bezeugen, dass ihr Vater nichts damit zu tun hat. „Bitte, hören Sie das Mädchen an!“ Der Gerichtspräsident hebt die Hand. „Das genügt mir leider nicht,“ entgegnet er. „Sie ist ein Kind. Es muss ein Erwachsener sein.“ Auch nach mehreren Nachfragen bleibt er bei seiner Meinung. „Bringt mir einen erwachsenen Augenzeugen. Dann sehen wir weiter.“

Jean Boto nickt still und steht auf. Draußen sagt er: „So viel Mühe. Für nichts.“ Der Gerichtspräsident hat ihm geraten, eine schriftliche Anzeige zu formulieren und dabei die Zeugenaussage zu präsentieren. Aber wie soll er das machen? „Ich bin doch nur ein einfacher Reisbauer“, sagt er.

„Ich werde Ihnen dabei helfen,“ verspricht Bruder Benedict. Mehr kann er im Moment nicht tun.  Es wird Tage, Wochen, vielleicht sogar Monate dauern. Und Francois-Xavier, der Sohn von Jean Boto, wird bis dahin im Gefängnis bleiben müssen. Ohne Gerichtsverhandlung, ohne Urteil. Vielleicht sogar ohne Schuld.

Christian Selbherr

April 2016

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Madagaskar

Amnesty international schreibt im Jahresbericht 2013 über Madagaskar: „Gravierende Menschenrechtsverletzungen, darunter Hunderte rechtswidrige Tötungen sowie willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen durch die Sicherheitskräfte, waren an der Tagesordnung. Dabei gingen die Täter auch 2012 fast immer straffrei aus. Führende Politiker, Journalisten, Priester und Rechtsanwälte sowie andere, die den Behörden kritisch gegenüberstanden, waren Einschüchterungsversuchen ausgesetzt und wurden in einigen Fällen in unfairen Gerichtsverfahren zu Freiheitsstrafen verurteilt.“ 2014 hat Madagaskar die Todesstrafe abgeschafft.

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