Das Gespräch

Wer Christ ist, hat die Pflicht zu helfen

Wenn die evangelische Kirche 2017 den Beginn der Reformation vor 500 Jahren feiert, wird die Spaltung zwischen Katholiken und Evangelischen wieder schmerzhaft spürbar werden. Eine Spaltung, gegen die Luther heute wohl protestieren würde, meint Heiner Geißer, Autor des Buches „Was würde Luther heute sagen, im Gespräch mit stadtgottes-Redakteurin Melanie Fox

„Die Botschaft des Evangeliums ist so überragend, dass ich versucht habe, mich in meinem Leben daran zu orientieren.“

Heiner Geißler

Warum soll man sich als Katholik mit Luther beschäftigen?

Luther ist eine große Persönlichkeit im Christentum. Er war geweihter katholischer Priester und Augustinermönch. Die Spaltung war nicht sein Ziel, sondern er wollte den Papst und den Kaiser für seine neue Theologie gewinnen. Das ist ihm natürlich nicht gelungen. Diese Spaltung ist heute total überflüssig, und schon aus diesem Grund muss man sich mit Luther beschäftigen. 

Warum kamen seine Ideen bei den einfachen Leuten so gut an?

Er hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, die Menschen haben ihn verstanden. Er hat, vergleichbar dem heutigen Internet, das damalige modernste Medium genutzt, nämlich den Buchdruck. 

Unterstützt wurde er aber auch vom Adel ...

Sie waren gegen die Verfilzung der damaligen katholischen Kirche. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil sie ihr Geld lieber bei sich behalten hätten, als es nach Rom zu transferieren, wo es für den Bau des Petersdoms verwendet wurde. Luther kam ihnen gerade recht, weil er seine Argumente theologisch untermauert hat. Vor allem hat der Kurfürst Friedrich der Weise zu Wittenberg Luther geschützt, indem er ihn auf der Wartburg untergebracht hat. 

Im nächsten Jahr feiert die evangelische Kirche in Deutschland  das Reformationsjubiläum. Wie sieht Ihre Vision eines gemeinsamen christlichen Lebens von Protestanten und Katholiken aus?

Es gibt doch im Grunde genommen nur ein einziges Hindernis: Das päpstliche Verständnis von der Unfehlbarkeit. Die Taufe ist die Grundlage für das Christsein. Das zweite Vatikanische Konzil sagt ausdrücklich, dass wir durch die gemeinsame Taufe Christen sind, was spricht also gegen eine gemeinsame Abendmahl-Feier? 

Was müsste Luther heute sagen, heißt Ihr Buch. Was müsste er denn sagen?

Macht nicht die Fehler, die wir damals gemacht haben. Redet miteinander auf Augenhöhe und beendet die Spaltung sobald wie möglich, denn die Welt wird heute beherrscht von unchristlichen Werten und Vorstellungen, von Kapitalinteressen. Die Kirchen schwächen sich selber zu sehr durch diese Spaltung, sodass sie in der Vorstellung der Menschen, wie die Welt von Morgen aussehen soll, keine Rolle mehr spielen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass durch den Ruf nach Buße die frohe Botschaft aus dem Bewusstsein der Menschen und der Kirche verschwunden ist. Meinen Sie, dass in den Kirchen die frohe Botschaft nicht verkündet wird?

Sie wird schon noch verkündet, aber sie steht nicht an erster Stelle. Den Christen wird immer wieder vermittelt, dass sie Sünder seien. Damit wird die eigentliche Frohe Botschaft zurückgestellt. Es ist wertlos, sonntags in die Kirche zu gehen, fromm zu sein, die Hände zu falten, wenn ich mir in der Woche das Maul zerreiße über Asylanten und Harz IV-Empfänger. Im Evangelium steht: Wie kann jemand Gott lieben, den er nicht sieht, wenn er seinen Bruder hasst, den er sieht. (1. Joh. 4)

Wie sehen Sie die Veränderungen durch Papst Franziskus?

Der Papst hat mit einem Wort alles auf einen Nenner gebracht: Barmherzigkeit. Das Wort gibt alles wieder, was Nächstenliebe bedeuten muss: Hilfe für diejenigen, die in Not sind. Es wäre unbarmherzig, Notleidende einfach allein zu lassen. Das heißt aber auch, dass man die soziale Gerechtigkeit nicht dem Zufall überlassen darf. Papst Franziskus ist eine absolute Hoffnung für die Einheit der Kirche. 

Ich zitiere noch mal aus ihrem Buch: „Wer sich auf Gott beruft, sich Christ nennt oder das Adjektiv christlich im Namen seiner Partei verwendet, dessen Worte und Taten müssen sich an den Werten und Aussagen seines Glaubens und seiner Religion messen lassen. Haben Sie das in Ihrem politischen Alltag erlebt? 

Auf allen Bundesparteitagen ist das Grundsatzprogramm der CDU, welches 1978 verabschiedet worden ist, immer wieder bestätigt worden: „Der Glaube gibt uns keine Handhabe unmittelbar für das politische Handeln, aber der Glaube gibt uns ein Bild vom Menschen, das sich unterscheidet von den Menschenbildern, die andere Ideologien und Philosophien entwerfen.“ Im ersten Grundsatzprogramm stehen wirklich gute wunderbare Sätze. So zum Beispiel dass die Würde des Menschen unabhängig ist vom Urteil anderer Menschen. Alle großen Sozialgesetze sind von der CDU verabschiedet worden, angefangen beim Betriebsverfassungsgesetz über die Familienpolitik, die Rentenversicherung, Sozialhilfe bis zum Arbeitsrecht. In anderen Bereichen der praktischen Politik haben die CDU und die CDU-Führung ihre Entscheidungen jedoch nicht immer an diesem Menschenbild orientiert. Zum Beispiel in der Ausländerpolitik und ihrer Position gegenüber Militärdiktatoren. 

Im Moment erleben wir gerade eine Flüchtlingswelle, die viele überrascht hat. Sie auch?

Als ich noch Generalsekretär war, habe ich schon die These vertreten, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. De facto sind schon in den 1980er Jahren mehr Menschen pro Kopf der Bevölkerung von außen nach Deutschland eingewandert als in den klassischen Einwanderungs-ländern wie Amerika, Kanada oder Australien. Ich bin deswegen sehr hart angegriffen worden, weil ich gesagt habe: „Es kommt nicht mehr darauf an, ob wir mit Ausländern zusammen leben wollen, sondern nur noch, wie wir mit ihnen zusammen leben.“ 

Dies entsprach auch dem Menschenbild, das Jesus selber entworfen hat, in der Bibel steht: Als ich hungrig war habt ihr mir zu essen gegeben, als ich Durst hatte gabt ihr mir zu trinken, als ich krank war habt ihr mich gepflegt und als ich in der Fremde war habt ihr mich aufgenommen“. (Matth. 25, 31-46). Das ist eine hochmoderne Botschaft, die vor 2000 Jahren von Jesus verkündet worden ist. 

Ihnen ist dieser Jesus von Nazareth wichtig?

Die Gottesfrage kann man nicht mit absoluter Sicherheit beantworten, das wird niemand können. Aber etwas kann man nicht anzweifeln, das ist das Großartige am Christentum: Jesus. Dass er gelebt hat, das, was er im Kern gesagt hat, diese wirklich einmalige, grandiose und nie mehr so geäußerte Botschaft, die Art, wie er sie verkündet hat. Das ist etwas wirklich ganz Unglaubliches. Daran kann man nicht nur glauben, sondern man kann es wissen und sollte auch dementsprechend handeln. 

Handeln, wie Jesus es gelehrt hat – seinen Nächsten zu lieben.

Ja, genau. So zu handeln, wie Jesus es gelehrt hat. Versuchen anderen Menschen zu helfen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. So wie es ja unter anderem die Steyler Missionare machen. Nächstenliebe ist nicht Gutmenschentum oder platonische Spinnerei, Nächstenliebe ist eine Pflicht. Wenn ich Christ sein will, habe ich die Pflicht, dem anderen immer dann, wenn er in Not ,ist zu helfen. Eine Botschaft, die ich in meinem Leben erfahren durfte, das ist Jesus für mich. 

Melanie Fox

Januar 2016

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Zur Person

Dr. Heiner Geißler, 85, studierte Jura und Philosophie. Nach seiner Zeit als Priesterseminarist bei den Jesuiten startete er seine politische Karriere in der CDU. 1965 wurde er zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag gewählt. Geißler war Bundesfamilienminister, CDU-Generalsekretär und Vize-Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Seit 1997 vermittelt Geißler regelmäßig in verschiedenen Tarifkonfliktenund war dabei mehrfach als Schlichtertätig, zuletzt beim Neubau des Stuttgarter Bahnhofs. Neben seiner politischen Karriere hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt „Was müsste Luther heute sagen“, erschienen im Ullstein-Verlag