Ratgeber - Bibel

Was meint Paulus?

Vor dem Einschlafen lese ich fast immer noch in der Bibel. Wie kann man Paulus interpretieren, wenn er in 1 Korinther 14,26–40 den Frauen gebietet, im Gottesdienst zu schweigen?

Im Brief an die Galater gibt Paulus ein Taufbekenntnis wieder, das die grundlegende Vision ausdrückt, die für Christen mit der Taufe verbunden war: Die Unterschiede, die die Gesellschaft des Römischen Reiches prägten und in ein „Oben“ und „Unten“ einteilten, sind im Glauben an den Messias aufgehoben: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (3,27f).

Dass dies nicht nur ein frommer Wunsch war, zeigen verschiedene Grußlisten, wie die im Römerbrief (16,1–16). Sie offenbaren ein vielfältiges Miteinander von Männern und Frauen in verschiedenen Aufgaben und Funktionen in den Gemeinden, darunter zahlreiche Frauen in verantwortlichen Positionen. Paulus hat die Arbeit dieser Frauen respektiert, geschätzt und gefördert. Er war in das Beziehungsnetz dieser Gemeinden verwoben und von ihm getragen. 1 Kor 11,5 spricht ganz selbstverständlich von Frauen, die in der Gemeinde laut beten und mit prophetischer Rede auftreten.

Was nun 1 Kor 14,34–35 angeht, so halten viele Ausleger sie für einen späteren Einschub, der übrigens den Zusammenhang mit V. 36 störend unterbricht. Und es stellt sich die Frage, ob es hier wohl eher um eigenmächtiges Dazwischenfragen von Frauen geht und nicht um geistgewirktes Beten und Reden.

Falls diese Verse von Paulus stammen, so ist es möglich, dass er sich mit der Betonung auf die strengen Kleidungsvorgaben für Frauen gegen eine bestimmte Gruppe gerichtet hat, die durch ihr Auftreten mit unbedecktem Kopf und offenem Haar die Gleichrangigkeit mit Männern hatte demonstrieren wollen. Oder aber es fühlten sich einige Männer in ihrer hierarchischen Rolle bedroht, sodass man mit theologischen Argumenten versuchte, den Gemeindemitgliedern die Unterordnung der Frau unter den Mann einzuschärfen.

Paulus hat nie ahnen können, dass seine Briefe, die er damals für bestimmte Situationen in spezifischen Gemeinden formulierte, noch 2000 Jahre später in einem völlig veränderten Kontext als Wort Gottes verkündet würden. Sie sind es, weil sie vom Geist eingegeben sind, und dennoch müssen wir auf die zeitbedingten Details achten, die wir nicht einfach so übernehmen dürfen. Wir haben es immer mit Gottes-Wort im Menschen-Wort zu tun. Das heißt,  wir haben den Auftrag, das wirklich Nahrhafte aus einer manchmal nicht zum Verzehr geeigneten Schale herauszuschälen. Erst dann schmecken wir die Köstlichkeit der Botschaft Gottes.

April 2019

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